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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. April 2017 | 19:51

    Edgar Allen Poe

    21.02.2009

    Poes Jahrhundert

    Edgar Poe, der beliebig Reduzierbare, hat ein Gesamtkunstwerk hinterlassen. Erfinder der Detektivgeschichte? Ja, aber anders. Erfinder des 19. Jahrhunderts? Das vor allem. DIETER PAUL RUDOLPH stellt uns „seinen“ E.A. Poe vor

     

    Er hat Angst: Lebendig eingemauert, ein totes Herz pocht sich in ihn hinein, eine gigantische Klinge pendelt ihm entgegen, die Strudel des Mahlstroms packen seinen Leib, verstorbene Frauen erscheinen ihm des Nachts, er verliert sich im All.
    Er ist unbesiegbar, souverän: Der Kosmos? Er kann ihn erklären! Mysteriöse Verbrechen? Kein Problem! Geheimschriften? Lockere Fingerübung! Die Poesie? In nüchterne Worte zu fassen!

    Und das alles in einer Person, einer fiktiven, die aus ihrerseits fiktiven zusammengesetzt wird, welche auf eine reale verweisen, die jedoch, sobald man sie zu teilen versucht, zu seltsam leblosen Fertigteilen erstarrt, zu Genres, zu wohlfeilen Nervenzuckungen. Edgar Poe.
    Poe? Der Erfinder von (an den Fingern abzählen): Detektivgeschichte, Schauergeschichte, Horrorgeschichte, Fantasy, und weil es nicht mehr drauf ankommt: Science Fiction. Poe? Der schmierige Schmeichler, der ein Dichter des Wahrhaftigen war; der Gefälligkeitsrezensent, dem jede Rezension zu Poetologie gerann, ganz ohne Wortspiel jetzt; der nüchterne Säufer, der trunkene Rekonstrukteur seiner selbst.
    Nicht zu fassen. Also fassen wir ihn.

    Indem wir behaupten: Edgar Poe hat das 19. Jahrhundert zu Ende erfunden, als es sich anschickte, erfunden zu werden.
    Das 19. Jahrhundert beginnt mit Psychologie und endet mit Psychologie. Doch zwischen der Romantik der Seelenerfahrungskunde und der Analytik Sigmund Freuds wütet die Antipsychologie. Das Primat der Ratio, die qua Technik die Welt domestiziert, das Primat der Gewinnmaximierung, die uns die Klarheit der doppelten Buchführung und das Massenelend der Slums beschert. Beides scheint sich diametral gegenüber zu stehen. Hier die Psychologie als ein Sichzurücktasten in die Geschichte der Menschheit und des Individuums. Dort der technische Fortschritt, stieren Auges der Zukunft entgegen, die eine blendende sein wird.

    Poe erkennt, dass beides zusammengehört, ineinander wuchert, aneinander reißt. Er macht sich daran, sie getrennt zu sezieren. Prosaarbeiten wie Arthur Gordon Pym, Julius Rodman, William Wilson oder Der Mann in der Menge sind Expeditionen zurück in die Psyche, an den Beginn der menschlichen Existenz. In Pym, Poes einzigem Roman, endet diese Reise vor einem großen Fragezeichen, das als Symbol der Zerschlagung von Kultur, von Zivilisation steht, sich niemals in ein Ausrufezeichen wandeln wird, keine Erkenntnis bringt. Nicht von ungefähr schwankt die Forschung in ihrer Bewertung des Pym zwischen psychologischer Tiefenanalyse und profaner Genreparodie. Doch dort, wo Poe mit Vorliebe parodiert und hoaxt, in der Wissenschaft, der Poetologie, erscheint ihm dieses andere Gesicht des Jahrhunderts, die alles beherrschende, alles hervorbringende, alles erklärende Vernunft, und er verulkt sie gleich mit.

    Ich vermag mir diese Prosa nicht anders vorzustellen als eine Pyramide, die auf dem Kopf steht. Ein Ausgangspunkt, eine Reise, die im Beliebigen enden muss. Von der Klarheit ins Diffuse, kein Weg zurück, „Wissenschaft“ als ein Behelfsmittel, das angesichts der Unfassbarkeit des Entdeckten versagt, sich selbst parodiert.

    Also reist Poe andersherum, kippt die Pyramide: Am Anfang steht die Frage, steht das Ereignis, das unerklärlich ist. Mysteriös, scheinbar nicht von dieser Welt. Ein Verbrechen, zum Beispiel. Und ER taucht auf: Auguste Dupin, Dandy und Detektiv, der nun die Pyramide aufsteigt und die Zahl der Rätsel stetig verringert, bis er die Spitze erreicht hat, die ultimative Erkenntnis. Das ist Wissenschaft, das ist die ratio des 19. Jahrhunderts, in nicht einmal einer Handvoll „Detektivgeschichten“, endlich, „Heureka!“, in kosmologisch-echatologischer Ausgabe gar mit der vollständigen Erklärung des Kosmos als Lektüregewinn. Und auch hier: Parodie. Scheitern. „Man könnte sagen, dass so der Beginn der Detektivgeschichte schon deren Parodie war“, befindet Thomas Wörtche richtig.

    Indem Poe die beiden Hauptrichtungen seines Jahrhunderts herausdestilliert und vorwegnimmt, landet er Pyrrhussiege. Die Reise ins Ich endet im Disparaten, die Fahrt ins rationale Jahrhundert auf dem Hinterhof einer Reparaturwerkstatt der Vernunft.

    Das Vokabular

    Schauen wir kurz auf Poes Vokabular, auf drei Begriffe voller Ambivalenzen: ratiocination – intuition – imagination.

    Ratiocination: völlig von den Mitteln der Vernunft und des Verstandes durchdrungen. Und tatsächlich sind die Detektivgeschichten, die „Tales of Ratiocination“ genau das: Man liest die Fakten, fügt sie logisch zusammen, man deduziert und induziert und findet die Lösung. Kein Zufall, kein Bauchgefühl.

    Intuition: Doch genau im Musterstück dieser „Tales of Ratiocination“, den Morden in der Rue Morgue heißt es: „Ein zufälliges oder unachtsames Wort; das versehentliche Fallenlassen oder Umwenden einer Karte, die damit einhergehende Unruhe oder auch Sorglosigkeit im Versuch, sie zu verbergen; das Markieren der Tricks und ihre Anordnung; Verwirrung, Zögern, Eifer oder Bestürzung – das alles liefert seiner scheinbar intuitiven Wahrnehmung Anzeichen für den wirklichen Stand der Dinge.“ Das widerspricht sich doch? Der Zufall, die psychologische Interpretation einer intuitiven Wahrnehmung füttert die Ratio.

    Imagination: Sie, die Vorstellung, das vollständig von den Urängsten gemalte Bild der Welt, wie wir es in den „Tales of Imagination“ erkennen, ist nicht die Antipodin der Ratiocination. Via „Intuition“ füttert sie den Verstand mit den zu trüben Gemälden geronnenen Urängsten. „Weh des armen unwissenden alten Mannes![Johannes Kepler] Gab es denn keinen Metaphysikus, der ihn hätte belehren können, wie das, was er ‹Intuition› heiße, nichts als eine Überzeugung sei, hervorgegangen aus Deduction oder Induction, deren Ineinandergreifen so schattenhaft erfolge, daß es seinem Bewußtsein entgangen wäre, seiner Aufmerksamkeit sich entzogen hätte, oder eben auch einfach seine Fähigkeit der Darstellung überstiege?“

    Der Kreis hat sich geschlossen. Das Rationale bedarf des intuitiv Erfühlten, dieses wiederum wird aus Deduktion und Induktion „schattenhaft“, also imaginativ erzeugt und der ratio zugeführt. Voilà: das 19. Jahrhundert.

    Verwischen

    Das 19. Jahrhundert. Wie wir es in einem Gemälde exemplarisch wiederfinden, William Turners „Regen, Dampf und Geschwindigkeit“. Turner malt dort die Errungenschaften der rationalen Welt, eine Lokomotive, die, von einer Dampfmaschine betrieben, durch die regnerische Landschaft fährt. Doch indem er dies malt, malt er die Imagination gleich mit, er kann nicht anders. Die Konturen verschwimmen, nichts mehr ist eindeutig, nichts mehr rational. Die Dinge verlieren ihre Gestalt, das Gestaltlose bekommt seine Gestalt. Während sich das Jahrhundert an der Vorstellung besäuft, es sei dazu ausersehen, seine Zukunft souverän zu formen, schauen die Menschen dieses Jahrhunderts in eine deformierte Zukunft. Oder mit Poe: Je selbstbewusster der souveräne Mensch voranschreitet, dieser Auguste Dupin der Maschinen, der Theoreme, der mathematischen Gleichungen und chemischen Formeln, desto rabiater weist ihn die Zukunft zurück in das Dunkel der Vergangenheit, in sein Innerstes, den steten Albtraum. Von James Watt zu Sigmund Freud, von der funkelnden Mechanik der Webstuhlfabriken in die archetypische Bilderwelt C.G. Jungs. Zerrissenheit: das ist Edgar Poe, das ist sein Jahrhundert.

    Krimitheorie

    Edgar Poe in toto, das ist die Kriminalliteratur. Das 19. Jahrhundert, das ist die Kriminalliteratur.

    Er ist der Meister des Zirkelschlusses: Wenn er deduziert, drehen sich seine Gedanken im Uhrzeigersinn, bis sie bei sich selbst angekommen sind. Und ein Fitzelchen selbstgemachter Wirklichkeit – der Affe war’s! – mehr beherrscht wird. Die Krimihülle, das Genre.
    Er ist die Kreatur seiner perfekten Gedanken. Von Albdruck zu Albdruck, das Ego staubkorngroß im kreisrunden Gefängnis seines Verstandes. Logik trifft auf Realität.

    Das steckt in der Krimihülle:
    Poe komplett.
    Das 19. Jahrhundert ff.
    Kriminalliteratur.

     

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