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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 24. Mai 2017 | 15:34

     

    1968

    23.04.2007

    Marie Zimmermann, Ilse Scheer, Ronald Pohl und das Jahr 1968

    In seinem Nachruf auf Marie Zimmermann, mit der man, was immer diese kuriose Formulierung heißen soll, nach seinen Worten „schlecht ideologisieren konnte“, faselt der Theaterkritiker der in Wien erscheinenden Tageszeitung Der Standard von den „vielfach niederschmetternden Folgen“ des Jahres 1968. Damit befindet sich Ronald Pohl auf der Höhe eines Zeitgeists, der sich an den konservativen Status quo einer Großen Koalition anschleimt. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Was man mit der Chiffre „1968“ verbindet, mag mancherlei unerfreuliche Folgen gehabt haben, wie die Nachkommen, die niederschmetternde Voraussetzungen für noch bevorstehende Folgen schaffen, wohlfeil konstatieren können. Aber gerade auf dem Gebiet des Theaters kommen den 68ern Verdienste zu, die gar nicht überschätzt werden können. Offensichtlich haben Leute wie Ronald Pohl verdrängt oder auch niemals wahrgenommen, in welch desolatem Zustand das Theater, insbesondere in Österreich, sich in der Nachkriegszeit befand. Von den Bühnen klang, mit wenigen Ausnahmen, hohles Pathos, verstaubte Inszenierungen gaben den Publikumslieblingen, die die UFA und das Theater der Nazizeit unbeschadet überlebt hatten, Gelegenheit, sich von gleichgesinnten Mumien im Zuschauerraum feiern zu lassen. Wer moderneres Theater in deutscher Sprache sehen wollte, musste in die DDR reisen.

    Nur einen Tag vor Marie Zimmermann ist Ilse Scheer gestorben. Sie gehörte seit Ende der fünfziger Jahre zum Ensemble „Die Komödianten“ von Conny Hannes Meyer. Er war es, der zu einer Zeit, da Bertolt Brecht auf Betreiben von Friedrich Torberg und Hans Weigel aus Österreich verbannt war, die Methoden des großen Theatererneuerers auf einer kleinen Wiener Bühne pflegte und mit aktuellen politischen Themen füllte. Man hat es ihm nicht gedankt. Aber „Die Komödianten“ müssen als bedeutender Faktor für die Vorbereitung dessen betrachtet werden, was 1968 dann und später sogar am Burgtheater mit Macht sich durchsetzen konnte.

    Ilse Scheer und einige ihrer Freunde und Kollegen gingen aus dem dumpfen, jedem Experiment abholden Wien nach Westberlin, wo sie die „Theatermanufaktur“ gründeten. Dieses Ensemble passte in ein Umfeld, das nun, mitgerissen durch den Geist der Studentenrevolte, die so lustfeindlich nicht war, wie sie heute oft charakterisiert wird, die freien Theatergruppen aus aller Welt wahrnahm, das Living Theatre und La MaMa aus New York, das Teatro Campesino, die San Francisco Mime Troupe, das Bread and Puppet Theatre, die New York Street Theatre Caravan und viele andere. Sie alle, ihre Inhalte und ihre Ästhetik, sind ohne das Jahr 68 kaum denkbar (auch wenn sie, wie insbesondere das Living Theatre, schon davor manches vorweggenommen hatten, was dann Konsens wurde).

    Aber auch an den Staats- und Stadttheatern, jedenfalls in Westdeutschland, änderte sich vieles radikal. Mehr noch als die Spielpläne: der Stil des Umgangs miteinander. Schauspieler waren nicht mehr unnahbare Stars, auf die Pennäler mit Fotokarten am Bühnenausgang warteten, um ein Autogramm zu erhalten, sie waren nicht mehr die in Pelzmäntel gehüllten Diven, die mit Taxis vorfuhren, sondern politisch gebildete Zeitgenossen, die nicht bloß Rollen „verkörperten“, sondern Sinn und Gehalt der Stücke mit ihren Regisseuren und Dramaturgen analysierten und diskutierten. Das sah man den Inszenierungen an. Mag das um 1968 forcierte Regietheater seither auch in manche Sackgasse geraten sein – von niederschmetternden Folgen kann keine Rede sein, und nur ein Banause wünschte sich die Zustände zurück, die vor 1968 im Theater herrschten.

    Selbst jener Versuch, der am deutlichsten gescheitert ist, der Versuch einer kollektiven Theaterleitung, wie ihn Peter Stein oder Peter Palitzsch unternahm, musste unternommen werden. Nach der Erfahrung des Scheiterns befindet man sich nicht dort, wo man zuvor war. Diese Erfahrung hat das Theater, trotz allem, zum Besseren verändert, es demokratischer gemacht, seinen Mitgliedern Selbstbewusstsein vermittelt, den Typus des Schauspielers modernisiert, ein Publikum herangezogen, das problembewusst ist und nicht bloß seine Garderobe vorführen und Pausengesprächen beim Sekt entgegenfiebern mag.

    Manche Errungenschaft von 1968 wurde zurückgenommen, ist unter dem Druck der Ökonomie und einer reaktionären Kulturpolitik verschwunden. Niederschmetternd sind nicht die Folgen von 1968 – und auch Marie Zimmermanns Festivalaktivitäten waren weit mehr, als es Ronald Pohl wahrhaben will, von 68 geprägt – sondern die Folgen eben der Kulturpolitik der Wende und der Propaganda ihrer Erfüllungsgehilfen. Das mag jenen, denen es nicht passt, wie Ideologie klingen. Wir wollen mit ihnen nicht ideologisieren, weil wir nicht wissen, wie man das tut. Aber wir wollen auch nicht mit ihnen rechten. Die Folgen wären nicht niederschmetternd – schlimmer noch: es gäbe keine Folgen. Das ist eine Frage der Machtverhältnisse. Auch das hat man 1968 begriffen.

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