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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. April 2017 | 19:50

    Walt Whitman: Grasblätter

    04.01.2010

    Kopulation ist nicht geiler als der Tod

    Walt Whitmans „Ich“ fliegt über Amerika. Und was sollen wir damit, wir Nichtamerikaner? Whitmans Grasblätter sind auch uns zugeeignet, den Bewohnern „fremder Länder“:

     

    Ich hörte, daß ihr etwas erbittet, dieses Rätsel der Neuen Welt zu bekunden / und Amerika zu erklären, seine athletische Demokratie,/Deshalb sende ich euch meine Gedichte, damit ihr in ihnen erblickt, was ihr verlangt.

    Von BRIGITTE HELBLING 

     

    Lange her! 1855 erschien die erste Ausgabe der Grasblätter, zwölf Gedichte auf 95 Seiten. Sie sangen das Lied „von der Einheit, die von Allen gestaltet ist“, und alle sollten sie lesen, vor allem Whitmans Landsleute, die „Americanos“, die gemeinsam an der Vision von Demokratie wirkten. Whitman war 36 Jahre alt, Sohn eines New Yorker Zimmermanns, er hatte mit elf die Schule verlassen und als Druckerlehrling, Lehrer, Journalist und Zimmermann gearbeitet, bevor er sich aus der Öffentlichkeit zurückzog, um sich ganz den Grasblättern zu widmen. Die Vereinigten Staaten waren gerade mal 43 Jahre älter als er.

     

    Hoffnung lag in der Luft, man stellt sich das beinah greifbar vor. Alles in dem jungen Land sollte anders werden als in der Alten Welt, auch die Literatur. Das Land brauchte Dichter und Sänger, die ihm mit einer neuen, „originalen“ Sprache den Weg wiesen, so lautete die Losung, die Whitman für sich aufgriff. Bis zu seinem Tod 1892 revidierte, ergänzte und erweiterte er seine Grasblätter auf einen Umfang von 383 Gedichten. Am Ende seines Lebens erklärte er sein Projekt für gescheitert: „Aus einer weltlichen und geschäftlichen Sicht“ seien „die Grasblätter Schlimmeres als ein Fehlschlag“ schrieb er 1889 in einem Brief an seine Leser zu seinem 70sten Geburtstag.

     

    120 Jahre später gilt Whitman unbestritten als einer der Väter einer originär amerikanischen Literatur. Die freie Versform, sein unverblümtes Reden und die enorme Spannweite des Unterfangens haben zahllose nachkommende Dichter inspiriert. Die breite Allgemeinheit allerdings, nach deren Anerkennung er sich sehnte, las und liest ihn kaum. Man kennt einzelne Gedichte und mehr noch einzelne Zeilen, oft aus dritter Hand. „Den elektrischen Körper sing ich“ als Titel eines Science-Fiction-Erzählbands. „Ich höre Amerika singen“ in zahllosen Songs, die in Whitmanscher Manier vom Projekt USA berichten. „Ich bin groß, ich enthalte Vielheiten“ – nachschlagen muss man, um sich zu erinnern, dass das Whitman war, der das gesagt hat.

     

    Kann man Whitman lesen?

    Der Hanser Verlag mit seinem Leiter Michael Krüger hat sich nun eine Ausgabe der Grasblätter geleistet, die als Übersetzung der allerletzten Fassung das Werk erstmals in vollem Umfang auf Deutsch präsentiert: die frühen, kraftstrotzenden Gedichte in letzter Revision, die Bürgerkriegsbeschreibungen der mittleren Jahre und die deutlich ruhigeren, zuweilen auch melancholischen Altersverse. Dazu kommen besagter „Brief an den Leser“, gestrichene Passagen, unveröffentlichte Gedichte und Fragmente. Das ist eine Menge, 774 Seiten, und gibt willkommenen Anlass zur Frage: Was ist Whitman heute? Was kann er uns noch sein?

     

    Dem muss eine andere Frage vorangehen: Kann man Whitman heute noch lesen? Man kann – aber es ist Arbeit (das war schon zu seiner Zeit so), und das liegt nicht an der beeindruckenden Übersetzungsleistung von Jürgen Brôcan, der sich, wo vorhanden, auf früheren Fassungen abstützt, alte und neue Verse zwingend in die Umgangssprachlichkeit zurückführt, die sie im Original kennzeichnet, und in seiner Fassung die Modernität des Unterfangens eindrücklich vor Augen führt. Brôcans Grasblätter geben den Einstieg in Whitman, den man sich besser nicht wünschen kann.

     

    Die Arbeit beginnt mit der Form. Das ins Auge springende Prinzip der Grasblätter ist dasjenige der Listen – Listen der Bewohner, ihrer Berufe, Listen der Naturschönheit, der Tierwelt bis in den Mikrokosmos hinein, das Leben in Städten, die ländliche Vielfalt, die Schiffer auf Seen, Meeren, Flüssen und immer wieder die Klänge der Neuen Welt (die Gerüche sind weniger vertreten). Getrieben – geradezu beflügelt – wird diese Listenbildung von Begeisterung für jedes denkbare Element im Kosmos der klassenlosen und „reinen“ Gesellschaft, die hier entstand – oder doch entstehen sollte (die Vision entfernt sich, je älter Whitman wird).

     

    Beides, Listen und Begeisterung, ermüden. Diesen Tatbestand gilt es zu überwinden. Zweierlei (mindestens) bietet dann dem Whitman-Leser ein Gegengewicht.

     

    Der Dichter des Melodrams

    Das eine ist Whitmans Sinn für die dramatische, man kann oft auch sagen: melodramatische Miniatur. Neben den Listen mit ihrer repetitiven Variation eines Grundmotivs gibt es eine Vielzahl von spannungsgeladenen Bildern, die jedes für sich zum Abstract für eine Kurzgeschichte, einen Roman oder einen Film taugen könnte.

     

    Meist ist es das „Ich“ des Dichters, das die Miniaturen umklammert – dieses seltsam exozentrische „Ich“ Whitmans, das Alles sein will, „Vielheiten“ enthält und sich letztendlich als Abbild eines ausdrücklich zwiegeschlechtlichen „Modernen Menschen“ versteht („Das Weibliche dem Männlichen gleich sing ich“).

     

    Ich bin ein Freischärler, ich biwakiere an Wachtfeuern der Eindringlinge,

    Ich wälze den Bräutigam aus dem Bett und bleibe selbst bei der Braut,

    Ich presse sie die ganze Nacht an meine Schenkel und Lippen.

     

    „Ich“ in den Grasblättern ist das demokratische en-masse Amerikas. En-masse – in der Masse – ist ein französischer Begriff, den Whitman umdefinierte, liebte und oft wiederholte.

     

    Ich bin der gehetzte Sklave, ich zucke beim Biß der Hunde,

    Hölle und Verzweiflung liegen auf mir, die Scharfschützen lassen es knallen und knallen,

    Ich umklammere die Latten des Zauns, mein Blut tröpfelt, verdünnt vom Schweiß meiner Haut…

     

    Die Bilder sind effektvoll. Sie halten stand. Nicht immer für das moderne Amerika, aber manchmal gerade auch für das moderne Amerika:

     

    Ich bin der zerquetschte Feuerwehrmann mit gebrochenem Brustbein,

    Einstürzende Mauern begruben mich unter ihren Trümmern,

    Hitze und Rauch atmete ich ein, ich hörte die gellenden Schreie meiner Kameraden…

     

    Das Ungestüm der ersten Schaffenszeit förderte die konzise Miniaturbildung. In späteren Passagen werden die Bilder breiter, ihre Abfolge in Grasblätter entspricht dabei nicht notwendig der Zeitfolge ihrer Entstehung. „Schläfer“ zum Beispiel, weit hinten, überrascht (das Gedicht gehört zu den frühen Werken Whitmans): Ein energisch-sinnlicher Rundgang durch die Betten der Nation, bei dem sich der Betrachter gerne zu seinen Schläfern dazulegt, als wollte er sein Land auch in der Bewusstlosigkeit spüren – und in seinen Lüsten.

     

    Der Dichter des Leibes

    Wäre Whitman heute noch so präsent, wenn er nicht auch ganz entschieden ein Dichter des „Leibes“ wäre? Neben dramatischen Miniaturen sind es Whitmans Porträts von Geschlecht und Geschlechtlichkeit, die den von Listen eingelullten Leser wieder wachrütteln. Nicht anders operiert das Hollywood-Kino (nur beschränkt es sich zunehmend darauf): Will man den Leser gewinnen, gibt man ihm Gewalt – und Sex.

     

    Eine Frau erwartet mich, sie enthält alles, nichts fehlt,

    Doch würde alles fehlen, wenn Geschlecht fehlte, wenn die Feuchte des richtigen Mannes fehlte.

     

    Whitmans Bild der Frau bleibt konventionell: Die Frau taucht in Grasblätter vor allem als Mutter, Tochter, Gattin und Geliebte auf, ferner in Frauenberufen wie die Spinnerin, die „Cantatrice“, die Bäuerin oder die Prostituierte. Aber Whitman gesteht der Frau, wie sich selbst, ein lustvolles Verhältnis zur Sexualität zu (wenn auch gerichtet auf den Mann, der den „Stoff“ ergießt, „um Söhne und Töchter zu beginnen“):

     

    Ohne Scham kennt und bekennt der Mann, den ich mag, die Köstlichkeit seines Geschlechts,

    Ohne Scham kennt und bekennt die Frau, die ich mag, das ihre.

     

    Solche Stellen reichten aus, um den Dichter schon zu Lebzeiten dem Vorwurf der Obszönität auszusetzen und die Grasblätter in den ersten Jahrzehnten vor allem in der Alten Welt ausschließlich in bereinigten Ausgaben erscheinen zu lassen.

     

    Sex ja. Aber Masturbation? Für Whitman war sie ein ebenso würdiger Teil seines Kosmos’ und Gegenstand eines ganzen Gedichts, „Mein impulsives Ich“. Selbstbefriedigung erklärt Whitman darin für gut, gesund und dem neuen Amerika mithin vollkommen angemessen.

     

    Der junge Mann, der mitten in der Nacht aufwacht, seine heiße Hand versucht zurückzuhalten, was ihn beherrschen will,

    Die mystische Liebesnacht, die Schmerzen, Visionen, Schweißausbrüche, seltsam halbwillkommen …

     

    Auch „Das impulsive Ich“ fehlte oft in den frühen Ausgaben. Als unproblematisch dagegen erachteten die Zeitgenossen die Darstellung von Liebe zwischen Männern, die bei Whitman unter den Begriff der „Kameradschaft“ fällt. Erst spätere Leser weisen darauf hin, dass in diesen Passagen die Intensität der Leidenschaft diejenige weit übersteigt, die Whitman der Heterosexualität zugesteht.

     

    Bei einem manchmal, den ich liebe, bin ich zornerfüllt aus Furcht, daß ich unerwiderte Liebe verströme,

    Doch nun denke ich, es gibt keine unerwiderte Liebe, der Lohn kommt gewiß auf die eine oder andere Weise,

    (Ich liebte eine bestimmte Person glühend, aber meine Liebe wurde nicht erwidert,

    Daraus habe ich diese Gesänge geschrieben).

     

    Im Privatleben, das ist bekannt, zog Whitman intime Freundschaften mit Männern den Beziehungen zu Frauen vor (er war nie verheiratet oder liiert). Solche Freundschaften, versichert die Forschung, waren in seiner Zeit nichts Ungewöhnliches. Das „Ich“ der Grasblätter scheint dies in der Nonchalance zu belegen, mit der es Küsse, Liebkosungen und gemeinsame Nächte mit dem „umarmenden, liebenden Bettgenossen“ beschwört.

     

    Denn der eine, den ich am meisten liebe, lag schlafend neben mir unter derselben Decke in der kühlen Nacht …

    Und sein Arm lag sacht um meine Brust – und in dieser Nacht war ich glücklich.

     

    Für die Zensur galt Whitmans lyrische Persona jahrzehntelang, wenn überhaupt, als Ausdruck eines allzu virilen Kerls. Erst in den 1970ern rücken die Grasblätter in den Fokus der Gay und Queer Studies. Whitman selbst nimmt für sein „Ich“ vor allem eins in Anspruch: Ungebundenheit. Ich singe, was immer und wie immer ich will:

     

    Ich presse mir den Finger nicht auf den Mund,

    Ich bin beim Gedärm ebenso feinfühlig wie bei Kopf und Herz,

    Kopulation ist für mich nicht geiler als der Tod.

     

    Ein Dichter für die Dichter

    So lassen sich die Grasblätter gut lesen. Erst geködert von Sex und Gewalt, und dann – denn das bleibt nicht aus – zunehmend gefesselt von der merkwürdigen Sammelorgie, die Whitmans Streifzüge kennzeichnen, als wäre er mit einer endlos aufnahmefähigen Botanisierbüchse unterwegs, deren Inhalt zu Hause ausgekippt, in Versen angerichtet und setzkastenartig geordnet wird. Durch Grasblätter weht ein gleichzeitig pedantischer und ungeheuer freier Geist, und wer ihm standhält, dem fällt neben „Genie“ hin und wieder auch Wahnsinn ein: allerdings ein erlesener Wahnsinn, etwa in der grenzsprengenden Art eines Adolf Wölfli, in dessen akribischen Bilduniversen sich der Betrachter auf ähnliche Weise verlieren kann.

     

    Wenn er sich darauf einlässt. Die Grasblätter sollten nach Whitman für Amerika den Stellenwert einer säkularen Bibel einnehmen. Eine Bibel braucht jedoch eine breite Leserschaft, und in Whitmans Fall bleiben die Exegeten unter sich. Der gemeine Leser zog zu seiner Zeit die Gruselgeschichten von Edgar Allan Poe vor, heute ist es Stephen King, darin steckt eine Lehre für Literaturschaffende, die Whitman allerdings liebten.

     

    Ihrer kritischen Aufnahme des Whitmanschen Eigensinns ist, vielleicht mehr noch als der Akademie, der Fortbestand des Werkes zu verdanken. Im Schreiben von Thomas Wolfe, Willa Cather, Allen Ginsberg, Langston Hughes und vielen andern lebt Whitman fort, nicht als Kopie, sondern in der Weiterführung. Er war kein vollendeter Dichterfürst, den es einzuverleiben oder vom Thron zu stürzen galt: In den Grasblättern steht Lächerliches und Erhabenes Seite an Seite. Whitman war seinen Nachfolgern etwas Besseres: Ein verirrter Prophet. Die Lust am radikalen Wagnis machte er den Nachkommenden in allen Punkten vor. Jedem neuen Sänger „Amerikas“ bleibt nun die Aufgabe, den Gegenstand von Whitman weg ins rechte Licht zu rücken. An die Monstrosität seiner Grasblätter reicht kaum einer heran.

     

    Mit einem Gesang gelang es Whitman, das Herz der „Arbeiter und Arbeiterinnen“, denen er ein Denkmal gesetzt hatte und die ihn nicht lesen mochten, doch noch zu erobern. „O Käpt’n! mein Käpt’n!“ ist eins der konventionellsten Gedichte in Grasblätter. Drei kurze Strophen, Reime, expressiver Refrain: Es betrauert den Tod von Präsident Lincoln. Bei seinen öffentlichen Auftritten wurde es so oft verlangt, dass Whitman sich später wünschen sollte, er hätte die Verse nie geschrieben.

     

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