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    Sonntag, 20. August 2017 | 23:12

    Klassiker-Check: Knut Hamsun: Hunger

    29.06.2009

    Ein Hunger(-künstler)

    Vor mehr als 115 Jahren hat Knut Hamsun Hunger geschrieben, einen Roman über eine gescheiterte Persönlichkeit, wie sie auch heute in jedem Stadtpark, auf jedem Bahnhofsvorplatz zu finden ist, in ausgelatschten Turnschuhen und speckigem Ledermantel, laut aus der Zeitung rezitierend. SIMONE SCHRÖDER hat den Klassiker begutachtet und kam zu dem Schluss: Auch in der Neuauflage glänzt der Roman als zeitgemäßes Stück Weltliteratur.

     

    Wer es schafft, einen Roman zu schreiben, der fasziniert und fesselt, obgleich nicht viel mehr passiert, als dass ein hungernder Mann durch die Straßen von Kristiana streift und von seinen Gedanken erzählt, muss schon ein wirklich guter Schriftsteller sein, sonst würde was im Grunde langweilig ist, sich schnell auch langweilig lesen. Dass Knut Hamsun neben Henrik Ibsen zu Norwegens großen Autoren zählt, ist unbestritten. Mit dem Mann, der sich Andreas Tangen nennt (und dabei lügt), hat er eine Figur von literarischem Weltrang geschaffen, einen Helden, der kein wirklicher Sympathieträger ist, ein Pechvogel, der zum Stadtstreicher mit Hang zum Intellekt wird, ein begnadeter Lügner, der sich bis zur Selbstaufgabe auf die eigenen Spinnereien versteift, dem auch kurz vorm Hungertod noch die Meinung der Anderen so wichtig ist, dass er die Erniedrigung zu betteln nicht auf sich nehmen mag. Lieber redet er sich ein: „Ich vertrug kein Essen, ich war nicht so geartet; das war eine Besonderheit an mir, eine Eigentümlichkeit.“ Unzuverlässiges Erzählen ist da ein Fachterminus, der beim Lesen rasch Kontur annimmt. Und so kommt nicht ganz unvermittelt der Befund des Erzählers: „Der Wahnsinn rast mir durchs Hirn, und ich lasse ihn rasen, ich bin mir vollkommen bewusst, dass ich Einflüssen unterliege, deren ich nicht Herr bin.“

    Bekommt er auf dem Bahnsteig von einem Bekannten dann doch einmal zehn Öre zugesteckt, so glaubt er gleich, dies sei die Rettung aus der Armut. Er mietet sich ein Hotelzimmer, geht ins Restaurant, arbeitet nebenbei an einem Zeitungsartikel, den er dann aber in einem Anfall von Zweifel zerreißt, und steht innerhalb kürzester Zeit wieder auf der Straße. Und dabei hatte der Leser doch gehofft, dass er endlich einmal aus der Hungersnot raus und fort von der Straße käme. Aber das scheint nicht zu funktionieren. Immer wieder werden die Erwartungen und Hoffnungen des Lesers durchkreuzt. Präsentiert wird eine gescheiterte Persönlichkeit, wie sie auch heute in jedem Stadtpark, auf jedem Bahnhofsvorplatz zu finden ist, in ausgelatschten Turnschuhen, das Haar ungewaschen, Alkoholfahne und speckiger Ledermantel, laut aus der Zeitung rezitierend. Der öffentliche Raum wird zur imaginierten Bühne, die in der Realität nicht mehr zur Verfügung steht.

    Und auch der Held aus Hunger nutzt diesen Raum für seine Auftritte. In einer der eindringlichsten Szenen des Romans schnauzt er einen Blinden auf einer Parkbank an, weil er seine Lügen nicht anzweifelt, und genießt in einem anderen Moment doch die Fantasie erfolgreich und begehrt zu sein: „Herein! Ja, nur herein! Wie Sie sehen, alles von Rubin. Ylajali, Ylajali! Der rote, wallende Seidendiwan! Wie heftig sie atmet! Küss mich, Geliebte, mehr, mehr. Deine Arme sind wie Bernsteine, dein Mund flammt … Kellner, ich hatte ein Beefsteak bestellt.“

    Als hätte Lars von Trier Kristiana entworfen

    Hunger ist ein Roman über den gesellschaftlichen und körperlichen Abstieg eines Mannes. Es beginnt damit, dass er die Miete für seine Wohnung nicht mehr bezahlen kann und auf der Straße steht. Das Kristiana, durch das der Held im Hungerwahn streift, wirkt zeitlos, erinnert an die schwarzen Flächen in Filmen von Lars von Trier. Als wären die Straßen und Häuser mit weißer Kreide auf den Boden gezeichnet und die Räume nur mit den nötigsten Requisiten bestückt, um dem Leser gerade noch eine Einordnung des Gelesenen zu ermöglichen. Daniel Kehlmann schreibt in seinem Nachwort, Hunger sei nicht zum Sozialdrama geeignet, da der Held nicht nur in Phasen des Hungers Schübe des Wahnsinns erlebe, auch in den Phasen der Sattheit handele er nicht vernünftiger und schließt daran die Frage an: „Kommt seine Armut daher, dass er sich nicht zusammennehmen, klar denken und vernünftig handeln kann?“ Vielleicht geht es in Hunger eher um eine Verschriftlichung des Wahnsinns, darum, erzählend die Denkbewegungen eines Verrückten nachzuvollziehen.

    Gang durch die Gedanken eines Psychotikers

    Hunger ist der literarische Gang durch die Gedanken eines Psychotikers. Und es ist für den Leser weder immer möglich noch notwendig, alles zu verstehen, was ihm der Erzähler auftischt. Dass manchmal die Zusammenhänge unsystematisch und kreuz und quer verknüpft zu sein scheinen, Gedankensprünge so weit hechten, dass der Leser dabei auf der Strecke bleibt, gehört zum Spiel, ist Programm und Teil des Erzählens. Manchmal weiß der Leser über die Gedanken des Helden mehr als der selbst, manchmal versteht er nicht, was gemeint ist. Dass Knut Hamsun Hunger schon vor mehr als 115 Jahren geschrieben haben soll, mag man nach der Lektüre gar nicht recht glauben. 1890 erschien der Roman erstmals in Kopenhagen. Anlässlich von Knut Hamsuns 150. Geburtstag ist er jetzt in einer schönen Neuauflage erhältlich, zeitgemäß und nach wie vor sehr lesenswert.

     

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