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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 23. Juni 2017 | 22:31

     

    750 Jahre Kathedrale Notre-Dame-de-Chartres

    24.10.2010

    Bemerkung zur mittelalterlichen Ruhestörung

    Vor auf den Tag genau 750 Jahren, am 24. Oktober 1260, fand die offizielle Weihe der Kathedrale Notre-Dame-de-Chartres statt. Mit diesem Alter ist die Kathedrale ein überaus ehrwürdiges Gebilde, an Alter und Würde, an Unversehrtheit und cum grano salis nur von herrschaftlichen italienischen Familien und wunderbaren bayrischen Bieren übertroffen – und anderen Kirchen, selbstredend. Von TOBIAS ROTH

     

    Dass sie nicht in der großen Revolution zum Steinbruch wurde wie die Abtei von Cluny ist ein Glückfall. Noch heute überfordert das herrlich riesige Gebäude den kleinen Ortskern und nimmt wie eine Glucke weite Strecken des Umlands architektonisch unter seine Fittiche. Notre-Dame-de-Chartres ist ein Höhepunkt der noch strengen und klaren Früh- und Hochgotik und in seiner imposanten Gestaltung vom Großen bis ins Detail auch dem feierlustigsten Vokabular und jeder stilistischen Festbeleuchtung immer weit voraus, entzogen, mit hoher Stirn.

     

    Der Bau muss in einem rasenden Tempo aus dem Boden geschossen sein: Begonnen 1194 war er bereits 1260 in der Hauptsache abgeschlossen. Gewiss gab es auch hier ganze Generationen von Steinmetzen, die weder Grundsteinlegung noch Abschluss ihrer eigenen Arbeit erlebten, aber vergleicht man es mit den gotischen Großanlagen etwa von Köln oder Freiburg scheint das Monstrum vom Himmel gefallen. Über 130 Meter ist es lang, über 64 breit, und die Dienste des Langhauses schneiden sich in schwindelerregenden 37 Metern Höhe.

     

    Aber wessen Schwindel wurde da zuerst erregt? In welcher Umgebung entfaltete sich zuerst der Rausch dieses Gebäudes? Mit Sicherheit hielt der Neubau seine Betrachter nicht auf jener kühlen, eben „altehrwüdigen“ Distanz, auf die uns Heutige das Baudenkmal hält: aber wie sehr oder wie wenig? Dunkel, radikalvergeistigt, lammfromm bis zum sterilen Nonsens kann das Mittelalter nicht gewesen sein: um das zu erkennen muss man nicht erst Blumenbergs Legitimität der Neuzeit lesen (auch wenn es nie schadet). Es genügt vielleicht ein Blick auf dieses Haus und eine amüsante Anekdote, die mit ihm in enger, man möchte sagen: intimer Verbindung steht.

     

    Wie in einem Wald

    Es sei vorausgeschickt, dass ich die Kathedrale während eines relativ tristen Vierteljahres, das ich in Chartres verbrachte, kennenlernte. Sie diente mir als ganz säkularer Schutzraum gegen die terroristische Organisation französischer Internate. Nicht zuletzt weil ich leider zu diesem frühen Zeitpunkt, im Frühling 2003, noch keinen Schimmer von Kunst- und Architekturgeschichte hatte und also nicht wusste, wie all die Bauteile, wie all die Ele- und Ornamente hießen, ist meine Erinnerung im Detail denkbar diffus.

     

    Schon damals aber erschien mir der Bauch dieses Hauses als ein überaus liebenswürdiger Ort. Der Gedanke, dass die gotischen Kathedralen in der Zeit, als sie Neubau waren, heftig bunt freskiert waren (das lässt sich heute noch in Assisi studieren), dass sie voller Menschen, voller Musik, voller Gespräch waren, bestärkte diesen Eindruck. Es muss ein klar organisierter und zugleich verschwenderisch psychoaktiver Farb- und Menschentopf gewesen sein, groß genug, um wie in einem Wald darin spazieren zu gehen.

     

    Anekdoten mit Tragweite

    Als ich dann schließlich studierte, kam mir besagte Anekdote zu Ohren, die der breiten Mitteilung wert ist. Sie klingt grotesk, aber ich glaube, jenem glaubwürdigen Professor Glauben schenken zu dürfen. Im hohen Mittelalter zogen menschenreiche Pilgerströme durch ganz Europa, im Zeichen der Muschel des Heiligen Jakobus, in Richtung Santiago de Compostela. Diese Pilgerströme wurden in den großen Kathedralen untergebracht; daher die häufigen und heute funktionslosen Emporen über den Seitenschiffen mancher Kirche. Einmal untergebracht mussten die Pilger natürlich mit dem Nötigsten und auch ein wenig Angenehmem versorgt werden: Man denke sich den Trubel, denke sich dieses Dorf im Dorf, denke sich den Lärmpegel in jenem Gewölbe, das nicht zuletzt aus musikalisch-akustischen Überlegungen die Form erhalten hat, die man seit jenem internationalen Stil überall in Europa finden kann. Urkundlich bezeugt ist nun der Vorfall, dass sich in der Kathedrale zwei Prostituierte um den besten Platz am südlichen Vierungspfeiler stritten, den Platz, wo die meisten Pilger regelmäßig vorbeikamen. Es wurde Beschwerde geführt – wegen Lärmbelästigung. Nichts sonst.

     

    Dazu muss man nichts mehr sagen. Dem hinzuzufügen ist wohl nur noch eine andere Anekdote, die ich ebenso in einem Hörsaal gehört habe und die ebenso ein nicht geringes, grell aufschlussreiches Licht darauf wirft, wie sehr sich die großen Kathedralen im Laufe der Jahrhunderte entleert, verdüstert, entmenschlicht und entsinnlicht haben. Es ist ein Schreiben des Straßburger Domkapitels überliefert, das sich an die Gilde der Rinderzüchter richtet. Man sehe ja ein, heißt es da, dass die Rinder nicht den Umweg um das Gotteshaus nehmen könnten, wenn sie von den Weiden hinein auf den Markt getrieben werden. Der Münster sei einfach zu groß, das verstehe man recht gut. (Die Westfront samt Turm, deren Grundstein 1277 gelegt wurde, war immerhin über 230 Jahre hinweg das Höchste, was Menschen je gebaut hatten.) Das Domkapitel gestehe der Gilde also nach wie vor zu, dass es die Rinderherden durch die Kathedrale hindurch treibe: aber ob man es nicht wenigstens während der Messe unterlassen könnte? Auch das überlasse ich unkommentiert den Zungen, auf dass es auf ihnen zergehe.

     

    Es zählt zu den größten Kümmernissen meines Studiums, es bedeutet zugleich den Defekt und den Erfolg meiner wissenschaftlichen Ausbildung oder Dressur, wie man es nimmt, dass ich diese beiden Anekdoten nicht sachgerecht zitieren kann und mich ärgere. Ihre Tragweite ging mir erst auf, als die Professoren den Hörsaal schon lange verlassen hatten. Sollte sich ein Leser finden, der die entsprechenden Urkunden oder antiquarischen Aufsätze kennt, bitte ich per gentilezza um einen sachdienlichen Hinweis. Sollte man mir aber nachweisen können, dass diese Anekdoten Unfug sind, belasse man mir den Irrtum unangetastet und erspare mir die Ent-täuschung; wie es in einer der schönsten Arien Boccherinis über Verse Metastasios heißt: lasciami nell’inganno.


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