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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 23. August 2017 | 00:35

     

    Buchpreisbindung

    07.01.2007

    Die Provinzbuchhändlerin

    Wir erheben unser Glas auf die Provinzbuchhändlerin, die es dank der Buchpreisbindung nur in Mitteleuropa gibt. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Sie trägt ein langes, gerade geschnittenes Trägerkleid aus grobem Leinen und flache Absätze. Ihre Haare hängen ihr glatt bis knapp über die Schultern. Die Brille verleiht dem ungeschminkten Gesicht einen ernsthaften Ausdruck. Sie ist eher bleich. Die Sonnenbank gehört ebenso wenig zu den von ihr frequentierten Einrichtungen wie das Fitnesscenter. Sie liest in jeder freien Minute. Denn sie ist Buchhändlerin in der viel gescholtenen Provinz. Einen Mord kann man ihr beim besten Willen nicht zutrauen – obwohl sie die Morde bei Simenon und bei Agatha Christie und bei Sjöwall und Wahlöö sehr genau studiert hat. Wahrscheinlich ist sie nicht einmal imstande, ein hässliches Wort in den Mund zu nehmen. Sie ist, was man gemeinhin "brav" nennt, eine Subkategorie des von oben herab belächelten "Gutmenschen".

    Das Leid der Erniedrigten und Beleidigten geht ihr nahe, der Zynismus derer, die alles für gut halten, weil es ist, wie es ist, bleibt ihr fremd. Sie weiß aus den Büchern, die sie unersättlich in sich hineinfrisst, dass die Welt nicht immer so war, wie sie heute zu sein scheint, und dass sie daher auch nicht immer so bleiben muss. Sie will auch der Sekretärin, dem Bankangestellten, der Apothekerin in der Kleinstadt mit Rat zur Seite stehen können, wenn die sie danach fragen, welches Buch sie ihnen für die Ferien empfehlen würde.


    Zwar häufen sich neben der Kasse die Reiseführer für die Umgebung und Ratgeber für Haus, Garten und Küche. Zwar nehmen die zuletzt von Elke Heidenreich vorgestellten Bücher einen prominenten Platz am Ladentisch ein. Aber im Schaufenster hat sie die Gedichtbände von Erich Fried unter seinem plakatgroßen Foto arrangiert, und an den Büchern von feministischen Autorinnen kommt jeder zwangsläufig vorbei, der sich am Regal entlangbewegt.


    Sie kann sich für bestimmte Schriftsteller begeistern und freut sich, wenn jemand nach einem Buch fragt, das nicht auf der Bestsellerliste steht. Sie liebt die Literatur, und sie kann tatsächlich – anders als die immer schlechter informierten Verkäuferinnen in den Buchabteilungen der Kaufhäuser und in den computerisierten Kettenläden in den Großstädten – Auskunft geben über Inhalte und Schreibweisen, über Schwierigkeitsgrade und Themenschwerpunkte.


    Es ist ihr ganz und gar unverständlich, dass es Leute gibt, die Bücher verkaufen wie Schuhe oder Zahnpaste. Denn Literatur eröffnet ihr Welten, die sich nicht aufrechnen lassen gegen den Preis, den ein Buch kostet. An die Kasse begibt sie sich nur widerwillig. Wenn es nach ihr ginge, würde sie all die herrlichen Bücher, die sie glücklich machen, verschenken. Genau deshalb hat sie als junges Mädchen diesen Beruf gewählt. Nicht als Verkäuferin begreift sie sich, sondern als gute Fee, die die Umwelt mit Schönem versorgt. Weil sie gerne liest, will sie auch andere an diesem Vergnügen teilhaben lassen. Sie hat, was man altmodisch "pädagogischen Eros" nennt und was so wenig mit jenem Eros zu tun hat, der unsere Öffentlichkeit ganz und gar unerotisch belagert, wie die allgegenwärtige Vergewaltigung durch Muzak mit Musikgenuss.

    Sie ist gerne „altmodisch“. Denn sie hat James Coburn in den Glorreichen Sieben gesehen und Marlon Brando als Der Pate und Henry Fonda in überhaupt allen Rollen, und es kostet sie nur einen müden Lacher, wenn die coolen Typen von heute meinen, sie stünden auf der Höhe der Zeit. Für sie sind diese Abziehbilder nur machistische Schmierenkomödianten, Klischees ihrer selbst.

    Wir erheben unser Glas auf die Provinzbuchhändlerin, die es dank der Buchpreisbindung nur in Mitteleuropa gibt. Das Internet setzt ihr schon zu. Wenn die Brüssler Befürworter des Wettbewerbs im Buchhandel ihren Willen durchsetzen, werden die Buchhandlungen außerhalb der Metropolen endgültig verschwinden und mit ihnen die Provinzbuchhändlerinnen. Dann bleiben nur noch die smarten Typen. Und die Supermärkte. Und die Bankautomaten. Und vielleicht der italienische Eissalon. Aber ein Stück Kultur und damit ein Stück Menschlichkeit wird verschwunden sein.

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