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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 24. August 2017 | 03:05

    Christoph Martin Wieland: Geschichte des Prinzen Biribinker

    25.07.2011

    Der junge Wilde oder Eine Fantasie auf das Parisurteil

    »Nichts auslassen im Leben!« So ähnlich könnte der Wahlspruch des jungen Prinzen klingen, den Christoph Martin Wieland (1733-1813) in seinem Feenmärchen, der Geschichte des Prinzen Biribinker (1764), als Beispiel für eine moderne pragmatische Lebenssicht – nicht nur in seiner Zeit des Enlightenment – zeichnet.

    Von HUBERT HOLZMANN

     

    Mit dem zweiten Band der Reihe »Gespenster-Bibliothek« hat der Hamburger Textem Verlag die Geschichte des Prinzen Biribinker aus Christoph Martin Wielands Roman Don Sylvio neu aufgelegt, zusammen mit zauberhaft verschleierten Monotypien, die die versteckte Erotik der Geschichte – mit Titeln wie »Kamasutra-Tapete«, »Ambrosia«, »Nacht mit der Unsichtbaren« – unterstreichen, ausgeschmückt und mit einem erhellenden Nachwort des Kunsthistorikers Michael Glasmeier versehen.

     

    Das Märchen von Biribinker ist eigentlich schnell erzählt: Der neugeborene Thronerbe eines unbekannten Königreichs wird von einer schrecklichen Zaubermacht bedroht, er darf auf keinem Fall einer bösen Fee in die Hände fallen. Ein weiser Zauberer rät deshalb dazu, den Prinzen mit einem ungeheuerlichen Namen auszustatten und ihn bis zu seiner Volljährigkeit in die Obhut der Bienenkönigin zu geben, die ihn in ihrem Feenreich schützt und mit Honig aufzieht. Folglich »spuckte [er] lauter Syrup, pißte lauter Pomeranzen-Blüth-Wasser, und seine Windeln enthielten so köstliche Sachen«.

     

    Irgendwann jedoch wird es dem Knaben trotz aller Süßigkeit zu langweilig, ihn zieht es hinaus ins pralle Leben. Und nicht lang, so begegnen ihm – so als hätte es gar nicht anders sein können – verschiedene verzauberte weibliche Fantasiewesen, die er natürlich von ihrem Bann, ihrer Erstarrung, erlöst und rettet. Beinahe im nebenbei besiegt er außerdem den bösen Zauberer und zur Belohnung – oder weil er eigentlich ein schönes Milchmädchen liebt – werden ihm seine Eskapaden der Jugend verziehen. Das Milchmädchen erhört seine Liebe, sie heiraten und »das neue Ehepaar liebte sich so lange als es konnte, und zeugete Söhne und Töchter« und der König regierte »so weislich« wie schon zuvor sein Vater.

     

    Ein paradiesischer Lustgarten

    Warum um alles in der Welt, fragt sich der Leser nun, wird solch eine Märchenerzählung von einem heutzutage vor allem noch in Fachkreisen bekannten Autor der Aufklärung wieder neu aufgelegt? Was könnte der Grund dafür sein, dass ein kleiner Verlag wie Textem und der Herausgeber Michael Glasmeier, der es übrigens versteht, den Text spannend zu kommentieren, und dabei nicht nur auf den literaturwissenschaftlichen Kontext eingeht, sondern vielmehr manch rätselhafte Passage beleuchtet und Wielands Verspieltheit und Fantasie entschlüsselt, gerade die Geschichte des Prinzen Biribinker auswählen?

     

    Zweierlei dürfte hierfür wohl vor allem ausschlaggebend gewesen sein. Einmal ist Wielands Erzählung auch heute noch ein ganz herausragendes Beispiel für den ungeheuren Einfallsreichtum eines Autors, für die fantastischen, ja beinahe surrealen Erzählmomente. Wieland der Außenseiter der Weimarer »Vier« lebt außerhalb, etwas abgelegen auf seinem Gut in Oßmannstedt. Seine Werk besteht aus einem »Riesenstapel Romane, Lehrgedichte, Satiren, Märchen, Lobgesänge und philosophische Dialoge«, mit dem auch seine Zeitgenossen schon so ihre Schwierigkeiten hatten. So wundert man sich als Leser nicht nur über viele Details. Dem absonderlichen Namen des Helden Biribinker wohnt beispielsweise ein Zauber inne, der ihn vor allem möglichen und unmöglichen Ungemach schützt, der die bösen Feen und Zauberer in die Flucht schlägt und der gute Mächte – und besonders weibliche Naturgeister – wundersam anzieht.

     

    Ihm tun sich verborgene Märchenschlösser mit Spiegelsälen und Kostbarkeiten auf, ihm erscheinen die schönsten Feen und auch ein sprechender Kürbis. »Indem er sich nun so gut er konnte, einen Weg durch diese Wildniß machte, stieß er von ungefehr mit dem rechten Fuß an einen grossen Kürbis, der so ziemlich dem Wamst eines schinesischen Mandarins gleich sahe, und den er unter seinen breiten Blättern nicht gleich wahrgenommen hatte.« Es stellt sich heraus, dass der Kürbis eigentlich ein verwandelter Liebhaber einer der Nymphen ist, die Biribinker an einem Brunnen beim Baden beobachtet. Der Kürbis weist Biribinker den Weg zu einem Feuerbad und zur unsichtbaren Schönheit und dem furchtbaren Zauberer.

     

    Die Welt Biribinkers ist eine sehr eigentümliche Welt, sie ähnelt einem künstlichen Paradiesgarten, ist sie doch eine geschlossene Welt, in der allein der Prinz seinen Weg sucht. In dieser künstlichen Welt tauchen vor ihm Wunderorte auf, sie verschwinden ebenso schnell, wie sie später wieder entstehen. Neben Schlössern gibt es Blumen, Hecken, Teiche – wie in einem barocken Lust- oder Irrgarten. Dass Biribinker sich dann plötzlich in einem Walfischbauch wieder findet, passt auch irgendwie, wird doch die Welt des Prinzen wie durch Bühnenmaschinerie unvermittelt verwandelt. 

     

    Das Wielandgut in Oßmannstedt Das Wielandgut in Oßmannstedt

    Feen, Nymphen, Ondinen

    Komödienhaft, karnevalesk ist dieses Spiel in den verwandelten Welten, die doch immer ein und dieselbe Bühne ist. Denn Biribinkers Welt ist ein hermetisch geschlossener Raum, eine Spielwiese für die ersten Erfahrungen des Helden – die ersten Erfahrungen mit Frauen. Als Erstes begegnet ihm ein Milchmädchen, in das er sich auf der Stelle unsterblich verliebt und das er sofort besitzen muss und heiraten will. Doch so einfach ist das nicht und so ist das Los des jugendlichen Liebhabers die verdiente Abfuhr. Seine Unerfahrenheit und seine etwas plumpe, ungestüme Anmache verschreckt die Kleine. Wer möchte denn schon einen jungen Wilden? Auch Parzival brach die Weide ganz ohne Bewusstsein. Doch Biribinkers Angebetete erschrickt und kann davonrennen.

     

    Dann geht es eigentlich so richtig rund. Der verzauberte Lust- und Irrgarten wird des Nachts zur Liebeswiese. Der Reihe nach trifft Biribinker drei Feen, Ondinen, Nymphen, von denen er so überwältigt ist, dass er sie vernascht – ganz in der Überzeugung, dass er sie liebt. Die erste Begegnung raubt ihm die Unschuld, alles geschieht noch etwas zufällig. Als er in einem märchenhaften Schlafgemach ein dringendes Geschäft verspürt und er einen goldenen Nachttopf findet, verwandelt sich dieser in die Fee Cristalline – »und ehe [Biribinker] sich noch aus seiner Bestürzung erhohlen konnte, sagte sie zu ihm: Willkommen Prinz Biribinker! Lassen sie sichs nicht verdriessen einer jungen Fee einen Dienst gethan zu haben... Finden sie nicht, dass mich die Natur zu einem edlern Gebrauch bestimmt hat?«

     

    Und bereits bei seinem zweiten Liebesabenteuer setzt er seine Fähigkeiten und Fertigkeiten bewusst ein: »Biribinker wurde nach und nach so natürlich und überzeugend, als sie [die Ondine] es nur wünschen konnte, und ob sie gleich eine Beobachterin dessen war, was man Gradationen nennt, so wusste sie doch die Zeit so gut einzuteilen, dass es eben Nacht wurde, wie der Prinz die Ueberzeugung bis zu derjenigen Evidenz trieb, die keinen Zweifel übrig lässt. Die Geschichte sagt weiter nichts von dem, was zwischen ihnen vorgegangen, als dass sich Biribinker des Morgens, da er erwachte, zu seinem nicht geringen Erstaunen, auf eben dem Ruhebette … befand«. Wieland umschreibt die süßesten Leerstellen der Literatur gekonnt. Und wie in der Wirklichkeit findet Biribinker am Morgen sofort zurück in die Realität. Von seinen Zauberfrauen will er nichts mehr wissen, er hat jetzt wieder Lust auf sein Milchmädchen.

     

    Dass Biribinker dabei nicht nur die bürgerlichen Moralvorstellungen außer Acht lässt, ist für ihn kein Problem. Er zeigt sich verwundert, dass seine Umwelt, also das Milchmädchen, seine Sprunghaftigkeit nicht begeistert aufnimmt. Wohl eine typisch männliche Sensibilität. Eine der Feen bringt es auf den Punkt: »Hat man jemals einen Liebhaber gesehen, wie sie sind? Sie ziehen den ganzen Tag in der Welt herum, ihre Geliebte zu suchen, und bringen die ganze Nacht in den Armen einer andern zu«. Für Biribinker ist dies Prinzip seiner Adoleszenz. Erfahrungen gehen über alles, nur so führt der Weg zur Reife, zur Selbsterkenntnis, die Frauen müssen erkannt werden. Erst danach kann aus der Schar der Schäferinnen die eine hervortreten, die das Reich mit ihm regieren wird.

     

    Wie Parzival als unerfahrener Jüngling entledigt sich Biribinker seiner Gegner, lässt Zauberer erstarren, löst Bannsprüche und schließt Freundschaften. Dies alles an der Grenze des Knaben zum Manne. Der Weg des Prinzen scheint dabei vorherbestimmt und auf wundersame Weise vom großen Zauberer Caramussal gesteuert – es ist ein festgelegtes Erziehungsprogramm für den Thronerben. Ein aufgeklärtes? Dass dabei feste Moralvorstellungen, ja gar Gottesgläubigkeit und Ehrfurcht über Bord geschmissen werden, ist revolutionär – vor allem zu Wielands Zeit. Aufklärung war nicht gleichzusetzen mit völliger Freiheit und ungebremster Fantasterei. Wielands Humor und Spielwitz dennoch ein weiterer Schritt hin um seine Gegner in ihren engen Grenzen zu überführen.

     

    Witz und Humor liegen nicht zuletzt auch bereits in der Namensgebung unseres Helden. Nach seiner Irrfahrt, seinen pubertären Nöten erhält Biribinker seinen endgültigen Namen: Cacamiello – nomen est omen – versteckt sich doch darin der »Honigsyrup« seiner Kindheit. Biribinker bleibt also, was er war – ein »süßer Hosenscheißer«. Erstaunlich.

     



     

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