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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 23. August 2017 | 00:35

     

    Vorurteile

    11.11.2007

    Leeres Geschwätz

    Wie aber kommt es, dass wir im Alltag und in der publizierten Meinung immer häufiger auf Vorurteile treffen, auf Ansichten also, die nicht auf einem selbst gebildeten Urteil beruhen? Offenbar ist das eine Folge der einst warnend beschworenen Informationslawine. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Ein Vorurteil ist eine Meinung, die jemand hat und äußert oder auch für sich behält, der keine Gelegenheit hatte oder nicht den Versuch unternommen hat, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Dieses Vorurteil muss nicht falsch sein. Es kann durchaus eine Wahrheit treffen. Nur bleibt das dem Zufall überlassen. Wer ein Vorurteil übernimmt, hat selbst keine Kontrolle über die Richtigkeit seines Urteils. Wenn jemand zum Beispiel behauptet, Claus Peymann habe seit Bochum keine bedeutende Regieleistung mehr erbracht, und es stellt sich heraus, dass der Verkünder dieser Ansicht keine Wiener und keine Berliner Inszenierung von Peymann gesehen hat, so ist das ein Vorurteil. Dennoch kann es zutreffen oder eben auch nicht, dass Peymann seit zwanzig Jahren als Regisseur versagt hat. Wenn jemand sagt, Martin Walser habe seit Dorle und Wolf nichts Gutes geschrieben, und zugleich zugibt, seither nichts mehr von Walser gelesen zu haben, so ist die flotte Wertung ein Vorurteil. Es kann richtig sein oder falsch, aber aus dem Vorurteil wird kein Urteil, wo die Voraussetzungen für ein Urteil fehlen: die eigene Begegnung mit dem Beurteilten.

    Verallgemeinert: die These der Vorurteilsforscher, alle Vorurteile seien falsch, ist ebenso ein Vorurteil wie die Annahme, alle Vorurteile träfen einen richtigen Sachverhalt. Wer etwa behauptet, die Russen hätten zur Pünktlichkeit ein anderes Verhältnis als die Deutschen, kann sich auf eigene Erfahrungen berufen oder ein Vorurteil wiedergeben: so oder so hat Recht und Unrecht zugleich. Er hat Unrecht, wenn er damit eine Wahrheit über jeden einzelnen Russen zu machen vorgibt, und er hat Recht, wenn er eine statistische Aussage beabsichtigt, die korrekt lauten müsste: „Russen sind erfahrungsgemäß häufiger unpünktlich als Deutsche.“ So formuliert enthält der Satz auch nicht jene Diskriminierung, die Vorurteilsforscher so sehr fürchten, dass sie Vorurteile pauschal als falsch verdammen. Denn was er besagt, lässt sich historisch erklären. Und genau darauf kommt es an: Erfahrungen (!), aus denen sich unerwünschte Schüsse ziehen lassen, nicht einfach zu leugnen, sondern nach ihren Ursachen zu fahnden, sie zu erklären.

    Wie aber kommt es, dass wir im Alltag und in der publizierten Meinung immer häufiger auf Vorurteile treffen, auf Ansichten also, die nicht auf einem selbst gebildeten Urteil beruhen? Offenbar ist das eine Folge der einst warnend beschworenen Informationslawine. Als das Internet in die Wohnstuben vordrang, gab es eine Reihe von Mahnern, die befürchteten, die Überflutung mit überall zugänglichen Informationen würde die Konsumenten überfordern, zu einer Desorientierung führen. Inzwischen ist davon kaum noch die Rede. Aber es fällt auf, dass Sekundärmeinungen in einem Maße um sich greifen wie nie vorher. Heute sagt man, etwas sei so oder so, wenn man eigentlich meint: eine Fernsehsendung, Der Spiegel, eine Bekannte wähnt, das sei so oder so. Dass die Fernsehsendung, Der Spiegel, die Bekannte irren könnte (und es sehr häufig tut), wird so gar nicht in Betracht gezogen. Da die Zeit fehlt, sich ein eigenes Urteil zu bilden, da es aber Prestige einbringt, zu möglichst vielem eine Meinung zu haben, sind Vorurteile unverzichtbar.

    Die können falsch oder, wenn man Glück hat, richtig sein. Verlassen sollte man sich darauf nicht. Ein Vorurteil nämlich sagt gar nichts aus. Es ist, genau betrachtet, leeres Geschwätz.

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