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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 24. Juni 2017 | 14:09

    John Cheever: Der Schwimmer

    25.01.2010

    Einblicke mit monströser Wucht

    Realistisch erzählte Texte sind langweilig? Hier kommt ein Gegenbeweis: Die Neuauflage von John Cheevers Der Schwimmer ist erschienen und belegt, weshalb Cheever zu den lesenswertesten Klassikern unter den amerikanischen Kurzgeschichtenautoren zählt. Von SIMONE SCHRÖDER

     

    Im Nachwort zu Der Schwimmer beschreibt T. C. Boyle sein erstes Zusammentreffen mit John Cheever im Herbst 1973 bei einem Schreibkurs an der University of Iowa. Wer die Erzählungen von T. C. Boyle kennt, wird sich vorstellen können, wie Cheevers Texte damals auf den jungen Autor gewirkt haben müssen. Die Sprache der Erzählungen ist bewusst minimalistisch gehalten und rein äußerlich betrachtet geschieht wenig – zumindest deutlich weniger als in Boyles Texten.

     

    In „Leb wohl, mein Bruder“ kommt eine Familie im Haus der Eltern am Meer zusammen, es wird Karten gespielt, man geht schwimmen, besucht einen Maskenball und zwei Brüder streiten sich wie einst Kain und Abel. „Der Zug um siebzehn Uhr achtundvierzig“ handelt von einem Mann, der eine Affäre mit seiner Sekretärin hat, ihr anschließend kündigt und schließlich von ihr bis nach Hause verfolgt wird. Und in „Clancy im Turm zu Babel“ geht es um einen irischen Fahrstuhlführer, der sich erst Sorgen um einen der Fahrstuhlgäste macht, weil er ihn für einen einsamen Melancholiker hält, und ihn dann beginnt zu hassen, als er seinen männlichen Partner sieht.

     

    Die Spitze des Eisbergs

    Neben Hemingway gilt Cheever als Urvater der amerikanischen Slice-of-Life-Erzählung. Slice of Life, das sind Geschichten, die einen meist alltäglichen Ausschnitt aus dem Leben ihrer Figuren erzählen. Hemingway hat die Struktur solcher Prosa einmal mit einem Eisberg verglichen, von dem nur ein Zehntel dessen, was tatsächlich geschieht, einer Eisbergspitze gleich an der Textoberfläche liegt, während der Rest sich darunter verbirgt. Auf Hemingway und Cheever folgten Autoren wie Carver, Salter und Ford, die neben der minimalistisch gehaltenen Sprache ein Interesse am Dienstleistungs- und Bürger-Milieu verbindet. Oft sind die Protagonisten ihrer Erzählungen durchschnittliche, aber ehrliche Leute. Die Bedrohlichkeit einer von Kontingenz geprägten Welt klingt nur in Zwischentönen an; was geschieht, wird meist schnörkellos und realistisch erzählt.

     

    Realismus & Fantastik

    Nicht so in „Das grauenvolle Radio“. Cheevers Kunstgriff in dieser Erzählung besteht in einer Verbindung von Slice of Life mit Elementen der Fantastik. Es wird realistisch erzählt, was nicht realistisch ist: Jim und Irene Westcott sind der Prototyp eines amerikanischen Mittelschicht-Ehepaars. Nichts an ihnen ist ungewöhnlich, doch als eines Tages ihr Radio nicht mehr funktioniert und Jim ein neues Gerät kauft, gerät ihre Alltagswelt aus den Fugen. Statt Beethoven und Puccini überträgt das neue Radio die Geräusche aus den Wohnungen der Nachbarn. Während Jim sich um einen Reparateur kümmert, sitzt Irene, statt einkaufen zu gehen und sich um die Kinder zu kümmern, heimlich davor und hört mit voyeuristischer Neugier den Unterhaltungen und Streitereien in den anderen Wohnungen zu. Das kaputte Radio wird zum Symptom für etwas Tiefergehendes. Es herrscht eine Atmosphäre undeutlicher Bedrohung, wie sie in David-Lynch-Filmen zu finden ist – ein Vorstadt-Setting wird zum albtraumhaften Ort, das bürgerliche Wohnzimmer zum Schauplatz menschlicher Abgründe. Ähnlich wie auf den Fotografien von Gregory Crewdson werden hier die Schichten des Unterbewusstseins offen gelegt, und es zeigt sich eine existentielle Fremdheit, die zwischen den Westcotts steht und von dem Nichterzählten wie eine dunkle Kraft ausgeht.

     

    Nach Hause schwimmen

    Eine solche Atmosphäre, kombiniert mit der undurchschaubaren Perspektive eines unzuverlässigen Erzählers, herrscht auch in John Cheevers bekanntester Erzählung, der Titelgeschichte des Bandes: „Der Schwimmer“. Sie beginnt mit der Beschreibung eines typisch amerikanischen Sonntags im Hochsommer. „Man saß am Schwimmbecken der Westerhazys, das sich aus einem artesischen Brunnen mit stark eisenhaltigem blassgrünem Wasser speiste.“ Neddy Merrill, der bei den Westerhazys zu Besuch ist, sonnt sich und schwimmt ein paar Bahnen, als ihm die Idee kommt, „auf dem Wasserweg“, durch die Pools der Nachbarn, zurück zu seinem Haus zu schwimmen, das zwölf Kilometer südlich von dem der Westerhazys liegt. Neddy „war, als sähe er die Kette der Schwimmbecken, den gleichsam unterirdischen Strom, der sich durch den ganzen Bezirk zog, mit den Augen eines Kartografen vor sich“. Er macht sich auf den Weg, klettert über Hecken, kommt bei Gartenpartys vorbei, trinkt hier und dort einen Whiskey, schwimmt weiter, und dabei wird es langsam Abend. „Er ging über den dunklen Rasen, und in der Nachtluft schlug ihm der Duft von Chrysanthemen oder Ringelblumen entgegen – irgendein hartnäckiger Herbstgeruch, streng wie Gas.“

     

    Trost der Wahrheit

    Mit zunehmender Dunkelheit kippt die Atmosphäre der Geschichte langsam, aber stetig ins Bedrohliche. Die Erinnerung an den sozialen Abstieg der vergangenen Jahre dringt in Neddys Bewusstsein vor. Als er schließlich vor seinem Haus steht, ist es vollkommen dunkel. „Das Haus war verschlossen, und er dachte, die dumme Köchin oder das dumme Hausmädchen hätten alles abgeschlossen, doch dann fiel ihm ein, dass sie schon seit einiger Zeit kein Hausmädchen und keine Köchin mehr hatten. Er schrie, er hämmerte an die Tür, versuchte sie mit der Schulter aufzubrechen, und dann, als er zum Fenster hineinschaute, sah er, dass das Haus leer war.“

     

    Auch wenn „Der Schwimmer“ keine Pointen-Geschichte ist, offenbart sich im letzten Satz der Erzählung doch eine Wahrheit: Auf die zuvor verdrängte Erkenntnis über die gescheiterte Existenz folgt mit monströser Wucht der Blick in den existentiellen Abgrund. Was das beim Leser auslöst? T. C. Boyle schreibt, dass er Cheevers Geschichten dann doch begonnen habe zu mögen, weil sie etwas so Tröstliches hätten. Es ist ein Trost, der aus der Wahrheit dessen rührt, was die „Spitze des Eisbergs“ meist nur andeutet. Es ist der Trost der Traurigkeit, die hinter den Hochglanzfassaden schicker Vorortsvillen steht und zuweilen in Cheevers Geschichten so kraftvoll hervorleuchtet.

     

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