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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 25. April 2017 | 18:22

    Meinungsmacher im Internet und die Hysteriespirale

    05.06.2011

    Würstchen im Reizdarm

    An Tagen, an denen ich nicht gut drauf bin, vergleiche ich meine Facebook-Timeline gerne mit einem Verdauungstrakt: Da sind diese Leute - manchmal sind es noch nicht einmal Leute -, die Facebook nach wie vor standhaft als meine Freunde bezeichnet, und die fressen so ziemlich alles, was ihnen über den Weg läuft, schlucken es in den Darm, der sich Timeline nennt, und zersetzen es in mehr oder weniger ausufernden Diskussionen in seine kleinsten Bestandteile. Eine Stilkritik von JAN FISCHER

     

    Aus der Activia-Werbung weiß ich, wie wichtig zersetzende Bakterien - möglicherweise waren es auch Enzyme - für eine gesunde Verdauung sind, und aus dem Studium weiß ich, wie wichtig Diskussionen für das geistige Wohlbefinden meiner hauptsächlich aus Journalismus und Geisteswissenschaften stammenden Mitglieder meiner Freundesliste bzw. Internetdarmflora sind. Ich schaue ihnen gerne dabei zu, wie sie aus den wogenden Zotten des Facebook-Darms herauskriechen und ihr wohltuendes Werk verrichten, manchmal bin ich selbst eine dieser kleinen Bakterien bzw. Enzyme.

     

    An Tagen, an denen ich richtig schlecht drauf bin, vergleiche ich meine Facebook-Timeline gerne mit einem Reizdarm. »Eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit des Darmes gegenüber mechanischen Reizen ist ein sehr sensitives, weniger spezifisches Zeichen des Reizdarmsyndroms«, schreibt Wikipedia dazu: Die kleinste, gewöhnlichste Sache, der geringste Anstupser, bringt alles zum Überlaufen, und heraus kommt nichts als Dünnpfiff und/oder Verstopfung. Aus den Zotten kommen viel zu viele nützliche, kleine Helfer gekrochen, Hysterie bricht los.

     

    Im Grunde sind auf Facebook alle ständig überreizt, aber normalerweise klappt das ganz gut, weil die Verdauung irgendeines Songs, den gerade alle wieder ganz großartig finden oder der Tod irgendeines Indie-Prominenten nun so viel Verdauungsarbeit auch wieder nicht erfordern: Das ist normales Tagesgeschäft, ein kleiner Snack: Zwei, drei Klicks, ein paar Zeilen, fertig. Problematisch wird es bei größeren Dingen, problematisch wird es aber vor allem dann, wenn von diesen größeren Dingen immer wieder neue Variationen irgendwelcher Argumente, Polemiken, wasauchimmer in den Reizdarm gekippt werden. Am besten noch mit der sprühddurchfallartigen Streuung, die nur Leute mit mehr als 1000 Freunden auf ihrer Liste erreichen. Dann geht die Darmflora steil.

     

    Das wären dann die Würstchen: Nennen wir die zwei Beispielkandidaten Mario S. und Sascha L., und Würstchen sind sie, weil ich sie mir länger vorstelle als die herkömmlichen runden Facebook-Verdauer: Sie sind länglich geformte Bakterien, weil sie mehr Verbindungen mit den anderen, kleinen runden Bakterien eingehen müssen, die an ihren Zitzen hängen und Statements zu Themen wie Netzneutralität, Leistungsschutzrecht, der kapitalistischen Verwahrlosung des Internets überhaupt usw. gefüttert bekommen.

     

    Es geht gar nicht so sehr darum, was da aus den Zitzen der Würstchen in die Darmzotten gekippt wird - das mag klug sein oder nicht, es mögen durchdachte oder bekloppte Meinungen sein, das ist völlig egal. Das Problem ist die stilistische Überhitzung, der rein mechanische Reiz, der auf ein ohnehin schon empfindliches, weil atemloses System ausgeübt wird: Eine Polemik von Mario S. übers geistige Eigentum, ein Wutausbruch von Sascha L. über das böse Imperium des Steve Jobs verursacht, in den Facebook-Darm gekippt, mit ziemlicher Sicherheit einen Wust aus Reposts, »Gefällt mirs« und Kommentaren: Verstopfung des Darms gefolgt von Durchfall, weil jeder, der nicht dazu berufen ist, der Meinung ist, er müsse eine Meinung haben.

     

    Und das liegt gar nicht so sehr am Inhalt, es liegt eher daran, dass die Würstchen parasitär von den Bakterien leben, die sich an sie andocken, und die Würstchen geben ihnen, was sie wollen: Sie füttern ihnen den süßen Nektar der moralisch über alles erhabenen Rechthaberei. Das ist ein stilistisch-rhetorisches Problem, im Grunde eine Unhöflichkeit: Ein gereiztes System noch weiter zu überreizen, den Darm im roten Bereich zu fahren, nur weil Verstopfung die einzige Möglichkeit ist, Aufmerksamkeit zu bekommen.

     

    Nochmal: Es geht gar nicht so sehr um Inhalte, die sind völlig egal, es geht auch nicht darum, dass Meinungsjournalismus per se zu verurteilen wäre. Es geht darum, dass von Menschen, die es besser wissen müssen, das System noch mehr überreizt wird, dass bewusst eine sich selbst steigernde Spirale inszeniert wird, weil - sei es auf Facebook, sei es in irgendeinem der tausend anderen parallen Streams - generierte Aufmerksamkeit wichtiger ist als Höflichkeit gegenüber den Lesern, weil der Reiz wichtiger ist als die Auseinandersetzung damit.

     

    Meine Facebook-Timeline ist eine einzige, hyperhysterische Reizspirale, in der es nichts gibt als Menschen, die - zugegeben, auf höchst verschiedenen Ironieniveaus - Recht haben, und mit der stilistischen Variante der Hochstelltaste nach Aufmerksamkeit schreien: ABER DAS IST WCHTIG DAS MÜSST IHR DOCH SEHEN DASS ICH SCHREIE UND EUCH KEINE WAHL LASSE IST GERECHTFERTIGT WEIL ALLES SO UNFASSBAR WICHTIG IST. So ungefähr: Als schriee einem ständig jemand ins Ohr beim Lesen, weil die Würstchen in ihrer Arroganz ihre eigene Wichtigkeit an der Zahl Leser messen, die an ihren Zitzen saugen, und die wiederum die Richtigkeit ihrer eigenen Meinung an der überlegen-arroganten über alles andere erhabenen Rechthaberei der Würstchen messen.

     

    Je hysterischer etwas proklamiert wird, desto wichtiger muss es dem Schreiber ja sein, desto wichtiger ist es ja überhaupt. Und wenn es dann noch einigermaßen gut geschrieben ist, tja, dann muss es ja gut und richtig sein. Dass das Kalkül sein könnte und ansonsten vielleicht kein Hahn nach irgendeiner bekloppten Nischenmeinung krähen würde, darauf kommt niemand.

     

    Lustig ist ja, dass die Handvoll Königsblogger, die übrig geblieben sind, und die sich nach wie vor als Speerspitzen einer diffusen Art von Gegenöffentlichkeit verstehen, zu hysterischen, profilneurotischen Marktschreiern entwickelt haben, die hauptsächlich die Schlüsselreize der verdauenden Netzbakterien aktivieren als tatsächlich etwas zu tun: Das BildBlog verliert sich an schlechten Tagen in haarspalterischen Wortklaubereien, Mario S. und Stefan N. fahren einen eigenartigen Kurs aus jeweils unterschiedlich gefärbter moralischer Überlegenheit, und Sascha L. windet sich auf seinem Kaiserstuhl Lorbeeren um den Kopf, wenn er nicht gerade ausgerechnet bei SpiegelOnline rumranted. Kreischen tun sie alle. Ja, Print ist tot, aber das kann es doch auch nicht sein.

     

    Also was? Was tut man mit Leuten, die im Bus laut schreien, wie schlecht der Fahrer doch fährt? Oder wie sehr der eine oder andere Mitreisende stinkt? Wenn Menschen ihre eigene - vielleicht eingebildete - Überlegenheit laut herausposaunen müssen, weil es sonst niemand mitbekommt? Was tut man, wenn die Mehrheit der Mitreisenden dann noch der Meinung ist, diese Unhöflichkeit, diese lauten Belästigungen wären angebracht? Nichts im Grunde. Unhöflichkeit kann man nicht mit Unhöflichkeit vergelten, auf Überreizung mit noch größerer Überreizung zu antworten, das Nichtgenehme einfach niederzubrüllen: Das ist die Technik der Würstchen.

     

    Für eine Diskussionskultur zu plädieren, in der nicht der gewinnt, der am lautesten schreit oder sich am besten in der Timeline positioniert, oder beides, erscheint eher müßig: Das ist ja gerade das Problem, dass die meisten der Darmbakterien genau darauf anspringen, dass der Schwarm die Marktschreier verlangt. Und das ist eigentlich das größte Problem: Auf welcher Grundlage könnte man gegen den Schwarm argumentieren? Schlimmstensfalls zöge man sich damit auf genau DIE elitäre Arroganz zurück, gegen die es ja eigentlich gehen soll, bestenfalls auf einen ästhetischen Netz-Dandyismus, der aber auch noch zu erfinden, zumindest aber zu verbreiten wäre.

     

    Immerhin lässt sich eines sagen: Nachdem die Blogger vor langer Zeit angetreten waren, eine Gegenöffentlichkeit zu den etablierten Print-Medien zu formieren, nun aber selber der natürlichen Auslese der Mainstream-Falle zum Opfer gefallen sind, dauert es nicht mehr lange, bis sich gegen diese Gegenöffentlichkeit noch eine Gegenöffentlichkeit formiert: Das ist der natürliche Lauf der Dinge. Es wäre ganz wunderbar, und das ist wirklich eine Herzensangelegenheit, wenn diese Gegenöffentlichkeit einerseits nicht in Hysterie über die Möglichkeiten des Internets verfallen und es mit Zähnen und Klauen gegen jede noch so kleine Änderung verteidigen würde, und andererseits nicht den konstanten Reizdarm des Netzes weiter befeuern.

     

    Lasst uns doch bitte das Netz benutzen, nicht es glorifizieren, nur um dann doch wieder alles genauso zu machen wie vorher - oder schlimmer: Das wäre die Aufgabe einer neuen Generation von Netznutzern: Verve und guten Stil nicht mit Hysterie und möglichst lautem Herumbrüllen zu verwechseln, Rechthaberei nicht mit Recht haben. Dann klappt auch das mit der gesunden Verdauung.

     

     

    Anmerkung der Redaktion:

    Dieser Beitrag erschien auch in der Printausgabe #2 von Echauffier mit dem Thema Gegen_öffentlichkeit.

     

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