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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 29. April 2017 | 07:24

    Vladimir Nabokov: Fahles Feuer

    15.12.2008

    Der große Einflüsterer

    Vladimir Nabokovs Fahles Feuer ist eines der meistinterpretierten Werke der Weltliteratur. In ihm begegnen wir einem rätselhaften Erzähler, der uns den Leserbegriff des Autors näherbringt. LARS CLAßEN hat die Neuauflage diese Klassikers betrachtet.

     

    Wer ist er, dieser Kinbote, den Nabokov uns in seinem Roman vorsetzt? Einem Roman, der zweifelsohne zu den Titeln gehört, die sich ein Verlag leistet, der mit verkäuflicheren Büchern querfinanziert werden muss, ein Schatz, etwas fürs Profil, für die Ehre? Denn Fahles Feuer ist geradezu kryptisch. In seinem Zentrum steht ein 999 Verse zählendes Gedicht, dem zunächst ein irritierendes Vorwort eben jenes Kinbote voran- und ein dezidierter Kommentar desselben hintangestellt ist. Kurz: Der Roman tritt in der Maskerade einer werkkritischen Ausgabe in Erscheinung und Charles Kinbote als sein Herausgeber. Allerdings zeigt sich bereits zu Beginn, dass er dieser Aufgabe nicht gewachsen ist, dass er die notwendige Distanz zum Gegenstand konsequent unterschreitet.

    In dem autobiografischen Poem des unlängst verstorbenen John Shade arbeitet sich das lyrische Ich an dem Verlust eines geliebten Kindes ab; ein Schmerz, den Shade nach dem Selbstmord seiner Tochter Hazel zu kultivieren und zu verarbeiten sucht. So bekniet er die unheilbare Wunde als Quell metaphysischer Gedanken über den Tod und die Kontingenz eines möglichen Lebens danach. Die Idee des Nachlebens treibt auch Kinbote um, doch ist seine Motivation eine andere.

    Als er den von ihm verehrten Shade kennenlernt und von dessen jüngster Arbeit erfährt, lässt er keine Gelegenheit verstreichen, ihn zu infiltrieren, ihm ins Handwerk zu pfuschen. Immer wieder füttert er den Dichter mit Einzelheiten aus seiner Vergangenheit, um ihm seine eigene Geschichte aufzuschwatzen. Und was für eine Geschichte das ist. In Wirklichkeit sei er Carl der Vielgeliebte, König von Zembla, der in Voraussicht eines Putsches durch die Organisation der Schatten die Heimat fliehen musste, und nun hier, an der Universität von Wye, als Charles Kinbote untergetaucht sei.

    Seines Erfolgs sicher, sehnt sich Kinbote der Fertigstellung des Gedichts entgegen, der sprachlichen Einmeißelung seines Leides, der Unsterblichkeit. Umso schwerer wiegt die Last, als er nach dem Tod des Dichters erkennen muss, dass seine Versuche ins Leere liefen, denn: Die Geschichte, die Shade in seinen Versen niederschrieb, ist eine andere.

    Kinbote muss also selbst zum Erzähler avancieren. Um dieses eigentliche Vorhaben zu verschleiern, schlüpft er unter den Deckmantel des Herausgebers und missbraucht seine Anmerkungen zur Selbstdarstellung. Zu diesem Zweck liest er seine eigene Person gewissermaßen in das Poem von Shade hinein, das Konfliktfeld dieser Identifikation nun veranschaulicht Nabokovs Begriff des bewundernswerten Lesers.

    Der Leser als herausgeforderte Grenzgänger

    „Von allen Gestalten, die ein Künstler schafft, sind seine Leser die besten“, so Nabokov in seinen Vorlesungen über russische Literatur. Die Intuition seiner Studenten dürfte er mit diesem Diktum auf eine harte Probe gestellt haben. „Der Künstler schafft seine Leser“, aha. Aber wie hat man sich das bitte vorzustellen? Denn Nabokov wollte die Subjektivität des Lesers keineswegs unterminieren. Ganz im Gegenteil ermahnte er seine Hörer stets zur Verweigerung gängiger Lesarten und zur Destillierung der eigenen Perspektive. Nicht den Weltbezug eines Kunstwerks gelte es zu hinterfragen, sondern vielmehr dessen Wesen, die Täuschung in all ihren Sentenzen zu erfahren: „Der bewundernswerte Leser identifiziert sich nicht mit dem im Buch beschriebenen Jungen oder Mädchen, sondern mit dem Geist, der das Buch erdacht und verfasst hat. Ein Roman gefällt ihm nicht deshalb, weil er mit dessen Hilfe anpassungsfähiger wird, sondern wie er jede Einzelheit des Textes in sich aufnimmt und versteht, sich an dem freut, woran er sich nach dem Willen des Autors freuen soll; er strahlt innerlich und äußerlich, wird begeistert von den Zauberbildern des Meisterfälschers, des Magiers, des Künstlers.“

    Freilich fordert Nabokov, der hintersinnige Stilist, seinen Lesern viel ab, macht sie zu Grenzgängern, die nur mit Mühe „hinter dem Golf der Überraschungen ein mattes Schimmern erkennen“. Ihnen gegenüber steht Kinbote, der Antipode, der dem Kunstwerk instrumentellen Charakter beimisst. So verkörpert er gewissermaßen den Leser, vor dem Nabokov seine Studenten immer gewarnt hat. Indem sich Kinbote ferner als eigentlicher Beförderer des Gedichts begreift, versinnbildlicht er ebenfalls die Hybris des professionellen Lesers, des Kritikers. Diesem geht der naive Blick auf den Text von Berufswegen ab. Stattdessen erkennt er die intertextuellen Verwebungen des Romans, lässt sich von jeder noch so kleinen Anspielung umgarnen und wird so zu einem Teil des Spieles. Dadurch aber, dass Nabokov die Schieflage zwischen Werk und Exeget, so gesehen das Anmaßende an der beanspruchten Deutungshoheit mit thematisiert, zwingt er den Kritiker, über die eigene Schulter zu blicken.

    In einem späten Interview hat Nabokov das Geheimnis um die eingeschriebene Identität seiner Figur gelüftet und den aus einigen Richtungen verlautbarten Buchstabendreher im Namen des Protagonisten, Kinbote-Botkin, bestätigt. Allerdings nimmt dieser Botkin, ein vom Wahnsinn befallener Exilrusse und ebenfalls Dozent der Universität, im Ensemble der dramatis personae lediglich eine Statistenrolle ein. Ein Umstand also, der auf die Möglichkeit alternativer Auslegungen verweist.

    Programmatisches Textlabyrinth

    Nur sieben Jahre nach seinem „Hurrikan“ Lolita hat Vladimir Nabokov ein programmatisches Textlabyrinth geschaffen, wie es nur wenige vermögen, ohne ihre Leser gleichsam zu verschrecken. Hier zeigt sich der wahre Meister der Verstrickung, der große Einflüsterer, der seinen Leser eigens schafft, ihn erzieht und an sich bindet. Denn was hielte uns davon ab, der Verwirrung notfalls ein Ende zu bereiten, das Buch einfach aus der Hand zu legen? Es ist die genuine Sprachgewalt des Autors, der nicht nur beeindruckend unter Beweis stellt, welch großer Lyriker er ist, sondern sein gesamtes Romanpuzzle spielerisch mit der Licht- und Schattenmetaphorik des Titels durchzieht: Beidseitig vom Dunkel umgeben, die zemblanische Geheimorganisation der Schatten auf der einen, die hoffnungsbeladene Schriftstellerexistenz Shades auf der anderen Seite, wird Charles Kinbote schließlich selbst zum fahlen Feuer.

     

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