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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 27. Mai 2017 | 19:24

     

    Verleihung des avj-Kinderbuchhandlungspreises, im Vordergrund: avj-Vorstandsvorsitzender Ulrich Störiko-Blume Verleihung des avj-Kinderbuchhandlungspreises, im Vordergrund: avj-Vorstandsvorsitzender Ulrich Störiko-Blume

    Von der Leipziger Buchmesse

    21.03.2011

    Tagebuch eines Preisverleihungstouristen

    In der Zeit hat Gerrit Bartels vor ein paar Tagen gemeint, dass beim wichtigen Preis der Leipziger Buchmesse der Lack ab sein könne, er seinen Einfluss und seinen Wert zu verlieren drohe, so denn die Jury unter der Leitung von Verena Auffermann nicht strategisch sinnvoll über die Preisträger entscheide. Das zeigt sich notwendigerweise erst im Nachhinein. Auf der Buchmesse selbst ist der Wert des Preises als offizielle Beglaubigung literarischer Qualität nebensächlich. Hier geht es um Ritus, Glamour, Sehen und Gesehen werden. Es ist ein wichtiges soziales Ereignis für manche aber nur ein Punkt im umfangreichen Programm von Messebesuchern, Presse, Catering und Bühnentechnik. In diesem Sinne ist der Preis der Leipziger Buchmesse nichts Besonderes. Oder doch? Die Frage sollte Grund genug sein, sich einen Tag lang auf der Buchmesse nur Preisverleihungen anzusehen. Von HEIKO ZIMMERMANN

     

    Leipziger Buchmesse, Donnerstag, 17. März 2011, 12.30 Uhr

    Das Programm von Leipziger Buchmesse bzw. Leipzig liest weist für heute sieben Preisverleihungen aus. Der Donnerstagvormittag ist eine vergleichsweise ruhige Zeit. Selbst Schulklassen marodieren nur vereinzelt durch die Hallen, weil die Lehrer lieber am Freitag den regulären Unterricht ausfallen lassen, um das Wochenende mit einem Messebesuch einzuläuten. Der erste Preis ist der Kinderbuchhandlungspreis der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen (avj). Hier sollen die kreativsten Kinder- und Jugendbuchhandlungen Deutschlands, der Schweiz und Österreichs ausgezeichnet werden. Zehn Minuten vor Beginn der Preisverleihung sind nur wenige Plätze im Fachforum besetzt. Nebenan am Stand einer Fachhochschule steppt ohne erkennbaren Grund der Bär. Leute über Leute. Im Fachforum treffen langsam mehr Menschen ein. »Och! Jetzt setzen wir uns erstmal hin! … Was ist denn hier jetzt?«

     

    Aber auch tatsächlich an der Sache Interessierte sitzen im Publikum, als der Vorstandsvorsitzende der avj, Ulrich Störiko-Blume, mit seiner Moderation beginnt. Die Verlage wollten mit diesem Preis den Buchhandlungen einmal etwas zurückgeben. Was man zurück gibt sind: Urkunden, je eine orange Rose und ein wetterfester, besonders wertvoller Schaufensteraufkleber, der den Buchhandlungskunden kinder- und jugendbuchmäßig Expertise der jeweiligen Einrichtung signalisieren soll. Die ersten drei bekommen auch wertvolle Grafiken eines Sponsors geschenkt. Leider gibt es keinen Sekt und keine Schnittchen für Lesetüte, Elternvorlesewettbewerb, Illustrationsbegegnungsveranstaltung, anschauliche Mittelaltervermittlung und Kinderschreibwettbewerb. Also auf zur nächsten Preisverleihung!

     

    Verleihung des Förderpreis Buchwissenschaft, vlnr: Siegfried Lokatis (Universität Leipzig), Carmen Laux, Klaus G. Saur, Stephan Seeger (Medienstiftung) Verleihung des Förderpreis Buchwissenschaft, vlnr: Siegfried Lokatis (Universität Leipzig), Carmen Laux, Klaus G. Saur, Stephan Seeger (Medienstiftung)

    13 Uhr

    Direkt nebenan soll die Medienstiftung der Sparkasse Leipzig in Gemeinschaft mit dem Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Uni Leipzig ihren Förderpreis Buchwissenschaft verleihen. Doch der Begin verzögert sich, weil der Laudator Prof. Dr. h. c. mult. Klaus G. Saur mit der Standbetreuung darüber diskutiert, ob man denn fünf Minuten überziehen dürfe. Man könne ihn doch wegen fünf Minuten nicht von der Bühne werfen. Doch die Vergabe des seit 2005 in Erinnerung an Prof. Dr. theol. Dr. phil. Dietrich Kerlen verliehenen Preises an Carmen Laux wird ein großer Erfolg. Natürlich gibt es einen Guttenberg-Verweis in der Laudatio und Lob en masse für die Abschlussarbeit der Studentin, die sich mit Philipp Reclam jun. und dem Leipziger Buchhandel in der Nachkriegszeit auseinander gesetzt hat. Krönender Abschluss ist Frau Laux’ Dankesrede: Sie danke ihren Eltern, dass sie ihr das Studium ermöglicht haben. Zwischen sichtlich gerührten Eltern in der zweiten Reihe und Tochter auf dem Podium ein herzzerreißend emotionaler und eigentlich privater Moment, Stolz und Freude. Anschließend gibt es tatsächlich trockenen Rotkäppchen-Sekt, A- und O-Saft und Schnittchen.

     

    Verleihung des Alfred-Kerr-Preises für Literaturkritik, Clemens Meyer Verleihung des Alfred-Kerr-Preises für Literaturkritik, Clemens Meyer

    14 Uhr

    Leider überlappen sich die Termine auf der Buchmesse. Es fehlt eine Preisverleihungstourismuskoordinierungsstelle. Leipziger Bücher-Rallye kollidiert zeitlich mit der Verleihung des Alfred-Kerr-Preises für Literaturkritik an Ina Hartwig. Sicher ist der bereits 1977 vom Börsenblatt gestiftete Preis eine für den Zuschauer angenehme Sache. Die Laudatio soll Clemens Meyer halten. Wie ungewöhnlich: Ein Schriftsteller bewertet eine Kritikerin! Zwölf Minuten vor Beginn der Veranstaltung sind noch zwei Drittel der Plätze im Berliner Zimmer frei - und das trotz des Publikumslieblings Meyer. Doch kurz vor Beginn der Zeremonie ist der Ort gefüllt. Nicht mit Lesepublikum sondern mit Verlegern, Kritikern und Autoren. Fast schon so etwas wie ein Alumni-Treffen ehemaliger Kerr-Preis-Träger. Der »äußerst begabte« Clemens Meyer steht weiter hinten und muss aufgefordert werden, nach vorn zu kommen, um in der ersten Reihe erst einmal eine Anzahl von Vorreden abzuwarten. Leipzig, so der Börsenblatt-Chefradakteur Torsten Casimir, sei die Messe der langen Grußformeln. Dann ist ja alles richtig. Doch irgendwann tritt der Laudator ans Pult. In einer Mappe der Uni Leipzig hat er sein Manuskript. Nachdem er eingestanden hat, wie nervös er sei, fängt er an zu lesen. Eine Meta-Laudatio darüber, wie man denn eine Laudatio über Ina Hartwig schreiben könne. Und dann ganz viel Ina Hartwig selbst, im Zitat von Meyer. Es ist eine beeindruckende Rede, in die man ganz versinken kann. Nach der Preisverleihung schämt sich der Preisverleihungstourist ein bisschen dafür, dass er für diesen Genuss auch noch Prosecco und eine große Auswahl Häppchen bekommen soll. Doch er muss weiter.

     

    Verleihung des Alfred-Kerr-Preises für Literaturkritik, Ina Hartwig und Torsten Casimir Verleihung des Alfred-Kerr-Preises für Literaturkritik, Ina Hartwig und Torsten Casimir

    15.15 Uhr

    Im Saal 3 des Congress Center Leipzig sitzen knapp 200 Leute. Eine Powerpoint-Folie hinter dem Podium verrät, dass die Empfänger der Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendien 2011 die gar nicht anwesende Schweizerin Petra Ivanov (Escape) und der Münchener Autor Stephan Knösel (Echte Cowboys) seien. Michael Schmitt (3sat, Kulturzeit) redet bereits. Es wird wahnsinnig viel und häufig geklatscht. Durch das Flatterecho im hohen Saal verschwimmen die Grenzen zwischen Applaus, Widerhall von Applaus und Echo vom Widerhall. Es entsteht ein Klatschbrei, ein summlochgleiches meditatives Tönen. Knösel meint nachher in fast schon Olaf-Scholz’scher Überschwänglichkeit, dass ihn die Rede von Schmitt sehr bewegt habe. Es wird Zeit, sich zur Magnolienallee zu begeben, wo die vielleicht höchste Preisverleihung des Tages ansteht.

     

    Vor der Verleihung des Preises der Buchmesse Leipzig Vor der Verleihung des Preises der Buchmesse Leipzig

    15.50 Uhr

    Es scheint eine Vier-Klassen-Gesellschaft vorzuherrschen. Im ersten Sitzblock vor der Bühne liegen Reservierungszettelchen für geladene Gäste und Nominierte auf den Stühlen. Im zweiten Block, die Presse. Der ganze Bereich ist abgesperrt, mit Presseausweis aber betretbar. Direkt hinter der Absperrung, wenige weitere Sitzreihen: die dritte Klasse. Der Rest muss wohl stehen. Irgendwo. Auf der Empore über der Bühnenleinwand allerdings nicht. Da wurden zum Sichtschutz ein paar hohe Grünpflanzen aufgestellt. Sicherheitsleute bewachen sie. Auf der Leinwand läuft ein Countdown. Man wird aufgefordert, die Plätze einzunehmen. Dann ist es so weit, die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse 2011 beginnt. Aber darüber wurde schon viel geschrieben. Natürlich schaut sich der Preisverleihungstourist die Show an—ohne Aussicht auf Sekt und Schnittchen—, erträgt die brüllenden Lautsprecher, eine eigenartige Rede der Jury-Präsidentin, die alle Entwicklungen um neue Formen der Literatur verschlafen zu haben scheint, und verpasst die Chance zu überprüfen, ob es sich bei der auf der fast zeitgleich angesetzten Verleihung des Goldenen Picks im Literaturcafé angekündigten Felicitas von Zovenberg (sic!) sozusagen um einen Tippfehler oder gar um die Hana Jensel der Literaturkritik handelt.

     

    Nach der Verleihung des Preises der Buchmesse Leipzig Nach der Verleihung des Preises der Buchmesse Leipzig

    Epilog

    Als direktes erlebbares, soziales Event schneidet die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse an diesem Tag nicht gut ab. Ob seine Auswahl richtungweisend ist, ein Leuchtturm im Meer der Publikationen des Frühjahrs, wird sich erst noch zeigen müssen. Für Preisverleihungstouristen aber kann es wohl nicht genug solche Veranstaltungen geben - mit oder ohne großes Renommee.

     

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