Bildungsreise durch das mittelalterliche Europa
Das ist der Tristan, wie wir ihn nicht zuletzt von Richard Wagner her kennen. Das ist aber nur der zweite Teil der Geschichte, die uns Martin Grzimek in seinem Roman über Treue, Liebe und Verrat erzählt. Sein Tristan wird zunächst in eine fremde, feindliche Welt hineingeworfen, die Mutter Blancheflur stirbt bei seiner Geburt, der Vater Riwalin fällt am selben Tag im Kampf. Aufgezogen im Geheimen, erfährt Tristan erst später durch Zufall von seiner königlichen Herkunft. Im selben Augenblick wird er von sich zum ersten Mal in der ersten Person sprechen.
Martin Grzimek arbeitet Tristans Suche nach Identität stark heraus. Dieser erfährt seine besondere Autorität, seine Eigen- und Selbstständigkeit. Allerlei Magisches, Geheimnisvolles spielt eine Rolle: eine goldene Kugel vom Vater, ein altes Familienbuch. Hierin liest er die Geschichte seines Vaters Riwalin nach, der auch schon einmal – wie später Tristan – an Markes berühmten Königshof nach England gereist war und dort seine spätere Frau Blancheflur, König Markes Schwester nach einem Turniersieg zur Frau nahm. Auch über Isoldes Familie, die stark matrimonial geprägt ist, wird der Leser anschließend aufgeklärt, wächst sie doch in einem reinen Frauenhaushalt auf, in dem Männer nur als gelegentliche Berater oder Diener auftreten.
Für die irische Königin bedeutet der ferne, noch gänzlich unbekannte Tristan eine plötzliche Bedeutung, erscheint doch am Tag von Isoldes achtem Geburtstag ein roter Stern am Himmel. Ein Zeichen, das die irische Königin, die Mutter Isoldes, als große Bedrohung für ihr Reich deutet. Ihre Deutung: Ein Man wird Irlands Sicherheit bedrohen. Und dies ist natürlich Tristan. Die Konsequenz: Isoldes Mutter sendet Späher in alle Welt aus, um Tristan unschädlich zu machen. Der Countdown läuft: Sieben Jahre sind Zeit, bis der Stern verglühen wird. Bis dahin muss Tristan erlegt sein. Der Titelheld ist also in höchster Gefahr. Er muss untertauchen und flieht aus der heimlichen Burg in der Bretagne mit seinem Lehrer, dem Mönch Courvenal, der ihn auf eine siebenjährige Reise mitnimmt.
Zunächst führt die Fahrt durchs wilde Frankreich an die Kaiserpfalzen nach Aachen, Köln, dann nach Magdeburg, Mainz, Worms und Speyer. Die beiden Flüchtlinge tauchen bei Mönchen unter, verkleiden sich, Tristan lernt das Schmiedehandwerk – sein Gesellenstück ein Schwert, was kann es anderes sein – und er bekommt ein edles Glas geschenkt. Der Hinweis an den späteren Liebestrank erübrigt sich hier wohl! Martin Grzimek erweckt in diesen Kapiteln das dunkle, wilde Treiben mittelalterlicher Städte zu neuem Leben.
Man mag manchmal an den Köln-Roman von Frank Schätzing, Tod und Teufel, oder an Umberto Ecos Der Name der Rose denken. Denn Grzimek hat das Leben in einer mittelalterlichen Stadt und in einem Kloster des 13. Jahrhunderts detailgetreu recherchiert. Fast wie im Film schneidet er einzelne Reiseerlebnisse und Eindrücke zusammen: Zu sehen sind Rheinfischer, Tristan bestaunt die neuerstandenen Bauwerke, wie den Dom zu Speyer und erlebt Köln als »größte Enttäuschung«, den »riesigen Steinhaufen, Turmstümpfe wie angefaulte Eckzähne im Gebiss eines Alten.«
Die sieben Jahre dauernde Reise – sieben Jahre steht auch der rote Stern am Himmel – sind die sieben Jahre des Übergangs von der Kindheit zum jungen Erwachsenen. Für Tristan sind dies sieben Jahre Flucht, allerdings verbunden mit einer siebenjährigen Lehre. Also doch ein Bildungsroman? Tristan schult sich im Umgang mit allerlei Gesindel, er muss sich dubioser Gestalten erwehren (und entledigen). Zugleich begegnet Tristan den großen Menschen der Zeit: ehrenhaften Kaufleuten, großen Gelehrten und Wissenschaftlern. Wie es für ein mittelalterliches Epos, etwa Hartmann von Aues Erec, wichtig ist, führt ihn die Reise auch nach Italien.
Allerdings werden sie in Toulon, wie Courvenal meint, – und nicht in Rom den Papst besuchen. Und wie reagiert Tristan auf diese Auskunft? Sehr vernünftig: »‘Wohnt der nicht in Roma oder Verona?‘ Tristan stellte diese Frage, obwohl er sich nur an Rom erinnern konnte, an die engen Straßen dort, an den Gestank und den Platz, auf dem eine riesige Kathedrale gebaut wurde.« Als letztes Land auf ihrer Reise wird Spanien besucht in der Tracht der Kaufleute. Barcelona, Toledo. Erst jetzt ist die Zeit für die Heimkehr gekommen. Hier gelingt es den Verfolgern endlich, Tristan doch noch zu entführen.
Tristan gelingt jedoch die Flucht und kommt auf wundersame Weise nach England – direkt an den Hof von König Marke, wo er nach erfolgreicher Jagd sein Horn erklingen lässt. Als neuer Freund wird er von Marke begrüßt. Und mit diesem klanglichen „Leitmotiv“ aus Wagners Tristan beginnt nun endlich die bekannte Story von Tristan und Isolde. Martin Grzimek erzählt diese faszinierende Liebesgeschichte aus dem Mittelalter für heutige Leser so erfrischend neu, dass man sich dem nicht entziehen will. Es ist ein Tristan, der in seiner »Magie und Farbenpracht« auch junge Erwachsene begeistert.