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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 24. Mai 2017 | 15:35

     

    Kommentar: Ein bemerkenswerter Wandel

    12.01.2009

    Selbstherrliche Unbeirrbarkeit

    Dieser Tage hat Ulrike Ackermann ein Buch über den Eros der Freiheit veröffentlicht (siehe die Besprechung in TITEL vom 13.11.08). Dahinter verbirgt sich eine Apologie des Neoliberalismus von großer Schlichtheit und gedanklicher Armut. Ein Kommentar von THOMAS ROTSCHILD

     

    Dass Teile der Linken – keineswegs alle, wie etwa eine genaue Analyse der 68er-Bewegung bewiese – die im Namen der Kommunismus verübten Verbrechen ignoriert, bagatellisiert oder gar beschönigt haben, ist zweifellos richtig. Mag man für die Zeit vor 1945 die Polarisierung im Kampf gegen Faschismus und Nationalsozialismus ins Treffen führen und auch für einige Jahre danach den Mangel an zuverlässigen Informationen, so gilt diese „Entschuldigung“ nicht für die Zeit, da man es – spätestens nach der militärischen Zerschlagung des „Prager Frühlings“ – besser wissen konnte.

    Wenn also eine Reihe von Publizisten darauf besteht, dass die Geschichtsschreibung auch jene Ereignisse und Zustände ins Visier nimmt, deren Thematisierung lange der Kalten-Kriegs-Propaganda der Rechten überlassen blieb, kann man das nur begrüßen. Verblüffend ist allerdings, wie gerade ehemalige Linke, vorwiegend aus dem Milieu der K-Gruppen der siebziger Jahre, zusammen mit ihrer Entrüstung über die Verbrechen der Sowjetunion und ihrer Komplizen ihre Liebe für den Kapitalismus in seiner rüdesten und unsozialsten Spielart entdecken. Was sie einst an ihm auszusetzen hatten, wenn sie tatsächlich Linke waren und nicht nur unartige Kinder, die ihre Nazi-Eltern ärgern wollten, ist ja nicht weniger kritikwürdig geworden, weil das sowjetische Modell sich als nicht nur untauglich, sondern als menschenfeindlich erwiesen hat. Es ist kennzeichnend für ihre Argumentation, dass sie stereotyp Planwirtschaft und Diktatur in einen notwendigen Zusammenhang bringen, sich aber über die Tatsache, dass die kapitalistische Wirtschaftsordnung mit Hitler ebenso vereinbar war wie mit Franco oder Pinochet, einfach hinwegschwindeln. Bemerkenswert ist auch, wie hurtig diese Geläuterten die Linke für Stalin und Pol Pot verantwortlich machen und den Sozialismus deretwegen für alle Zeiten als indiskutabel deklarieren, der Kirche aber den faschistischen Priester und Staatspräsidenten Jozef Tiso, der die slowakischen Juden auf dem Gewissen hat, ebenso verzeihen wie die Ustascha-Geistlichen, die in Jasenovac und anderen kroatischen KZs an Massenmorden beteiligt waren und nach dem Krieg mit Hilfe des Vatikans nach Lateinamerika geschleust und sogar selig gesprochen wurden. Mit dem Katholizismus bringen die Wendehälse diese Schwerverbrecher taktvoll in keinen Zusammenhang.

    Die Protagonisten mit der K-Gruppen-Biographie, die sich auf erstaunliche Weise ähneln, haben sich damals, als sie sich Kommunisten nannten, durch besonderen Dogmatismus und auffallende Humorlosigkeit ausgezeichnet, und darin sind sie sich als Bekämpfer ihrer einstigen Überzeugungen gleich geblieben. Sie wollen ihre Vergangenheit durch besonderen Eifer vergessen machen, aber ihr Charakter hat sich nicht geändert. Er ist konservativer als die Ansichten, die man äußert und manchmal sogar hat. Egal ob tatsächliche Wandlung oder Camouflage: es lohnt sich auf jeden Fall. Fast alle, die zu Kreuz gekrochen sind, wurden mit Karrieren belohnt, zum guten Teil als Hochschullehrer. Sie sind nicht unbedingt nützliche Idioten, aber nützlich sind sie schon, und sie werden es umso mehr, je offensichtlicher die Defizite des Kapitalismus sind, als dessen Kronzeugen sie sich anbieten.

    Dieser Tage hat Ulrike Ackermann ein Buch über den Eros der Freiheit veröffentlicht (siehe die Besprechung in TITEL vom 13.11.08). Dahinter verbirgt sich eine Apologie des Neoliberalismus von großer Schlichtheit und gedanklicher Armut. Es ist ein unverblümtes Plädoyer für Rücksichtslosigkeit und soziale Kälte. Eine privilegierte höhere Tochter mokiert sich über die Verlierer der von ihr verherrlichten Wirtschaftsordnung, die dem Bedürfnis nach Sicherheit die Freiheit, wie sie sie versteht, opfern. Verglichen damit war der CDU-Slogan „Freiheit statt Sozialismus“ eine intellektuelle Höchstleistung. In einer K-Gruppe war Ulrike Ackermann nicht. Aber sie war fünf Jahre lang verantwortliche Redakteurin der „Neuen Gesellschaft/Frankfurter Hefte“, die sich damals noch als theoretisches Organ der SPD verstanden. Es sagt etwas aus über die deutsche Sozialdemokratie, dass eine militante Verfechterin eines Kapitalismus, den die CDU des Ahlener Programm abgelehnt hätte, ein halbes Jahrzehnt lang die Linie der Debatten bestimmen durfte. In seinen Erinnerungen, die jeder lesen sollte, der sich über die Anbiederung der Sozialdemokratie an die ehemaligen Nationalsozialisten, in Österreich eifriger als in Deutschland, informieren will, definiert der österreichische Linkssozialist Josef Hindels, der 1946 sehr zu Leidwesen der Parteiführung aus dem Exil heimgekehrt war, was die Partei für ihn bedeutet. Nach mehreren positiven Bestimmungen schreibt er: „Die Partei – das sind allerdings auch die Karrieristen und Opportunisten, denen es nur um den persönlichen Vorteil geht. Und dazu gehören auch die Entideologisierten, die wie Papageien jeden konservativen Unsinn nachplappern und sich dabei ‚modern’ und ‚undogmatisch’ vorkommen.“ Das gilt nach wie vor, mit der einzigen Einschränkung, dass diese Nachplapperer nichts weniger sind als unideologisch.

    Unverblümte Huldigung der USA und des CIA

    Zu Ackermanns Glaubenssätzen gehört, passend zum Antikommunismus und einer Totalitarismuskritik obsoleten Zuschnitts, die aggressive Ächtung jeglichen Einspruchs gegen die Politik der USA. Unverblümt huldigt sie dem CIA und seiner Politik in den Jahren des Kalten Krieges. Das verbindet sie auch heute mit den K-Gruppen-Renegaten: der Hass gegen die Linke lässt sie bei der Wahl ihrer Freunde und Verbündeten nicht wählerisch sein. Und so gibt es neuerdings kuriose Bündnisse. Obskure Advokaten von Unrecht und Verbrechen, die von antikommunistischen Bewegungen und Organisationen begangen wurden, legitimieren sich mit der Ehrenerklärung von Unterstützern, die man immer noch der Linken zuzählt. Zu Unrecht. Man sollte überprüfen, wem man Kredit gewährt. Wenigstes das kann man aus den Versäumnissen der Banken lernen.

    Zu den auffälligen Eigenschaften der neuen Apologeten des Kapitals gehört die selbstherrliche Unbeirrbarkeit, mit der sie ihre Diagnosen und Therapien verkünden. Mögen sie in der Vergangenheit auch folgenschwer geirrt haben – dass sie sich heute irren könnten, kommt ihnen gar nicht in den Sinn. Damit treffen sie auf eine aktuelle Tendenz, die diese Unbelehrbarkeit zur Tugend macht.

    Zeitungen und Zeitschriften müssen gefüllt werden. Deshalb geben sie ständig Antworten auf Fragen, die sie sich selbst stellen. Aber die Antworten gehen über das Niveau der Kaffeesatzdeutung nicht hinaus. Tag für Tag wird als Gewissheit ausgegeben, was lediglich Vermutung, Behauptung ist. Mit Wissenschaft hat das so viel zu tun wie das Bremsgeräusch eines LKW mit Musik.

    Pseudowissenschaftliche Erklärung

    Da wird beispielsweise die Münchner Rechtsanwältin und Psychologin Annegret Wiese, die ein Buch über "Mütter, die töten" geschrieben hat, gefragt, ob es sein könne, dass Außenstehende nichts von Mord- und Suizidgedanken mitbekommen. Darauf antwortet sie: „Das kommt häufig vor, wenn Überforderung dahinter steckt – und das ist ein gängiges Motiv, es muss nicht zwingend eine psychische Erkrankung vorliegen. Dabei hängt die Überforderung in erster Linie von der eigenen Erwartungshaltung ab, gar nicht primär von den objektiven Leistungen, die eine Mutter erbringen muss.“

    Welche Aussagekraft hat diese pseudowissenschaftliche Erklärung? Existieren verlässliche Angaben über die Zahl, den Prozentsatz der Menschen, insbesondere der Mütter, die sich überfordert fühlen? Wieviele davon töten ihre Kinder oder sich selbst? Wenn nämlich das Gefühl der Überforderung der Normalfall ist, dann liefert es keine Erklärung für den Sonderfall von Mörderinnen und Mördern, von Selbstmörderinnen und Selbstmördern. Die Behauptung, Überforderung sei ein gängiges Motiv für Mord und Selbstmord, ist ungefähr so erklärungsstark und sinnvoll wie der Satz: Häufig ist körperlicher Schmerz ein Motiv für Tränen. Bekanntlich weint nicht jeder, der Schmerz empfindet, und nicht jeder, der weint, spürt körperlichen Schmerz. Es gibt wohl einen Zusammenhang zwischen Überforderung und (Selbst-)Tötung, wie es einen Zusammenhang zwischen Schmerz und Tränen, wie es einen Zusammenhang zwischen ökonomischen Bedingungen und Demokratie gibt, aber zur Bestimmung einer ursächlichen Beziehung reicht der nicht aus. Er ist statistisch irrelevant.

    Doch die Leserinnen wollen wissen, warum eine Mutter ihr Kind tötet. Eine Münchner Rechtsanwältin und Psychologin liefert die apodiktische Erklärung, eine Journalistin glaubt ihr, die Zeitung druckt die Antwort ab. Die Welt ist wieder in Ordnung. Wissenschaftlich erklärt. Ulrike Ackermann und die Renegaten aus dem K-Sekten-Milieu predigen den Segen des Marktes und den Fluch des Staats. Die Freiheit ist gerettet. Ach was. Alles Quatsch.

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