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    Samstag, 24. Juni 2017 | 14:08

    Alfred Kubin: Die andere Seite

    24.01.2011

    Dunkelkammer der Seele

    Alfred Kubin schrieb seinen ersten, einzigen Roman in einer Schaffenskrise 1908. In nur drei Monaten entstand Die andere Seite, eine beklemmend düstere Endzeitvision. Sie beeinflusste Expressionisten und Surrealisten, gilt heute als Klassiker der »schwarzen« Moderne und erweist sich als Werk von erstaunlicher Aktualität. Von MONIKA THEES

     

    Der »Ruf« klingt verlockend: Claus Patera, der über zwanzig Jahre verschollene Jugendfreund, gelangte zu unerhörten Reichtümern, errichtete fern im Inneren Asiens ein »Traumreich«, eine »Freistätte für alle mit der modernen Kultur Unzufriedenen«, so berichtet der Abgesandte. Zutritt erfahren nur Auserwählte, durch »strenge Sichtung der Person« wird die Übersiedelung nur angetragen dem, der prädestiniert ist durch Geburt, frühes Schicksal und eminent geschärfte Sinne. Das Traumreich verspricht »ein möglichst durchgeistigtes Leben«, fern von Existenzsorgen, fern der »Fortschrittlichkeit im allgemeinen, namentlich auf wissenschaftlichem Gebiet«. Franz Gautsch, der Emissär Pateras, streckt das nötige Reisegeld vor, und nach abendlicher Rücksprache mit seiner Frau sagt der Ich-Erzähler zu.

     

    Kein Shangri-La an den Hängen des Tienschan, kein utopischer Zukunftsstaat erwartet die Reisenden, die anfängliche Faszination weicht dem Albtraum einer real gewordenen Dunkelkammer, dessen Bilder bis in die dämmernde Kindheit zurückreichen und die sich immer wieder neu gebären, als Chimären des Unbewussten, als Abbilder einer Existenz ohne aufklärerische Vernunft, ohne die »Sonne« der Selbstvergewisserung und kritische Unterscheidung. Perle, die wohltönende Hauptstadt der Reiches, bevölkern im dumpf-dösigen Mief eines geistig nebligen Dauergraus »mit sich und der Welt zerfallene Unglückliche, Hypochonder, Spiritisten, tollkühne Raufbolde, Blasierte, die Aufregungen, alte Abenteuer, die Ruhe suchten [...]«. Sie alle »fanden Gnade vor den Augen des Herrn«, des unsichtbaren, doch allgegenwärtig präsenten Patera.

     

    Nah des neurotischen Zusammenbruchs

    Alfred Kubin, der österreichische Grafiker, Schriftsteller und Buchillustrator (1877-1959), schrieb seinen ersten Roman am »Wendepunkt einer seelischen Entwicklung« 1908 in Zwickledt bei Wernstein am Inn. Nach mehreren Studienreisen war er zurückgekehrt auf den oberösterreichischen Herrensitz, den der seit kurzem mit seiner Frau Hedwig Gründler bewohnte. Er spürte, trotz starken Arbeitsdrangs, die Unfähigkeit, »zusammenhängende, sinnvolle Striche zu zeichnen [...]« und begann, »selbst eine abenteuerliche Geschichte auszudenken und niederzuschreiben«. Anschließend illustrierte er den Roman, fügte einen Plan der Traumstadt hinzu und widmete das Werk dem »Gedächtnis« seines kürzlich verstorbenen Vaters. 1909 wurde Die andere Seite erstmals veröffentlicht.

     

    Sie begeisterte Expressionisten und Surrealisten, galt später Geborenen prophetisch die Schlachtfelder von Verdun, die dunklen Reiche des zwanzigsten Jahrhunderts samt ihres Untergangs vorhersehend. Zuvorderst spiegelt der Roman die Sprache und bildhafter Ausdruck gewordene innere Welt eines Künstlers, der eine persönliche Schaffenskrise durch die Erkundung der »bilderreichen Dunkelkammer des eigenen träumerischen Bewusstseins« wenn nicht meisterte, so doch in schöpferische Form zwang. Alfred Kubin lebte, so belegen autobiografische Äußerungen, zeitweilig an der Grenze des neurotischen Zusammenbruchs und bezog aus dem Erbe einer ungeheuren persönlichen Vergangenheit die visionäre Kraft seiner Kunst. Frühe traumatische Erlebnisse und eine nicht zu leugnende Affinität zu den Abgründen der Existenz verbinden sich in Kubins Schaffen mit nervöser, seismografischer Kraft. Seine Traumgespinste verkörpern Gestalten der Gewalt, des Todes, das Böse, abgründige Erotik.

     

    Alfred Kubins grafisches Schaffen stand in der Tradition eines Francisco Goya, James Ensor und Max Klinger. Er illustrierte unter anderem Werke von Edgar Allan Poe, E.T.A. Hoffmann, Gérard de Nerval und legte umfangreiche, düster apokalyptische Mappenwerke vor. Der Roman Die andere Seite greift, unzweifelhaft und über die auslösende Krise des Autors hinaus, die Endzeitstimmung eines Dezenniums auf, seine Zugewandtheit zu psychischen Abnormitäten, Hysterie und latent beschworenen Untergangsszenarien. Thematischen Einfluss finden, verzerrt und zugespitzt, die »Décadence« der Epoche mit ihren Neurasthenikern, das blindwütige Finanzgebaren der Zeit und der Pessimismus eines Arthur Schopenhauer. Zeittendenzen und philosophische Strömungen, so der Buddhismus, auch die Gedankenwelt Nietzsches, durchziehen das grotesk und kafkaesk anmutende Leben in Perle, das ganz unter »dem Bann« ihres Herrschers steht.

     

    Entgrenzung und Zerfall

    Der Roman kumuliert in der grandiosen Schilderung des Titanenkampfes zwischen Claus Patera und seinem Widersacher, dem Amerikaner Hercules Bell, seines Zeichens milliardenschwerer Konservenfabrikant. Das Traumreich implodiert; Schrecken, Vernichtung, Tod und Wahnsinn überziehen eine Stadt, die schon innerlich durchsetzt war mit Aushöhlung, Verwesung und dem Grind des unbeirrbar Gestrigen. Rost fraß sich in die Spiegel, die Versatzstücke einstmals europäischer Größe und Zivilisation zerbröselten wie morsches Papier. Auflösung, Entgrenzung und Zerfall einer nie auf tragfähigen Fundamenten stehenden Ordnung folgen unweigerlich. »Die Häuser fingen an, sich zu bewegen, die Windmühlen schlugen mit ihren Armen nach den Eindringlingen [...]«. In den Kanälen schwammen Leichen, das Ungeheure »grollte aus allen Hochtälern und über alle Pässe [...]«.

     

    Der Suhrkamp Verlag veröffentlichte 2009, zum fünfzigsten Todestag Kubins Die andere Seite, diesen inzwischen als Klassiker der phantastischen Literatur geltenden Roman mit einem Nachwort von Josef Winkler. Dieses Werk ist mehr als das literarisch gestaltetes Zeugnis einer individuellen Krise, mehrschichtig und verschlüsselt symbolhaltig in seiner Bilderwelt, fasziniert es durch sprachliche Dichte und zeitlose Gleichnishaftigkeit. Ein großer Wurf, visionär, rätselhaft und eindringlich, ein Buch, das fesselt, irritiert und, trotz zeitlichen Abstands von rund 100 Jahren, beklemmend aktuell anmutet.


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