In dem eben erschienenen Jahrbuch scenario 1 befindet sich ein ausführliches Gespräch mit dem Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase. Darin zitiert dieser die Dramaturgin Marie-Luise Steinhauer. Sie dekretiert: „Wenn man ein Gewehr an die Wand hängt, muss am Ende mit ihm geschossen werden, sonst darf es nicht an der Wand hängen.“
Dieses Credo entstammt einer ganz bestimmten Ästhetik, einer Ästhetik der größtmöglichen Ökonomie. Was nicht unbedingt benötigt wird, muss wegbleiben. Ornament ist, mit Adolf Loos zu sprechen, Verbrechen. Zur Sache, Schätzchen. Die Dramaturgie steuert, wenn wir beim Film verharren, mit Windeseile auf den ersten Spannungshöhepunkt zu, es darf keine Rätsel geben, jede Handlungsweise muss motiviert oder, wie im amerikanischen Mainstreamfilm, vulgärfreudianisch überdeterminiert sein (wer als erwachsener Mann eine Praline isst, muss als Kind von seiner Mutter mit Pralinen belohnt worden sein), die Bilder vermeiden alles, was nicht der unverzichtbaren Mitteilung dient. Kein Gewehr an der Wand, mit dem nicht geschossen wird. Wer wollte leugnen, dass diese Prämissen bedeutende Kunstwerke hervorgebracht haben. Es geht auch anders, aber so geht es auch.
Es geht auch anders. Was unterscheidet Filme Bressons, Antonionis, Tarkowskis vom alltäglichen Fernsehschmarren, von der Fließbandproduktion, mit denen den heutigen Zuschauern Hören und Sehen ausgetrieben wird? Dass in den Bildern mehr zu sehen ist als genau das für den Fortgang der Handlung Benötigte. Dass Menschen an der Kamera vorbeigehen, die im weiteren Verlauf nicht mehr vorkommen, dass Gegenstände herumliegen oder auch an der Wand hängen, die keinerlei andere Funktion haben als eben diese: durch ihre Funktionslosigkeit Atmosphäre zu schaffen, dem Film Tiefe und Resonanzraum zu verleihen. Kunst ist nicht der kürzeste Weg zur Pointe. Sie definiert sich geradezu durch Redundanz, durch Information (im Sinne der Beseitigung von Ungewissheit), die keinen praktischen oder kommunikativen Zweck erfüllt. Eine Ästhetik des visuellen Reichtums verlangt freilich auch einen Rezipienten, der hinschaut.
Der ist, selbst und gerade unter den professionellen Rezipienten, den Kritikern, selten geworden. Im Tagesspiegel sinnierte eine Kerstin Decker während der Berlinale über einen „kleinen Kellner aus dem Provinzhotel ‚Goldenes Prag’, der den englischen König bedient und darüber schwer reich wird“. Derlei kommt zwar in Ji?í Menzels Film Ich habe den englischen König bedient ebenso wenig vor wie im gleichnamigen Roman von Bohumíl Hrabal, den Kerstin Decker zu kennen vorgibt. Nicht der „kleine Kellner“, sondern sein Kollege, der Oberkellner, hat angeblich den englischen König bedient, und keiner der beiden wurde „darüber schwer reich“. Aber wo geraten wir hin, wenn deutsche Kritikerinnen die tschechischen Autoren auch tatsächlich noch lesen sollen, über die sie schreiben.
Das Schlimmste an der Geschichte ist, dass solche Hochstapelei und solcher Schwindel keine Konsequenzen hat. Das gilt auch für nachgewiesene Plagiate. Vor vierzig Jahren schrieb ich für einen Verlag ein Gutachten über Milan Kunderas damals nur in tschechischer Sprache vorliegenden ersten Roman. Ein Kritiker, der dieses Gutachten vom Verlag erbeten hatte, veröffentlichte es wortwörtlich als eigene Rezension in der Frankfurter Rundschau. Die Sache flog auf. Der Kritiker bekam von der FR keine Aufträge mehr.
Solche Moralität ist heute Geschichte. Längst nimmt man es als Normalfall hin, dass Kritiker, insbesondere auf dem Gebiet der CD-Produkte, mehr oder weniger wörtlich die PR-Texte abschreiben, die ihnen die Plattenfirmen per Post oder Internet frei Haus liefern. Hier kommt zur Dreistigkeit des Plagiats noch die Unbedenklichkeit hinzu, mit der sich Rezensenten, einst Kontrolleure der Wirtschaft und Hersteller von kritischer Öffentlichkeit, zu Erfüllungsgehilfen von Profitinteressen erniedrigen. Sie sind nicht nur käuflich, sondern auch noch billig. Sie tun es für weniger als ein Butterbrot und ein Ei, nämlich für eine kostenlose CD.
Aber auch im Wissenschaftsbereich gilt das Abschreiben ohne Quellenangabe mittlerweile als Kavaliersdelikt. Seit zwei Jahren hat der selbst einschlägig geschädigte Stefan Weber zahlreiche Plagiatsfälle aufgedeckt. Die benachrichtigten Institutionen, in erster Linie österreichische Universitäten, sind in den meisten Fällen nicht etwa tätig geworden, sondern haben versucht, den kriminellen Akt – denn um einen solchen handelt es sich bei Plagiaten – unter den Teppich zu kehren. Beschimpft wird der Verkünder der Botschaft. Die Plagiatoren bleiben im Amt und können sich einer erstaunlichen juristischen Gewogenheit erfreuen.
Und wer da denkt, solche Fälle seien seltene Ausnahmen, der beobachte einmal, wie oft die Beschreibung eines Films nicht stimmt. Plagiate in der Wissenschaft kommen gewiss genau so oft vor. Einen besonders dreisten Fall findet der Interessierte unter der folgenden Adresse dokumentiert: Systematic manipulation in austrian institutions