TITEL kulturmagazin
Montag, 27. März 2017 | 14:25

Martin Grzimek: Tristan

18.06.2012

Abtauchen in die Vergangenheit

Der Mythos von Tristan und Isolde ist ungebrochen. Doch spätestens seit dem letzten großen Monumentalstreifen von Ridley Scott aus dem Jahr 2006 mit gleichnamigem Titel waren Zweifel angebracht und es lag der Gedanke nahe, ob das Epos nicht womöglich doch – 800 Jahre nach Gottfried von Straßburg Dichtung – endlich in Bibliotheken und Archiven gebunkert werden sollte. Jetzt aber liefert Martin Grzimek in seinem 900 Seiten umfassenden Schmöker Tristan und Isolde den Beweis dafür, dass dem nicht so ist. HUBERT HOLZMANN hatte jedenfalls vergnügliche Lesestunden.

 

Die Geschichte von Tristan und Isolde – ist doch logisch – kennen wir. Da gibt es einen Königssohn aus einem etwas abgewirtschafteten Reich, der auf Brautschau geht. Aber nicht für sich selbst, wie man meinen möchte. Er ist für seinen Herrn unterwegs, für König Marke aus England. Dieser tut sich nach all dem Aventiure, dem Lanzenkampf mit Recken, Drachen und anderen Untieren sichtlich schwer mit Frauen. Aber die Pflicht fürs Vaterland ruft. Ein Thronfolger muss her.

 

Dass nun Tristans Auftrag nicht gut gehen kann, haben uns schon so manche nostalgiegeschwängerte Mittelalter-Filme aus den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gelehrt. So eine Prinzessin – und selbst die Tochter einer irischen Zauberin – hat eben eine ungeahnte erotische Strahlkraft. Und das Leben – eingesperrt auf einer Burg – ist natürlich nicht die Spielwiese, auf der sich ein voll im Saft seiner Jugend stehender Jüngling austoben kann. Für Tristan heißt es: Isolde sehen und sterben. Und als dann noch ein Liebestrank gereicht wird, sind sich die Liebenden bis an ihr Lebensende verfallen, ist jeder gebotene Abstand dahin, Vorsicht und Verzicht gehen nicht mehr. Wie so oft gilt dann doch der Satz: Wenn die Hormone kreisen, geht der Verstand auf Reisen.

 

Und so kommt es auch in Grzimeks Tristan-Roman, wie es kommen muss; obgleich zwar das Verhältnis der beiden schon seit langem am Königshof ein offenes Geheimnis ist und Ritter und Edeldamen nicht nur hinter dem Rücken ihres Herrn tuscheln, will Marke den Verrat der beiden nicht wahrhaben. Am Ende erwischt der König Tristan und Isolde dann doch in flagranti und er verweist sie aus seinem Reich.

 

Tristan, vom vergifteten Schwert des Königs verwundet, siecht langsam dahin und mit ihm stirbt Isolde den Liebestod. Das Ende also nicht einfach ein piccola morte, sondern ganz große Oper. Von wegen ein Verhältnis, Fremdgehen. Nein! Wahrhafte Vereinigung – ganz ohne Gejammer danach. Von wegen irgendwelche Alimentationen. Nein! Höchste Lust – und größte Vereinigung im Tod.

 

Bildungsreise durch das mittelalterliche Europa

Das ist der Tristan, wie wir ihn nicht zuletzt von Richard Wagner her kennen. Das ist aber nur der zweite Teil der Geschichte, die uns Martin Grzimek in seinem Roman über Treue, Liebe und Verrat erzählt. Sein Tristan wird zunächst in eine fremde, feindliche Welt hineingeworfen, die Mutter Blancheflur stirbt bei seiner Geburt, der Vater Riwalin fällt am selben Tag im Kampf. Aufgezogen im Geheimen, erfährt Tristan erst später durch Zufall von seiner königlichen Herkunft. Im selben Augenblick wird er von sich zum ersten Mal in der ersten Person sprechen.

 

Martin Grzimek arbeitet Tristans Suche nach Identität stark heraus. Dieser erfährt seine besondere Autorität, seine Eigen- und Selbstständigkeit. Allerlei Magisches, Geheimnisvolles spielt eine Rolle: eine goldene Kugel vom Vater, ein altes Familienbuch. Hierin liest er die Geschichte seines Vaters Riwalin nach, der auch schon einmal – wie später Tristan – an Markes berühmten Königshof nach England gereist war und dort seine spätere Frau Blancheflur, König Markes Schwester nach einem Turniersieg zur Frau nahm. Auch über Isoldes Familie, die stark matrimonial geprägt ist, wird der Leser anschließend aufgeklärt, wächst sie doch in einem reinen Frauenhaushalt auf, in dem Männer nur als gelegentliche Berater oder Diener auftreten.

 

Für die irische Königin bedeutet der ferne, noch gänzlich unbekannte Tristan eine plötzliche Bedeutung, erscheint doch am Tag von Isoldes achtem Geburtstag ein roter Stern am Himmel. Ein Zeichen, das die irische Königin, die Mutter Isoldes, als große Bedrohung für ihr Reich deutet. Ihre Deutung: Ein Man wird Irlands Sicherheit bedrohen. Und dies ist natürlich Tristan. Die Konsequenz: Isoldes Mutter sendet Späher in alle Welt aus, um Tristan unschädlich zu machen. Der Countdown läuft: Sieben Jahre sind Zeit, bis der Stern verglühen wird. Bis dahin muss Tristan erlegt sein. Der Titelheld ist also in höchster Gefahr. Er muss untertauchen und flieht aus der heimlichen Burg in der Bretagne mit seinem Lehrer, dem Mönch Courvenal, der ihn auf eine siebenjährige Reise mitnimmt.

 

Zunächst führt die Fahrt durchs wilde Frankreich an die Kaiserpfalzen nach Aachen, Köln, dann nach Magdeburg, Mainz, Worms und Speyer. Die beiden Flüchtlinge tauchen bei Mönchen unter, verkleiden sich, Tristan lernt das Schmiedehandwerk – sein Gesellenstück ein Schwert, was kann es anderes sein – und er bekommt ein edles Glas geschenkt. Der Hinweis an den späteren Liebestrank erübrigt sich hier wohl! Martin Grzimek erweckt in diesen Kapiteln das dunkle, wilde Treiben mittelalterlicher Städte zu neuem Leben.

 

Man mag manchmal an den Köln-Roman von Frank Schätzing, Tod und Teufel, oder an Umberto Ecos Der Name der Rose denken. Denn Grzimek hat das Leben in einer mittelalterlichen Stadt und in einem Kloster des 13. Jahrhunderts detailgetreu recherchiert. Fast wie im Film schneidet er einzelne Reiseerlebnisse und Eindrücke zusammen: Zu sehen sind Rheinfischer, Tristan bestaunt die neuerstandenen Bauwerke, wie den Dom zu Speyer und erlebt Köln als »größte Enttäuschung«, den »riesigen Steinhaufen, Turmstümpfe wie angefaulte Eckzähne im Gebiss eines Alten.«

 

Die sieben Jahre dauernde Reise – sieben Jahre steht auch der rote Stern am Himmel – sind die sieben Jahre des Übergangs von der Kindheit zum jungen Erwachsenen. Für Tristan sind dies sieben Jahre Flucht, allerdings verbunden mit einer siebenjährigen Lehre. Also doch ein Bildungsroman? Tristan schult sich im Umgang mit allerlei Gesindel, er muss sich dubioser Gestalten erwehren (und entledigen). Zugleich begegnet Tristan den großen Menschen der Zeit: ehrenhaften Kaufleuten, großen Gelehrten und Wissenschaftlern. Wie es für ein mittelalterliches Epos, etwa Hartmann von Aues Erec, wichtig ist, führt ihn die Reise auch nach Italien.

 

Allerdings werden sie in Toulon, wie Courvenal meint,  – und nicht in Rom den Papst besuchen. Und wie reagiert Tristan auf diese Auskunft? Sehr vernünftig: »‘Wohnt der nicht in Roma oder Verona?‘ Tristan stellte diese Frage, obwohl er sich nur an Rom erinnern konnte, an die engen Straßen dort, an den Gestank und den Platz, auf dem eine riesige Kathedrale gebaut wurde.« Als letztes Land auf ihrer Reise wird Spanien besucht in der Tracht der Kaufleute. Barcelona, Toledo. Erst jetzt ist die Zeit für die Heimkehr gekommen. Hier gelingt es den Verfolgern endlich, Tristan doch noch zu entführen.

 

Tristan gelingt jedoch die Flucht und kommt auf wundersame Weise nach England – direkt an den Hof von König Marke, wo er nach erfolgreicher Jagd sein Horn erklingen lässt. Als neuer Freund wird er von Marke begrüßt. Und mit diesem klanglichen „Leitmotiv“ aus Wagners Tristan beginnt nun endlich die bekannte Story von Tristan und Isolde. Martin Grzimek erzählt diese faszinierende Liebesgeschichte aus dem Mittelalter für heutige Leser so erfrischend neu, dass man sich dem nicht entziehen will. Es ist ein Tristan, der in seiner »Magie und Farbenpracht« auch junge Erwachsene begeistert.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:
weg vom original - hin zum modernen text! wunderbar!
| von michel müller, 25.06.2012

... bis sie dann gestorben sind.

Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

Musik in Schwarz-Weiß

Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

Die Geschichte geht weiter

Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Gefangene des Himmels. Von PETER MOHR

Zwischen Karikatur und Avantgarde

Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter