• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 23. August 2017 | 00:34

     

    Die Einflüsterer

    10.03.2008

    Die Einflüsterer

    Man möchte ins Theater gehen, in ein Konzert, sich einen Film ansehen. Man kennt jemanden, der das Stück, den Pianisten, den Film schon gesehen oder gehört hat. Man fragt ihn, ob er den Besuch empfehlen würde. Ehe man freilich einschätzen kann, wie man die Antwort bewerten soll, muss man wissen, wen man gefragt hat. Denn da gibt es sehr unterschiedliche Typen, wie THOMAS ROTHSCHILD festgestellt hat:

     

    1. Der Begeisterte

    Er findet alles toll und großartig. Das jeweils jüngste Erlebnis war stets das größte. Er möchte sein Glück mit allen Menschen teilen, deshalb dringt er darauf, dass man unbedingt kennenlernen müsse, was er gerade entdeckt hat. Seine Euphorie wirkt ansteckend. Mit der Zeit freilich wird man skeptisch, weil man die Erfahrung machen musste, dass einen der gut meinende Ratgeber in Vorstellungen schickt, die absolut mittelmäßig waren, dass er sie mit dem gleichen Elan anpries wie durchaus sehenswerte Alternativen. Man beneidet den Menschen um seine anhaltende Begeisterungsfähigkeit und rügt sich insgeheim selbst, weil man nicht immer in das Lob einstimmen kann.

    2. Der Miesmacher

    Er ist der genaue Gegentyp zum Begeisterten. Er findet alles schlecht, veraltet, unprofessionell – die negativen Attribute gehen ihm nicht aus. Mit seiner Ablehnung beweist er seine Kennerschaft. Was ihm auch vorgeführt wird: er hat es schon besser, schöner, origineller gesehen. Indem er alles verkleinert, macht er sich selbst groß. Wer sich diesem Ratgeber anvertraut, wird sich kaum noch Provokationen aussetzen. Er wird daheim bleiben, wie bei der Prognose eines heftigen Dauerregens. Er hat sich mit der üblen Laune des Miesmachers angesteckt und spart sich manche Enttäuschung. Er kommt freilich auch um viele Glücksmomente.

    3. Der Zwar-Aber-Mensch

    Er wirkt nachdenklich, wägt ab, wo andere nur begeistert zustimmen oder miesepetrisch ablehnen. Für jedes Zwar hat er ein Aber. Damit scheint er den realen Verhältnissen sehr nahe zu kommen, die in der Regel nicht eindeutig sind. Aber ist sein Ratschlag hilfreich? Woran soll man sich halten? An das Zwar, das einen Besuch des Theaters, des Konzerts, des Films nahe legt, oder an das Aber, das eher entmutigt? Man ist zurückgeworfen auf sein eigenes Urteil, muss sich wohl doch zu einem Besuch aufraffen, um danach vielleicht zum Schluss zu kommen, dass das Aber überwogen hat. Der Begeisterte und der Miesmacher hätten einem die Entscheidung leichter gemacht.

    4. Der Besserwisser

    Von ihm erfahren wir nicht, was er gesehen und gehört hat, sondern was er stattdessen gemacht hätte. Er hätte die Hauptrolle nicht mit diesem, sondern mit jenem Schauspieler besetzt, das Stück um eine halbe Stunde gekürzt, das Orchester verkleinert, die Tempi viel langsamer genommen, den Film in Schwarz-Weiß statt in Farbe gedreht. Meist spricht er gar nicht von dem Theaterstück, dem Konzert, dem Film, die er besucht hat, sondern von einem anderen Stück, einem anderen Künstler, einem anderen Film, die allesamt viel besser seien als eben das Gesehene und Gehörte, über das wir gerne Auskunft hätten. Er inszeniert sein eigenes Theater, spielt sein eigenes Konzert, dreht seinen eigenen Film – im Kopf, da außer ihm niemand von seinen Talenten überzeugt ist.

    5. Die Feministin

    Ihr ist aufgefallen, dass es sich wieder um das Werk eines Mannes gehandelt hat, dass es in dem Stück keine attraktiven Rollen für Frauen gab, dass im Orchester nur etwa ein knappes Drittel der Ausführenden Frauen waren, dass in dem Film ein malaysischer Einsiedler einen unmissverständlich frauenfeindlichen Ausspruch machte. Ob das Stück, die Musik, der Film nun sehenswert war oder nicht, worum es darin ging, ob es sich um eine Kunstanstrengung handelte oder eher um triviale Routine, das werden wir nie von ihr erfahren. Sie kennt nur einen Gesichtspunkt – darin gleicht sie anderen ideologisch fixierten Kunstkonsumenten, den Nationalisten und den religiösen Fanatikern, den Tierschützern und den Gegnern der Abtreibung – und dieser Gesichtspunkt ist, in ihrem Fall, geschlechtsabhängig.

    Auf wen also soll man sich verlassen? Ich kenn da einen, der ist klug, erfahren und geschmackssicher, der ist einfach prima, dem kann man blind vertrauen, ein toller Typ! Eigentlich sind ja alle Menschen beschränkt und unzuverlässig, schwätzen daher, haben keine Ahnung, aber zu allem eine Meinung: man sollte gar nicht erst nach einem Ratschlag fragen. Das ist zwar richtig, aber andererseits geht es halt auch nicht ganz ohne Empfehlungen. Und eigentlich ist es ohnedies sinnvoller, Berge zu besteigen als ins Theater zu gehen. Vorausgesetzt freilich, der Bergführer ist eine Bergführerin.

    P.S.: Eine Möglichkeit gibt es noch: Niemanden fragen, sich selbst ein Urteil bilden. Das ist zeitaufwendig, gelegentlich verursacht es Ärger – aber es vermittelt das Gefühl von Freiheit. Kein Typ der einem etwas einflüstert: herrlich!

    Petraeus und sein Stab

    Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

    Gesetzesverrat

    Wenn man, mit stetig wachsendem Staunen, Kopfschütteln & Empörung verfolgt hat, was nach der Selbstanzeige der rechtsradikalen Mördergruppe (NSU) an Versäumnissen, ...

    Die böse Schlange
    und das weiße Kaninchen

    In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

    Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

    Angst und Begehren

    Joyces Dublin stinkt, aber Ulrich Lampen hält sich die Nase zu

     

    „Nichts anderes hätte ich erwartet“, würde James Joyce wohl die ...

    Die Geschichte geht weiter

    Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Gefangene des Himmels. Von PETER MOHR

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    Angst und Begehren

    Joyces Dublin stinkt, aber Ulrich Lampen hält sich die Nase zu

     

    „Nichts anderes hätte ich erwartet“, würde James Joyce wohl die ...

    Tage, Tage, Jahre

    Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    Gerd Sonntag und ein Hühnerglucksen zum Abschluss

    Giovanni Santi malt eine Fliege – Lyrik von Ger Sonntag.

    Von STEFAN HEUER

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter