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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. April 2017 | 19:50

    80 Jahre Thomas Wolfe: Schau heimwärts, Engel

    18.05.2009

    Paradies, verloren

    Gewöhnlich haben die Klassikerausgaben des Manesse Verlags das Format eines Notizbuchs, das sich bequem in die Tasche stecken lässt. Anders diese groß angelegte Neuübersetzung von Schau heimwärts, Engel, die der Verlag achtzig Jahre nach Erscheinen der Originalausgabe vorlegt. Von ANDREAS MARTIN WIDMANN

     

    Das Buch gleicht einem Backstein und signalisiert dadurch, was Wolfes Werk hinsichtlich Umfang und Gewicht auszeichnet, Ersteres im buchstäblichen Wortsinn, Letzteres im literaturhistorischen. Maßlosigkeit, sagen manche. Als der Autor es verschiedenen Verlagen anbot, war das Manuskript seines ersten Romans umfangreich genug, um eine ganze Mauer aus solchen Büchersteinen zu errichten. Es umfasste mehrere tausend Seiten, die eine Reihe von Lektoren in die Knie zwangen, ehe Maxwell E. Perkins beim Scribner Verlag die literarische Qualität dieses gewaltigen Textes erkannte und sich vornahm, ihm in Zusammenarbeit mit dem Verfasser eine Gestalt zu geben. Damals war Thomas Wolfe siebenundzwanzig Jahre alt und die ersten achtzehn davon hatte er als Material für sein malstromartiges Epos benutzt. Es erschien 1929 als ein Monolith der literarischen Moderne in Amerika. Der Verkaufserfolg des Buches ermöglichte es ihm, seine Stelle als Universitätsdozent in New York aufzugeben, um fortan als freier Schriftsteller zu leben und weitere Reisen nach Europa zu unternehmen. Auch Deutschland, wo Schau heimwärts, Engel seit 1932 in Übersetzung erhältlich war, besuchte er während der Olympischen Spiele 1936. Als er nicht lange darauf nur achtunddreißigjährig in Baltimore an Tuberkulose starb, hatte er mit Von Zeit und Strom einen zweiten dicken Roman publiziert, zwei weitere, Geweb und Fels und Es führt kein Weg zurück, hinterließ er.

    Die Handlung seines Erstlings wiederzugeben fällt nicht leicht, ähnlich wie bei Joyces’ Ulysses, mit dem der Roman schon in eine Reihe gestellt wurde, und, mehr noch, Thomas Pynchons Die Enden der Parabel, jenem epochalen amerikanischen Roman der zweiten Jahrhunderthälfte. Gewöhnlich behilft man sich in diesen Fällen damit, dass man sich auf die Sicht und die Erlebnisse der Hauptfigur konzentriert. Hier ist das Eugene Gant, Wolfes Alter Ego. „Dieser auserwählte Lichtblick, dem schon jetzt ein Name gegeben war und von dessen Mitte aus die Mehrzahl der Begebenheiten dieser Chronik gesehen werden muss, trat also in einem durch und durch epochalen Augenblick auf den Plan. Aber vielleicht, Leser, ist dir dies ohnehin schon längst bewusst? Oder doch nicht? So sei dein historisches Gedächtnis ein wenig aufgefrischt.“ Mit diesen Worten wird die Geburt des Protagonisten angekündigt, nachdem zuvor die Herkunft seiner Großeltern ausgeführt wurde und seiner Eltern, Oliver Gant, eines Steinmetzes mit Hang zum Alkoholexzess, und Elizah Pentlant, der Tochter aus einer gut situierten Südstaatenfamilie. So erzählt der Roman wie ein unbegradigter Fluss mal schneller, mal langsamer fließend, an- und wieder abschwellend die Geschichte der Familie Gant in Altamont, einer Kleinstadt in North Carolina oder, wie Wolfe es in einer Vorrede an den Leser formulierte, „von Erfahrungen, die inzwischen in weite Ferne gerückt und verloren gegangen sind, jedoch einst zum Geflecht seines Lebens gehörten“.

    Unterschiedliche Tonlagen, wechselnde Erzählhaltung

    Wie in Thomas Manns Buddenbrooks ist vieles aus eigener Anschauung hervorgegangen und hier wie da empörten sich zeitgenössische Leser über das, was sie in den Büchern wiederfanden. Im Fall von Schau heimwärts, Engel ließen sich die Orte und Personennamen ohne Schwierigkeit rückübersetzen in die Namen tatsächlicher Städte und Menschen, die Wolfe kannte. So ist auch oder ganz besonders Eugene Gant ein Selbstporträt des Autors, allerdings bevor er zu einem wurde. Früh entdeckt er seine Liebe zur Literatur und ebenso früh sieht er, dass er einsam bleiben wird. Noch in der Wiege liegend „fühlte er, wie sich eine abgrundtiefe Einsamkeit und Traurigkeit in ihm breitmachte: Er sah die düsteren Waldschneisen seines Lebens entlang und wusste, dass er immer ein Trauernder sein würde; eingesperrt in das kleine Schädelrund, gefangen in diesem unergründlichen, pochenden Herzen, würde er ein Leben lang einsame Wege gehen. Verloren.“

    Die Tonlage und die Erzählhaltung wechseln häufig, der Erzähler verfügt über unterschiedliche Stimmen und Stimmungen. Streckenweise zeichnet er Landschaften und Vorgänge realistisch auf wie eine Kamera, mal deckt sich seine Sicht mit der seiner Figuren und ist nahe dran an ihnen, erprobt sogar die Technik des Bewusstseinsstroms, dann wieder holt er weit aus, kommentiert das Leben der Charaktere und verdichtet Zeiten und Geschehnisse. Oder er schwingt sich zu elegischen Kaskaden auf wie beim Tod von Eugenes Bruder Grover, der als Kind an Typhus stirbt: „Doch er wusste, dass ihr Bedauern in diesem Augenblick nicht ihm selbst oder ihr selbst, ja nicht einmal diesem Jungen galt, den ein idiotischer Zufall der Pestilenz ausgeliefert hatte, sondern dass sie in einem jähen Aufflammen ihrer hellsichtigen schottischen Seele zum ersten Mal unverstellt und unverwandt der unerbittlichen Flut der Notwendigkeit ins Auge geschaut hatte und dass sie sich aller erbarmte, die je gelebt hatten oder noch leben würden und an den Altären mit ihren Gebeten nutzlose Flämmchen schürten, mit Inbrunst ein gleichgültiges Wesen anflehten, die kleinen Kiesel ihres Glaubens einer fernen Ewigkeit entgegenschleuderten und sich Gnade, Beistand, Erlösung auf dem einsam dahintaumelnden Ascheball dieser Erde erhofften. O verloren.“

    Wolfes Sätze haben mitunter etwas an sich von sprachlicher Völlerei, gleichen den Tellern, die unter den riesigen Speisenmengen zu brechen drohen, die Oliver Gant in seinem Haus auftischen lässt und die Wolfe in langen Aufzählungen beschreibt. Sie biegen sich förmlich unter dem Gewicht der Wörter, erweisen sich jedoch als haltbar. Das „O verloren“ zieht sich dabei leitmotivisch durch den Roman und kehrt auch am Ende noch mal wieder, als Eugene ein nächtliches Zwiegespräch mit seinem toten Bruder Ben führt, umgeben von steinernen Engeln, die auf dem Werkstatthof des todkranken Vaters kurz zum Leben erwachen. In dieser Vision begegnet Eugene sich auch selbst. „Und für einen Augenblick war der ganze silberhelle Raum von tausend Gestalten seiner selbst und Bens belebt. Da von der Ecke an der Academy Street her sah Eugene sich selbst näher kommen; da, neben dem Rathaus, schritt er stelzbeinig einher; da, auf den Stufen über dem Pflaster, stand er und bevölkerte die Nacht mit der großen verlorenen Legion seiner selbst – den tausend Gestalten, die kamen, die gingen, die webten und wirkten in endlosem Wechsel und die doch unverwechselbar er selbst blieben.“ Dies erinnert überdeutlich an Freud und dessen bildhaften Vergleich der Bewusstseinsschichten einer Persönlichkeit, die gleichzeitig einander überlagern wie die Bauphasen einer Stadt und die hier noch einmal kurz sichtbar werden, ehe Eugene seine Heimatstadt verlässt. „Der Junge war vorüber, hatte nur die Erinnerung an sein entrücktes und lauschendes Gesicht zurückgelassen, das der verborgenen Welt zugewandt war. O verloren.“ Hiernach steigert sich die Halluzination zu einer epiphanischen Einsicht in das eigene Verbundensein mit der Geschichte, dem Kreislauf der Jahreszeiten und dem Leben, um schließlich den Rat zu empfangen, die Welt nicht länger in unzähligen Städten und Straßen zu suchen: „Wo, Ben? Wo ist die Welt. Nirgends, sagte Ben. Du bist die Welt.“ Dennoch wird Eugene, nachdem die Engel wieder zu Stein geworden sind und der Kleinstadtlärm des anbrechenden Tages zu hören ist, aus Altamont fortgehen wie aus einem Paradies, das er verloren zu haben glaubt, ohne es je gefunden zu haben. Die Offenbarung, dass ein gelobtes Land nicht existiert, bleibt womöglich ungehört, nimmt Eugene aber auch nicht die Zuversicht, in der Ferne finden zu können, wonach er immer gesucht hat.

    Kraftvolle Sprache, ausgezeichnet übersetzt

    Dass die amerikanische Thomas-Wolfe-Society in einem jährlichen Wettbewerb dazu aufruft, Wolfes Stil in eigenen Texten zu imitieren, und einen Preis für die gelungenste Thomas-Wolfe-Nachahmung vergibt, wirkt überraschend angesichts der Menge an Seiten, die Wolfe selbst im Laufe seines kurzen Lebens geschrieben und in einem Schreibfuror links und rechts vom Tisch gewischt haben soll, so dass Philologen eigentlich keinen Mangel an Arbeit und Material haben dürften. Allerdings könnte darin auch der Wunsch nach literarischen Nachfolgern laut werden. Mit Jonathan Franzen gibt es mindestens einen Autor von ähnlichem Format. Dessen Korrekturen sind eine Familiengeschichte, die nicht nur was den Umfang, sondern auch was die elaborierte Sprache betrifft, einiges mit Wolfes Werk gemeinsam haben. Im deutschsprachigen Raum sieht es etwas anders aus. Dass Thomas Wolfe hier bis in die frühen 1960er-Jahre hinein ein hohes Ansehen genoss, in den letzten Jahrzehnten jedoch eher wenig beachtet blieb, mag ausgerechnet damit zu tun haben, dass sein Werk schon vor Hemingway und Faulkner übersetzt und erfolgreich war, von Hermann Hesse und Gottfried Benn hoch gelobt wurde, und nach dem Krieg zusammen mit seinen Fürsprechern von einer neuen Generation abgelöst wurde, die eher auf die damals neu übersetzten Autoren aus Amerika schauten. Sie vernahmen bei Wolfe ein transzendentales Raunen, das ihnen fremd war, und einen hohen Ton, der ihnen verdächtig vorkam.

    Die Neuübersetzung kann dazu beitragen, hier wieder einiges aufzuholen. In Irma Wehrlis ausgezeichneter Übertragung zeigt sich Wolfes Sprache als ungeheuer kraftvoll, als hymnisch, aber nicht pathetisch. Sie hält der epischen Wucht von Wolfes Stil und seinem Periodenbau stand, auch seinem ungeheuren Wortschatz inklusiver regionaler Varianten. Denen, die Wolfe – ungeachtet des Preisgelds von einhundert Dollar der Thomas-Wolfe-Society – nicht nachahmen, sondern nur lesen möchten, ermöglicht sie dies auf eine angemessene Weise. Der umfassende Kommentar, der das Buch um fast fünfzig weitere Seiten dicker macht, ist keine Dokumentation akademischer Gelehrsamkeit, sondern er dient dem Leser, der den unzähligen Anspielungen und intertextuellen Bezügen auf den Grund gehen will. Nicht alles ist zum Verständnis notwendig, aber erhellend ist die Erklärung des Titels. Er ist einem Gedicht von John Milton entnommen – des Dichters von Paradise Lost.

     

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