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    Sonntag, 20. August 2017 | 23:11

    Jack Kerouac: On the Road

    29.11.2010

    3627 Zentimeter in die amerikanische Nacht gehaucht

    Jack Kerouacs generationenbildender Roman On the Road liegt jetzt in der Urfassung vor. Die ganzen 3627 Zentimeter. Unnötig ist das nicht. Aber auch nicht wichtig. Von JAN FISCHER

     

    Im Katalog von Christie's wirkt die Rolle tatsächlich wie ein ein heiliger Text, Pergament, aus einer uralten Ruine gefischt: Säuberlich an Stielen aufgerollte 36 Meter Papier, die Jack Kerouac zusammenklebte, damit er beim Schreiben auf der Schreibmaschine das Blatt nicht zu wechseln brauchte, damit er seinen Roman in einem Atemzug in die amerikanische Nacht hauchen konnte, diese gigantische Liebeserklärung einen Way of Life, den er selbst definierte in diesen zwei ephedringetränkten Wochen, an deren Ende die 36 Meter vollgeschrieben waren, selbst schon eine Straße, die mitten hineinführt in die Nacht. Und die soviel länger ist als 36 Meter.

     

    Der Gott der Neonlichter

    Nein, Kerouac hat die Beat Generation nicht erfunden, die verlorene Nachkriegsgeneration, die aus der Schockstarre nach dem zweiten Weltkrieg ausbrach. Er lebte sie nur, er atmete sie nur ein, um sie dann in seinen filigran wuchernden Flusssätzen zu fixieren. Bis jetzt gab es immer nur eine gekürzte Version dieses heiligen Textes so ziemlich jeder Underground-Bewegung seit 1950: Auf Druck des Verlages zur Veröffentlichung gekürzt vom Autor selbst, die Namen der Protagonisten – unter anderem seine Freunde Neal Cassady, Allen Ginsberg und William Burroughs, diese ganze schräge Künstlerbande – hatte er geändert.

     

    Trotzdem: On the Road dürfte einer der wichtigsten Romane dieses Jahrhunderts sein, zumindest aber es ist es, selbst gekürzt, das Portrait einer Subkultur, die prototypisch für alle darauffolgenden werden sollte, und die Erfindung eines Stils, der den festgefügten Beton des literarischen Kanons zugunsten endloser Improvisation aufgibt: Das atemlose Schreiben um des Beschreibens willen, das Einfangen der Atemlosigkeit in der eigenen Atemlosigkeit, dann aber eben nicht willkürlich: „On the Road“ ist gebaut wie einer dieser Bebop-Songs, die Kerouac so sehr liebte: Die grundlegenden Harmoniewechsel sind klar, aber was ansonsten passiert, weiß nur der Gott der Neonlichter.

     

    Atomisierte Melodie

    Nun liegt die Urfassung vor, in der gekürzten Version gestrichene Passagen sind wieder eingefügt, und die Protagonisten treten unter ihren Klarnamen auf. Und wenn schon die gekürzte Fassung eine nur notdürftig auf Roman hin gekürzte Improvisation war, hat die Urfassung kaum noch etwas Romanhaftes an sich, wie ein Jazz-Stück, in dem eine bekannte Melodie bis zur Unkenntlichkeit atomisiert und wieder neu zusammengebaut wird. Wenn man in diesem Bild bleiben wollte, wäre die gekürzte Fassung so etwas wie Albumversion eine solchen Stückes: Ein cleanes Teil, aufgenommen in einem schalldicht-sterilem Studio. Und die Urfassung wäre die Live-Version, eingespielt in einem dreckigen Club in Harlem, und sie dauert die ganze Nacht.

     

    Daumen raus und weg

    Und wie so eine Live-Version etwas mit der Album-Version zu tun hat, hat auch die Urfassung von On the Road etwas mit der gekürzten Version gemein. Es ist eine Erweiterung des Bekannten, nicht unbedingt notwendig, aber doch nett zu haben: Bonus-Material auf einer DVD, nur, bei On the Road etwas epischer. Würde man On the Road als die Anatomie einer Avant-Garde lesen, wie es sie bei so wenigen Mitgliedern so einflussreich danach und davor nie wieder gab, wäre sicher die Urfassung das Buch der Wahl. Aber das wäre auch verschwendete Interpretationsleistung, sollen sich die Literaturwissenschaftler damit befassen, denn auch wenn es das damals nicht war, heute ist On the Road nicht mehr nur ein Subkultur-Buch, es ist ein Buch über Subkultur, längst kanonisiert und und analysiert.

     

    In der Hinsicht gibt es dazu nichts mehr zu sagen, aber darum geht es bei „On the Road“ nicht. Um die Details geht es nicht, um diesen heute doch etwas angestaubten Stil, oder die etwas naive Sicht auf die Dinge. Eigentlich ist es egal, welch Version man liest, ob man sich jetzt die Album- oder die Live-Version anhört: Beide transportieren dieses unglaubliche Gefühl von Aufbruch, diese Freiheit, einfach den Daumen rauszuhalten und niemals anzukommen. Und dieses Wunder, dass man auch heute noch in jede beliebige Kneipe der Welt gehen kann, und genau die Typen trifft, die Kerouac auch schon getroffen hat.


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