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    Donnerstag, 27. April 2017 | 10:53

    Daniil Charms: Werke 1-4 und Marina Durnowo: Mein Leben mit Daniil Charms

    24.09.2012

    Mr. Charms ist nicht zu fassen!

    Der verführerischen Absurdität von Charms' gesammelten Werken, die dankenswerterweise vom Galiani Verlag nun vollständig herausgegeben wurden, kann man sich nur schwer entziehen. Sie verstehend zu entschlüsseln, ist vielleicht unmöglich, zumindest mühsam. Nur wenige Menschen in seiner Umgebung konnten ihn akzeptieren, wie seine zweite Ehefrau Marina Malitsch. Charms lesen heißt, sich auf eine Odyssee ins Surreale zu begeben. VIOLA STOCKER reiste mit leichtem Gepäck.

     

    Daniil Iwanowitsch Juwatschow wird am (nach heutiger Rechnung) 30.12.1905 in St. Petersburg geboren. Bereits seine familiären Hintergründe legen den Grundstein für ein widerspruchsvolles Leben: Seine Mutter entstammt altem Adel, der Vater wird wegen antizaristischer Umtriebe zu fünfzehn Jahren Haft verurteilt. Die Eltern legen großen Wert auf religiöse orthodoxe Erziehung, ein Umstand, der Charms' Denken tief prägen sollte. Zusammen mit seiner Schwester Jelisaweta wächst Daniil Charms in  St. Petersburg auf. Nach dem Besuch der deutschen Schule in St. Petersburg beginnt er ein Studium der Elektrotechnik.

     

    Der Unvollendete

    Daniil Charms beendet nichts, niemals. Weder sein Studium, noch seine Dramen, noch seine Prosa. Selbst die Lyrik verläuft manchmal im fragenden Nichts, von den haltlosen Gedankensprüngen in seinen autobiografischen Aufzeichnungen ganz zu schweigen. Doch er findet schnell Zugang zu avantgardistischen Zirkeln wie den Futuristen und der »linken Flanke«. Mit Alexander Wwedenski wird ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden. 1926 gründen Charms und Wwedenski die informelle Künstlergruppe Tschinari, denen auch die Philosophen Jakow Druskin und Leonid Lipawski angehören. Zum ersten Mal erscheint ein Gedicht von Charms in einem Lyrikalmanach. Ende 1926 entsteht die Künstlergruppe OBERIU, der neben Charms und Wwedenski auch Igor Bachterew und andere angehören.

     

    Charms ist Mitverfasser des Manifests der OBERIU und tritt bei den Veranstaltungen der Gruppe auf, zum Teil als Rezitator, aber auch als Dramatiker mit eigenen Stücken. Zeitgenossen erinnern sich an exzentrische Auftritte des Lyrikers und seine faszinierende Persönlichkeit. Der interessierten Öffentlichkeit aber wird der Zugang zu den OBERIU durch negative propagandistische Kritiken erschwert und die Gruppe kann kaum mehr auftreten. In der gerade entstehenden Sowjetunion sind die teils subversiven Schriften verpönt, Charms hat kaum Gelegenheit zur Veröffentlichung seiner Werke. Durch Kontakte bekommt er Gelegenheit, in Kinderzeitschriften wie Der Igel zu publizieren, lange Zeit seine einzige Einnahmequelle.

     

    Der Unverstandene

    An Charms scheint sich seine Umgebung die Zähne auszubeißen. Die erste Ehe mit Esther Russakowa scheitert bereits 1929, das Auseinanderbrechen der Beziehung ist in den Tagebucheinträgen und Notizen Charms' haarklein dokumentiert. Es wird einem als Leser manchmal zuviel, diese Geballtheit an Persönlichem, wobei man bedenken muss, dass der Galiani Verlag alle persönlichen Eintragungen Charms' gedruckt hat, obwohl sie wahrscheinlich nie zur Veröffentlichung gedacht waren.

     

    Überhaupt ist Daniil Charms ein sehr privater Schriftsteller. Nachdem er 1931 im Zuge einer größeren Verhaftungswelle festgenommen und für rund ein Jahr nach Kursk in die Verbannung geschickt wird, dürfte ihm spätestens jetzt klar geworden sein, dass im sozialistischen Realismus kein Platz für avantgardistische Autoren ist. Zwar hat sich Charms nie für Realpolitik interessiert, doch das deplatzierte Scheitern der Individuen beschäftigte ihn, der Hunger, die Angst und die Ratlosigkeit vor dem Leben.

     

    Daraus entstehen Kürzestprosastücke wie: »Er war so verdreckt, dass er einmal, als er seine Füße inspizierte, eine vertrocknete Wanze zwischen den Zehen fand, die er offenbar schon einige Tage am Fuß mit sich herumgetragen hatte« (1930er Jahre). Deren erschreckende Aufrichtigkeit war im entstehenden Stalinismus Grund genug, Autoren wie Charms den Mund zu verbieten.

     

    1934 heiratet Daniil Charms seine zweite Ehefrau Marina Malitsch. Mit ihr verbindet ihn eine lebenslange Zuneigung und Freundschaft, wenn auch von ehelicher Verbundenheit und Treue nicht die Rede  sein kann. Er widmet ihr einige sehr melodiöse Liebesgedichte, in denen er sich dennoch seinen typischen, von Paradoxien geprägten Schreibstil erhält. Eines, das er »Transrationales Liedelchen« nennt, lässt den Leser mehr als ratlos zurück, denn es hat – von »zaum«-Elementen abgesehen, keinen Inhalt.

     

    Nach dem Tod seines Vaters 1940 und dem Beginn der stalinistischen Säuberungsaktionen verarmt Charms zunehmend. Freunde und Bekannte werden verhaftet, ermordet oder sterben in Haft. Entsprechend düster schreibt Charms selbst. 1941 wird er erneut verhaftet, seine Wohnung durchsucht und er selbst nach einer gerichtsmedizinischen Untersuchung für schizophren erklärt. In Haft stirbt er 1942 am 2. Februar.

     

    Der Ungelesene

    Die Rezeptionsgeschichte seines Werkes verläuft ähnlich chaotisch wie sein Leben. Nachdem er kaum veröffentlichen konnte und stets knapp bei Kasse war, benutzte er irgendwann alles als Medium. Charms war die Kunst, die er schrieb. Persönliches und Literarisches sind bei ihm kaum zu trennen. Er schreibt mit der Hand, auf Papier, in Notizbücher, auf Einkaufszettel, Rechnungen, Pappe, er arbeitet wie besessen in der Gewissheit, nicht gelesen zu werden.

     

    Nur einen Zyklus, die »Fälle« bereitet er zur Publikation vor, ansonsten muss sich der Herausgeber jedes Mal neu entscheiden, was von seinen Notizen wert ist, veröffentlicht zu werden. Charms steht als Geisteskranker auf dem Index, seine Werke können erst nach dem Fall der Sowjetunion verbreitet werden.

     

    Wie kann man einen Autor lesen, der um der Kunst willen schrieb, der sein Leben mit seiner Arbeit derart verflocht, dass es Theaterstücke mit ihm selbst als er selbst in der Hauptrolle gibt, wie zum Beispiel in »Szene aus dem Alltag. Ein Vaudeville«? Es ist schwer möglich, Charms zu verstehen, ohne ihn zu kennen. Gerade das wird letztendlich von den Lesern verlangt. Es ist, als hätte man einen Bruder von Franz Kafka vor sich, genauso rätselhaft und paradox schreibt Charms. Gerne benutzt er mystische Zeichen, selbst in der Schrift oder »Zaum«-Elemente in der Sprache, also geprägt von Lautmalereien, Silbenexperimenten und rhythmischem Sprechen. Und all das mit einem ausgeprägten Humor, sodass es ihm stets gelingt, alles Absurde und Skurrile im tristen, hungergezeichneten Alltag des stalinistischen Staates zu erden.

     

    Die Unbeholfene

    Um sozusagen diesem Umstand der Unkenntnis Abhilfe zu verschaffen, präsentiert der Galiani Verlag zeitgleich Mein Leben mit Daniil Charms – eine Autobiografie von Marina Durnowo, die ihr Leben mit Daniil Charms zum Inhalt haben soll. So genial dem Verlag die Werksausgabe zu Daniil Charms gelang, so ratlos hinterlässt einen Durnowos Autobiografie.

     

    Nicht, dass sie kein faszinierendes Leben gehabt hätte, das zudem um einiges länger andauern durfte als Charms'. Die Lektüre hilft einem einfach nicht weiter. Man erfährt vieles aus Marinas Leben. Von ihrem Leben vor Charms wird erzählt, auch von ihrem Leben trotz Charms und vor allem von ihrem Leben nach Charms. Aber so ziemlich alles, was sie zu ihrem Ehemann zu sagen hat, ist, dass sie ihn nie verstanden hat. Marina Durnowo hat Charms respektiert und auch begriffen, dass ihr Mann ein Künstler war. Aber mehr konnte sich das Ehepaar nicht geben. Seine Motivation, sein Antrieb waren ihr stets unerklärlich.

     

    Sie selbst gibt zu, dass sie die Beziehung nur deshalb aufrechterhielt, weil es für sie keine lebbare Alternative gegeben hätte. Als Enkelin einer Fürstin hat sie keinen leichten Start in der Sowjetunion, in der Zeit der Umgestaltung herrschten überall Hunger und Arbeitslosigkeit. Charms und Durnowo bilden schon früh eine Zweckgemeinschaft, in der sich beide umeinander kümmern, aber alle Emotionen schnell einfrieren. Entsprechend schnell weicht auch der Schock nach der Nachricht von Charms Tod einem Gefühl der Befreiung. Durnowo verläßt Leningrad bald darauf und gelangte über Deutschland und Frankreich schließlich nach Venezuela, einem der wenigen Länder, die nach dem Zweiten Weltkrieg noch Flüchtlinge aufnahmen. Die Sowjetunion war für sie fortan der Staat, der es geschafft hatte, Künstler wie Charms und Wwedenski zugrunde zu richten.

     

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