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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. April 2017 | 15:44

     

    Der Wert der Bildung

    09.04.2007

    Soziale Diskriminierung

    Als in ganz Europa - und zwar von konservativen wie von sozialdemokratischen Bildungspolitikern mit gleichem Eifer - die Einführung des Bakkalaureats (des englischen Bachelors) bei gleichzeitiger Zulassung von Privatuniversitäten propagiert wurde, war klar, dass dies eine Verstärkung des Zweiklassensystems in der Bildung bedeute: ein rasches Discount-Studium für die Massen und eine bevorzugte Ausbildung für zahlungskräftige Eliten. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Beides gibt es: jenen Intellektuellendarsteller, der sprachliche Formulierungen für umso gelungener hält, je weniger sie verstanden werden, und jenen Denkfaulen, der sich über jedes Fremdwort, über jeden etwas komplexeren Satz beklagt. Eine Erkenntnis wird nicht dadurch bedeutsamer, dass sie in einer nur Eingeweihten zugänglichen Sprache vermittelt wird. Aber es gibt Dinge, die lassen sich präzise und unmissverständlich nur mit einer spezifischen Terminologie, mit einer differenzierten Syntax mitteilen. Zeitgenossenschaft dokumentiert sich nicht in der totalen Anpassung an eine reduzierte Plappersprache, wie sie allenfalls in bestimmten Medien und populären Kommunikationsformen am Platz sein mag. Aber man darf erwarten, dass ehrliche Anstrengung belohnt wird durch die grundsätzliche Möglichkeit des Zugangs zu sprachlichen Äußerungen.

    Diese Anstrengung darf andererseits durchaus gefordert werden. Die Bringschuld ist nicht nur auf einer Seite zu lokalisieren. Die Koketterie mit der Unbildung, die heute eher Zuspruch als Abscheu erfährt, ist nicht weniger fatal als der Dünkel einer Bildungselite, die ihr Wissen für sich behalten und durch sprachliche Barrieren von der Mehrheit abschirmen möchte. Die Beseitigung des Bildungsprivilegs ist eine alte und nach wie vor dringliche demokratische Forderung. Sie wird von zwei Seiten torpediert: von jenen, die Bildung nur ihrem eigenen Stand zugestehen wollen, und von jenen, die Bildung als überflüssig der Lächerlichkeit preisgeben. Dabei spielt Sprache eine zentrale Rolle. Jene bevorzugen ein Kauderwelsch, das die Funktion eines Geheimcodes hat, und diese denunzieren alles, was sie nicht verstehen, was in Wörterbüchern und Grammatiken nachzuschlagen sie zu bequem sind, als Kauderwelsch. Diese selbstgefälligen Typen, die sich lauthals damit brüsten, was sie alles nicht verstehen, als läge es nur an der Botschaft und nicht auch an ihnen, sind das Gegenstück zu jenen Hochstaplern, die sprachliche Labyrinthe mit Wahrheiten verwechseln. So sehr es eine aufklärerische Aufgabe sein kann, terminologisches Blendwerk und funktionslosen modischen Jargon zu entblößen, so dumm ist der Rückzug auf ein infantiles SMS-Gestammel. Der Journalist, der in ironischem Ton verkündet, dass ihn Probleme auf der Bühne nerven und historische Belehrungen im Film langweilen, dass er sich „nur einfach“ unterhalten wolle, darf sich des Beifalls der Beschränkten sicher sein, und genau darauf hat er es abgezielt.

    Beides gibt es: das sprachliche Imponiergehabe und die Verweigerung von intellektueller Anstrengung. Beides ist gleichermaßen abzulehnen. Bildung ist ein zu hoher Wert, als dass man sie den elitären Snobs und den Banausen überlassen dürfte.

    Im Übrigen ist die Koketterie mit der Unbildung meist ein Luxus der Privilegierten. Was Bildung für jene bedeutet, denen sie vorenthalten wird, kann man zum Beispiel in Anton Reiser von Karl Philipp Moritz oder in Franz Michael Felders Autobiographie Aus meinem Leben nachlesen. Wer in einem Milieu ohne Bücher aufwächst, wer nicht schon als Kind zum Theater, zur Musik, zur bildenden Kunst hingeführt wird, bleibt zeitlebens im Nachteil, hat zeitlebens eine geringere Chance, einen befriedigenden Beruf, interessante Freizeittätigkeiten auszuüben. Das Schlimmste aber ist, dass die Diskriminierung von Kindern aus bildungsfernen Familien zu- statt abnimmt. Die Beseitigung des Bildungsprivilegs, einst ein Hauptziel der Arbeiterbewegung, wurde auch von der Sozialdemokratie opportunistisch preisgegeben. Im Zuge der europäischen Angleichung, die auch im Bildungsbereich den Bedürfnissen der Wirtschaft folgt und ihnen alle Erwägungen der sozialen Gerechtigkeit unterordnet, hat man mit der Einführung des Bachelors die Aussichten der schon Benachteiligten auch in Hochschulbereich noch verschlechtert.

    Bachelor: Verstärkung des Zweiklassensystems


    Als in ganz Europa - und zwar von konservativen wie von sozialdemokratischen Bildungspolitikern mit gleichem Eifer - die Einführung des Bakkalaureats (des englischen Bachelors) bei gleichzeitiger Zulassung von Privatuniversitäten propagiert wurde, war klar, dass dies eine Verstärkung des Zweiklassensystems in der Bildung bedeute: ein rasches Discount-Studium für die Massen und eine bevorzugte Ausbildung für zahlungskräftige Eliten. Man gab vor, den Bachelor, zur Vereinheitlichung der europäischen Studienabschlüsse, als zusätzliche Möglichkeit anzubieten, um dann über kurz oder lang traditionelle Abschlüsse mit längerer Studiendauer oder mit geringerer unmittelbarer Verwertbarkeit abzuschaffen. Das war vorhersehbar und gewollt.

    An den Hochschulen findet seit Jahren ein massiver Sozialabbau statt. Die anhaltende Diskussion über eine Studienzeitverkürzung richtete bereits Schaden an, ehe die entsprechenden Gesetze beschlossen wurden. Denn sie suggeriert der Öffentlichkeit, Bildung könne ohne Verlust in kürzerer Zeit (also billiger) als bisher vermittelt werden. So ist das Studium unter der Hand zur Nebenbeschäftigung geworden. Studenten haben, genötigt, kaum mehr das Bewusstsein, dass Studieren ein Beruf, ein Full-time-Job ist, nein: sein müsste, der, soll er seinen Sinn erfüllen, den gleichen Einsatz von Zeit und Energie benötigt wie andere Berufe auch.

    Statt also über Studienzeitverkürzung zu reden, sollte man endlich darüber diskutieren, wie man die für das Studium zur Verfügung stehende Zeit wieder auf das nötige Maß anheben kann. Das bedeutet: die Gesellschaft muss daran interessiert sein, dass Studenten sich ihrem Studium mit voller Kraft widmen können, dass ihr Unterhalt durch Stipendien gesichert ist, statt dass sie im Gegenteil Gebühren bezahlen sollen. Sie müssen wieder die materiellen Grundlagen und die ungestörte Atmosphäre haben, um das Studium nicht auf den Erwerb der Pflichtscheine zu reduzieren, sondern über den Zaun ihres eigentlichen Faches hinausblicken zu können, sich universell zu bilden, Widerstand zu leisten gegen den zunehmenden Trend einer Analphabetisierung, auch am kulturellen und gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

    Soziale Diskriminierung

    Die zynischste Antwort auf das Problem ist der Vorschlag, es sollten halt nur jene studieren, die es sich leisten können. Statt Förderung von Kindern aus Nichtakademikerfamilien preist man heute den Elitegedanken und gründet Privatuniversitäten für einige wenige. So spiegelt die Situation an den Hochschulen die allgemeine gesellschaftliche Entwicklung der sozialen Kälte und der wachsenden Kluft zwischen Privilegierten und Benachteiligten.

    Es gehört zu den zahlreichen Verlogenheiten der Emanzipationsdebatten, die vorgeben, Gerechtigkeit zu fordern, jedoch nur die eigenen Vorteile meinen, dass jene, die die Fähigkeiten und die Möglichkeiten zur öffentlichen Artikulation haben, nämlich die akademisch gebildeten Frauen, zwar für sich bessere Karrierechancen verlangen, für die Not derer aber, die gar nicht erst in den Genuss einer höheren Bildung gelangen, genauso wenig Interesse zeigen wie ihre männlichen Kollegen. Schließlich könnten die Mädchen und Jungens aus Bauern-, Arbeiter- und Immigrantenfamilien demnächst Konkurrenz für ihre eigenen privilegierten Söhne und Töchter bedeuten.

    Ich rede hier gar nicht erst von der globalen Situation, die zwei Dritteln der Welt statistisch betrachtet Bildung in moralisch wie politisch katastrophalem Ausmaß vorenthält. Es genügt, die Situation in den hochentwickelten Industrieländern zu bedenken, um von einem Skandal zu sprechen, von sozialer Diskriminierung, die nicht einmal mehr problematisiert wird. Das fällt inzwischen selbst „unter Freunden“ auf. Eigentlich bedurfte es keiner Intervention von außen, um die Missstände zu erkennen, aber der beleidigte Aufschrei von Deutschen nach entsprechender Kritik, wo beschämtes Erröten und vor allem rasches Handeln die angemessene Reaktion wären, legt den Verdacht nahe, dass man sie gar nicht beseitigen will.

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