Die Panik zu sterben. Die Panik, wenn die Stille groß wird oder ganz ganz klein. Die Panik viel zu viel zu sagen oder zu wenig oder das Falsche, die Panik in der Sprache. Die Panik im Puls und die Panik im Büro, wenn die Kollegen von ihren Krankheiten erzählen: Arthrose, Krebs, Herzinfarkt, oder von ihren Dingen, ihren Espressomaschinen und digitalen Wundern. Die Panik, dass bei den anderen immer alles schöner, besser und überhaupt mehr ist. Und deshalb und vor allem: Aus lauter Panik ALLEN ALLES erzählen.
Die nächsten Jahrzehnte werden die Jahrzehnte der PANIK. Die PANIK ist uns eingeschrieben, weil sie uns immer wieder neu erzählt wird von panischen Eltern, Lehrern und Politikern jeder Farbschattierung. Dem Aufbruch der Wende folgten die Abgesänge und Aufschwünge, sanfte Wellen, aber seit wir denken können, werden wir Humankapital genannt, müssen wir etwas leisten, den Konkurrenzdruck aushalten, skills erwerben, um gerüstet zu sein für den globalen Wettbewerb. Die gute alte Zeit wird immer schneller zu einer neuen Zeit und niemand hat mehr genug Zeit, um sie zu verschwenden. Die Gipfel werden flach geschliffen von KRISEN, die immer schneller niedergehen. In den flachen, aber weiten Tälern sammelt sich das schmutzige Schmelzwasser und fast lautlos verschwindet der Neoliberalismus aus den Rhetoriken, die Neue Mitte und new labour. Dieses Jahrzehnt beginnt mit KRISE, und die PANIK ist jetzt überall zuhause, sie globalisiert sich.
Kurt Cobain hat in den 90ern über seine Generation gesungen: Here we are now, entertain us, und so war es dann ja auch. Wir waren plötzlich ALLE da und wir sind es noch, wir wurden unterhalten und werden es immer noch, und zwar ultimativ: Die nächste Party kann definitiv die letzte sein: PANIK. »Die ultimative Hüttengaudi«, »Die ultimative Thekenschlampen-Party«, »Die Party-Apokalypse«, »cosmic explosion«. Die PANIK, die PARTY und die KRISE. Dabei haben diese Feiern dann meist weniger mit der Apokalypse oder mit sexuellen Überschreitungen zu tun, als mit von spezialisierten Partymachern bieder durchgestylten und bloß gespielten Selbstentfesselungen durch Alkohol- und Drogengenuss, die für einen Abend Unmögliches versprechen: den letzten großen Kampf, den letzten Ausbruch, die ultimative Ausschweifung als das Brechen der tagsüber geübten Selbstfesselungen, mit der wir uns selbst für das Normale und im staatspädagogischen Sinne Richtige konditionieren.
Wir leben im Symbolischen, in Ersatzhandlungen, um die KRISE selbst nicht ansehen zu müssen. Lieber gruseln wir uns ein wenig bei den Nachrichten und lassen uns von der PANIK durch die Arbeitstage tragen. Niemals stehen bleiben, immer weiter feiern. Wir sind zerrissene Zitate aus kulturellen Überlieferungen, Filmen und Songs, deshalb machen uns feste Plätze Angst, seien es Liebschaften oder Arbeitsplätze. Sobald wir uns irgendwo festschrauben, fürchten wir, dass es woanders schöner, besser, toller sein könnte und schrauben uns los und rennen, die Arme panisch in alle Richtungen tastend, von Frau zu Frau, von Ort zu Ort.
Die immense Auswahl an Hightech-Rucksäcken für jeden nur möglichen Einsatz ist nur ein Ausdruck dieses Gefühls: für unsere panische Art zu reisen. Wir reisen mit Sturm- oder Fluchtgepäck.
Also, die nächsten Jahrzehnte werden Jahrzehnte der PANIK.