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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 23. Juni 2017 | 22:30

     

    Würth, Teil 2

    14.07.2008

    Fragwürdige Kulturförderung

    Vieles spricht dafür, dass man als Künstler und Schriftsteller Geld nehmen soll, wo man es bekommt. Schamlos und wenn es geht, ohne Dank. Als etwas, worauf man Anspruch hat, nicht als Gnadenerweis. Kein Gesetz zwingt einen Preisträger, gegen seine ansonsten geäußerten Überzeugungen eine Hand zu küssen, die ihn füttert, und somit seine Glaubwürdigkeit zu gefährden. THOMAS ROTHSCHILD über die Blindheit von Kunst und Politik gegenüber oft genug dubiosen Mäzenen.

     

    Das Oberhaupt des befreundeten Nachbarstaats mischt sich in deutsche Angelegenheiten. Im Katalog zur Ausstellung von Alfred Hrdlicka, die zurzeit in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall zu sehen ist, steht ein Grußwort von Heinz Fischer. Darin heißt es:

    „Als österreichischer Bundespräsident ist es mir auch ein Anliegen, all jenen zu danken, die sich um die Ermöglichung einer so großartigen Ausstellung bemühen wie die deutschen Steuerzahler, die für den Schaden aufkommen müssen, den Steuerhinterzieher verursachen. Ganz besonders möchte ich dem außerordentlichen Sammler Reinhold Würth meine Missbilligung von kriminellen Handlungen bekunden, für deren konsequente Bestrafung ich mich in meiner Heimat jederzeit einsetze. Es gibt in aller Welt eine Anzahl von Personen, die den künstlerischen Werdegang Alfred Hrdlickas verfolgt und von ihm geschaffene Werke erworben haben. Aber nur wenige haben so konsequent und mit Kenntnis gesammelt wie Reinhold Würth. Ich wünsche mir von allen Hartz IV-Empfängern, von allen Arbeitslosen und vom Absteig ins Prekariat Bedrohten, insbesondere aber von den Arbeitern in der Künzelsauer Schraubenfabrik, dass sie sich an Reinhold Würths Konsequenz und Kenntnis, vor allem aber an seiner Spendierfreudigkeit ein Beispiel nehmen.“

    Das hat der österreichische Bundespräsident gesagt? Natürlich nicht. Das hätte er aber sagen sollen. Als Staatsmann, als Sozialdemokrat, wenn er auch seine Parteimitgliedschaft gerade „ruhen“ lässt, und nicht zuletzt als der Moralist, als den er sich gerne darstellt.

    In einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung vom 5.7.2008 antwortet der Exchef des Richterbunds Helmut Borth auf den Hinweis, „dass wir nicht wissen, wie und wie viel Steuermillionen Würth hinterzogen hat und welche Strafe er genau bezahlen muss“: „Für die Demokratie sind solche Deals gefährlich, weil der Eindruck entsteht, dass Profitmaximierung vor rechtlichen Standards steht. Das erschüttert mich. Sie führen zur Entsolidarisierung in unserer Gesellschaft. Die Menschen fragen sich, wo die Gerechtigkeit bleibt, wenn sich die Zumwinkels bedienen können, ohne dass sie davon überzeugt sind, dass Prominente wie jeder andere Bürger bestraft werden.“ Und er ergänzt: „Es kann nicht sein, dass Wirtschaftskriminelle besser wegkommen als Ladendiebe.“ Sieht das der österreichische Bundespräsident anders? Und wenn nicht: warum distanziert sich der Jurist und habilitierte Politikwissenschaftler nicht öffentlich von einem „Mäzen“, der nun vorbestraft ist und für den, nach den Worten Borths, gilt: „Es wäre besser gewesen, er hätte geschwiegen, anstatt den entrüsteten Ehrenmann zu spielen. Wenn jemand damit droht, Deutschland zu verlassen – sollte er mit einem Steuerstrafverfahren überzogen werden –, dann beansprucht er Sonderrechte.“ Warum bleibt er genauso stumm wie Gérard Mortier in Bezug auf den Kriminellen Alberto Vilar, den er einst in den Himmel lobte und dem nun möglicherweise zehn Jahre Gefängnis bevorstehen?

    In der Stuttgarter Zeitung vom 11.2.2008 berichtete Roland Müller anlässlich der Verleihung des Würth-Preises für europäische Literatur an Peter Turrini: „Frau Würth, das verriet Herr Würth in seiner Ansprache, sei verstimmt gewesen, nachdem sie mit Turrinis Werk eine (wohl eher) flüchtige Bekanntschaft gemacht hatte. Dass der Mensch darin als Abschaum vorkomme, habe ihr missfallen, sagte der Schraubenkönig aus Künzelsau, weshalb sie ihm noch am Tag zuvor den in eine Frage gekleideten Vorwurf gemacht habe: ‚Und so einem willst du deinen Preis geben?’“

    Vieles spricht dafür, dass man als Künstler und Schriftsteller Geld nehmen soll, wo man es bekommt. Schamlos und wenn es geht, ohne Dank. Als etwas, worauf man Anspruch hat, nicht als Gnadenerweis. Kein Gesetz zwingt einen Preisträger, gegen seine ansonsten geäußerten Überzeugungen eine Hand zu küssen, die ihn füttert, und somit seine Glaubwürdigkeit zu gefährden.

    Die Frage ist nur, ob es interesselose Kunst- und Literaturförderung seitens privater Sponsoren und Mäzene gibt, oder ob man sich als Empfänger nicht stets instrumentalisieren lässt für Zwecke, die den eigenen Grundsätzen widersprechen. Das Geld, das Einzelnen – in den seltensten Fällen durch Arbeit – zufällt, sollte auch in die Kunst zurückfließen. Dafür wurde einst das Steuersystem erfunden. Aber müssen die Reichen deshalb bestimmen, wer das Geld erhalten soll? Ist das Urteil eines Schraubenfabrikanten – unterstützt oder unabhängig vom Geschmack seiner Frau – für die Kunstförderung verbindlicher als die Entscheidung demokratisch gewählter Politiker, und seien sie noch so borniert und ungebildet? Sie sind, anders als der Unternehmer, abwählbar. Es sei "absurd", sagt Würth, jemandem bewusste Steuerhinterziehung zu unterstellen, der etliche Millionen für öffentliche Belange gespendet habe. Diese Äußerung offenbart die völlige Missachtung demokratischer Spielregeln und das totale Unverständnis für unternehmerische Verantwortung. Es geht eben nicht an, dass ein Milliardär selbstherrlich bestimmt, was mit seinen Steuern geschehen soll, und wäre das noch so vernünftig, wo der „einfache“ Steuerzahler noch nicht einmal deponieren kann, dass er die Verwendung seiner Abgaben für den Ausbau von Schulen anstelle des Kaufs von Abfangjägern wünscht. Wer im Übrigen noch an die Legende von der Nichteinmischung der Sponsoren glaubt, sei an das Beispiel der Metropolitan Opera erinnert, welche die Erbengemeinschaft von Sybil Harrington nach einer Inszenierung Dieter Dorns von Wagners Tristan und Isolde auf die Rückzahlung von fünf Millionen Dollar geklagt hat, weil sich das Haus nicht an die Vorgabe gehalten hatte, Opern nur werktreu aufzuführen.

    Man kann es drehen und wenden wie man will: so lange die Meinung der Frau Würth über die Preiswürdigkeit eines Kandidaten schwerer wiegt, so lange sie eher eine Meldung wert ist als die Meinung von Frau Meier und von Frau Müller, bleibt die „Kulturförderung“ durch Industrielle fragwürdig. (Siehe dazu Titel-Magazin vom 13.2.2006)

    Man kann ja verstehen, dass Alfred Hrdlicka, von dem Heinz Fischer schreibt, er sei dafür bekannt, „dass er seine Auffassungen in aller Direktheit vertritt“, einem seiner treuesten Sammler und finanzstärksten Käufer gewogen ist, selbst wenn der befürchtet, wir befänden uns „auf einem geradlinigen Weg in eine DDR-ähnliche Zeit, in eine Edel-DDR“. Man kann es verstehen, dass Peter Turrini dem „Schraubenkönig“ Reinhold Würth, der „das ganze Folterwerkzeug wieder heraus“ kommen sieht, wenn es in der Bundesrepublik Deutschland die von ihm prognostizierte rot-rot-grüne Koalition gibt, ein gutes Zeugnis ausstellt und ihm hoch anrechnet, dass er ihm gegen den Rat seiner Frau 25000 Euro schenkt, statt Gewerkschafter in Bordelle zu schicken, obwohl 25000 Euro, gemessen an den 3,5 Millionen Strafe, die Würth ohne erkennbare Entsagungen zu zahlen in der Lage ist, ein fast beleidigendes Trinkgeld bedeuten. Auch Hrdlicka und Turrini sind nur Menschen, die gern im Wohlstand angenehm leben. Wir aber, die wir keine Rücksichten nehmen müssen, weil wir keine Kunstwerke zu verkaufen und keine Preise entgegenzunehmen haben, dürfen die Augen vor den wahren Verhältnissen nicht verschließen. Und ein Bundespräsident dürfte es eigentlich auch nicht. Jedenfalls nicht ein Bundespräsident, der sich mit dem Wahlspruch „Politik braucht ein Gewissen“ um Stimmen bewarb. Man weiß, dass er mit Turrini und Hrdlicka befreundet ist. Schließt das eine Huldigung an einen Steuerhinterzieher ein? Nun ja – dann dürfte es in Zukunft schlecht bestellt sein um die Achtung vor dem hohen Amt. Jedenfalls bei jenen, die brav und pünktlich ihre Steuern zahlen und denen danach nicht genug Geld übrig bleibt für den Erwerb eines echten Hrdlicka.

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