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Dokumentarfilm: HOUWELANDT - Ein Roman entsteht

22.09.2005

HOUWELANDT - Ein Roman entsteht

Dokumentarfilm von Jörg Adolph - Fernseherstausstrahlung am 25.09.2005 um 21.15 Uhr in 3sat

Der Schriftsteller John von Düffel schreibt erst sein neues Buch und begibt sich dann damit auf eine Reise durch den Literaturbetrieb. Begleitet wird er vom Dokumentarfilmer Jörg Adolph.

 

5. internationales Literaturfestival in Berlin - die lobenswerte Sparte "literatur auf celluloid" startet am 07. September im Pavillon des Berliner Ensembles. Der (zu) kleine Saal ist trotz des fast schon traditionellen Kartentohuwabohus gerade für professionelle Festivalbesucher pünktlich voll, die Luft ist schon stickig, bevor der Beamer die ersten Bilder and die Wand wirft. Es hat sich offenbar - sicherlich mitbedingt durch positive Kritiken etwa in der Süddeutschen Zeitung - herumgesprochen, dass an diesem Abend ein wahres Kleinod des deutschen Dokumentarfilms gezeigt wird: Der Filmemacher Jörg Adolph hat den Autor John von Düffel bei der Arbeit an seinem Roman "Houwelandt" (2004) begleitet.

Was eigentlich zunächst undenkbar, weil zu intim, erscheint, etwa das Draufhalten der Kamera beim Schreiben, das filmische Aufzeichnen des Schreibprozesses eines Autors beim ausprobieren und Korrigieren von Textvarianten, gelingt. John von Düffels Arbeitsweise wirkt dabei nüchtern wie das Wasser, das er immerzu trinkt, selbst oder gerade wenn der Ausdauersportler eben aus dem Wasser kommt: Schwimmen und Schreiben sind wohl seine Hauptdisziplinen, beide scheinen im Schreiben geradezu wiederum zu verschwimmen und an dieser Mixtur wird er - sehr zu seinem Leidwesen - seit seinem Erstling "Vom Wasser" gemessen.

Wie es im Hause DuMont gelingt, den zwar völlig anders gearteten, aber für sich als Humoreske lesenswerten Roman "Ego" (über einen erfolgsverwöhnten Bodybuilder, der in der Computerbranche arbeitet), mit dem sich Düffel nach dem Erfolg in seinem Element "Wasser" zunächst schriftstellerisch freischwimmen musste, in seiner Eigenart zu ignorieren und schlecht zu reden, ist ebenso selbstentlarvend wie das Gebaren der verschiedenen Verlagsprotagonisten. Trotz der vielen berechtigten Lacher während der Festivalvorführung: Das war so zuvor wohl noch nie zu sehen und zu hören und war für manchen Zuschauer primär desillusionierend. In diese Richtung ging ebenfalls etwa die Wirkung der sich an Zeichenzahlen festmachenden Geschäftigkeit bei x Korrekturdurchgängen des Romans "Houwelandt" - man ertappt sich selbst bei der Frage, wie viele Zeichen von ursprünglich ca. 500.000 danach wohl eigentlich noch Original Düffel sind.

Adolphs Stärke: er kommentiert dies alles nicht; wie immer in seinen Dokumentationen sprechen die Bilder bzw. seine Protagonisten und ihre Worte für sich.

Neben der Begleitung mit der Kamera hat Adolph es geschafft, Düffel von der Führung eines DV-Tagebuches zu überzeugen. So wie sich Fremd- und Eigenaufnahmen ergänzen, so ergänzen sich insgesamt Dokumentarfilmer und Autor in diesem Projekt kongenial. Vielleicht auch, weil beide relativ früh einen großen Preis für eine ihrer Arbeiten zugesprochen bekommen haben: Jörg Adolph den Deutschen Fernsehpreis in der Sparte Dokumentarfilm, für den er auch dieses Jahr mit seinem Film "Die Kanalschwimmer" (!) wieder nominiert ist und bei dessen Produktion sich die beiden kennen gelernt haben, John von Düffel den "Aspekte"-Literaturpreis. Beide haben also einen achtbaren Erfolg im Nacken, was paradoxer Weise immer dazu führen kann, den eigenen, hochgelobten Stil zu verlieren in der dann eben nicht mehr unvorbelasteten Fortsetzung des eigenen kreativen Weges - oder eben doch noch mindestens einen Tick besser zu werden als zuvor.

Von Olaf Selg



Wie beide ihre Zusammenarbeit selbst gesehen haben, beschreiben sie im Folgenden:

Jörg Adolph (geb. 1967) - Konzept / Regie / Kamera:
Schreiben ist ein mühsames, ein einsames Geschäft und das Autorendasein eine labile Existenz. Davon wollen die meisten Film- und Fernseh-Porträts über unsere Dichter und Denker nichts wissen. Wir sind gewohnt, den Literaten als Figur zu romantisieren. Man kennt die Bilder: Autor wandelt durch zeitlose Natur, in Gedanken versunken, geistvolle Blicke, wohl gesetzte Worte...

Mit HOUWELANDT geht es mir um einen möglichst detaillierten Einblick in die störrische Welt der Literaturherstellung. Ich möchte zeigen, was es bedeutet, heute Autor zu sein: Welche Anforderungen der Literaturbetrieb an Autoren stellt / was alles passieren muss, bis ein Buch lesbar wird // was ein Autor mit seinem Buch erlebt / wie sein Buch ihm schließlich wieder fremd wird.

Ein Roman fällt ja nicht durch einen Geistesblitz vom Himmel, sondern ist - wie jedes Werk - der Kompromiss seiner zahllosen Varianten und Splitter. Das gilt es zu zeigen. Der Autor als Virtuose, als Textgenius ist eine Illusion. Und doch bleibt ein Rest von Eigensinn, Schöpfung und Geheimnis. Etwas das sich hartnäckig der reinen Marktlogik entzieht. Der Doppelcharakter des Buchs: Industrieprodukt und Kunstwerk in einem zu sein. Um davon zu erzählen, ist John von Düffel der ideale Protagonist. Er repräsentiert den Mittelbau / die Literatur-Arbeiter // die "Autoren der Zukunft."

Ich habe ihn bei der Recherche zu meinem Film KANALSCHWIMMER kennen gelernt. Denn der Autor John von Düffel ist zugleich Langstreckenschwimmer, und er kann wie kein Zweiter über das Schwimmen und die Anziehungskraft des Wassers schreiben. Dann erfuhr ich, dass sein auffälligstes Etikett - Der Wasserdichter - ihm nicht nur Freude bereitet, sondern dass er ständig auf VOM WASSER festgelegt wird. Als John mir erzählte, dass er einen neuen Roman plant und er von dessen Erfolg abhängig machen will, wie es mit ihm als Schriftsteller weitergeht, war das ein filmischer Glücksfall: eine dramatische Ausgangssituation, ein klarer Ablauf. Dabeisein wie ein Roman entsteht. So etwas hat es noch nicht gegeben. Zu meiner Verwunderung fand John Gefallen an dem Gedanken, dass ich ihn bei der Arbeit beobachten würde. Vielleicht weil er derart einen Verbündeten an seiner Seite wusste, jemanden mit dem er auf den Rückfahrten vom Lektorat über seine Unsicherheiten reden konnte, der mit ihm leidet, wenn der zweite Cover-Entwurf wenig mit dem Roman zu tun hat.

Im Stile des Cinema Directs bin ich John von Düffel dann über 15 Monate gefolgt und dazwischen immer wieder nach Köln zum DuMont-Verlag gefahren, um zu sehen, was zeitgleich dort passiert. Meistens war ich allein mit einer kleinen DV-Kamera unterwegs, später - in der Phase der Buchveröffentlichung - mit dem Regisseur und Kameramann Luigi Falorni. Wie bei meinen bisherigen Arbeiten hat die Cutterin Anja Pohl aus über 100 Stunden Rohmaterial den Film herausgeschält. Und die Filmmusik wurde von einem großen Autoren der elektronischen Musik komponiert: Martin Gretschmann, besser bekannt als Console.

Als Arbeitsmotto für den Film hatten wir ein Zitat von Karl Kraus im Schneideraum hängen: "In der Werkstatt den Dichter zu zeigen, ist ein Problem der modernen Photographie. Die meisten widersetzen sich, weil sie sich schämen, in Anwesenheit des Photographen schöpferisch tätig zu sein. Über die Schwierigkeiten, die sich hierdurch ergeben, ist vorläufig nicht hinwegzukommen."
An dem Zitat hat mir das VORLÄUFIG besonders gut gefallen. Ich hoffe, ich habe mit dem Film einen guten Schritt in Richtung relevanter, realistischer Autorenfilm gemacht, ich hoffe, ich bin dabei vorangekommen, den Dichter in der Werkstatt zu zeigen.
Am Schluss des Films, nach dem großen Roman-Erfolg, zieht John ein beeindruckendes und tröstliches Fazit. Eine Einübung in Bescheidenheit. Wir müssen uns den Autor als jemanden vorstellen, der ohne Muster, ohne Berechnung und ohne Verlässlichkeit immer wieder von vorne anfängt.

John von Düffel (geb. 1966) - Der Autor:
Einen Roman schreiben vor laufender Kamera? Sich in eine Geschichte vertiefen, in Figuren hineinversetzen im Beisein eines Regisseurs? Sämtliche Tiefen und Abgründe des Schreibprozesses nicht nur erleben, sondern auch dokumentiert zu wissen von einem Film, der die Entstehung eines Buches festhalten soll? Geht das überhaupt? All diese Fragen gingen mir durch den Kopf, als der Dokumentarfilmer Jörg Adolph vorschlug, mich beim Schreiben meines Romans HOUWELANDT zu begleiten.

Wir hatten uns bei den Dreharbeiten seines Films über die Kanalschwimmer in Dover kennengelernt und waren uns Monate später beim Schwimmen im Starnberger See wieder begegnet. Ich hatte ihm erzählt, daß ich nach mehreren gescheiterten Versuchen endlich zu wissen glaubte, wie ich die Geschichte der zu einem Phantom gewordenen Familie de Houwelandt erzählen muß. Dann, nach wenigen Tagen, kam der Anruf, ob ich mir vorstellen könne, mich bei der Arbeit an diesem Roman filmen zu lassen. Konnte ich es mir vorstellen? Offen gestanden, nein. Ich hatte kein Problem damit, Jörg Adolph beim Schreiben um mich zu haben. Wenn ich in einer Geschichte drin bin, kann ich unter allen Umständen schreiben: auf Kindergeburtstagen, in überfüllten ICEs und winzigen Hotelzimmern, während meine Freundin telefoniert. Was ich mir nicht vorstellen konnte, war, daß sich der eigentliche Kampf um die Figuren in irgendeiner Weise fassen ließ, außer in dem Geschriebenen selbst. Ganz abgesehen davon, daß es vermutlich niemanden interessierte.

Aber Jörg Adolph fand, das sei nun wirklich seine Sorge. Und das fand ich auch. Nun ist ein Film nicht wie ein Text. Man kann sich nicht einfach hinsetzen und loslegen, sondern muß im Vorfeld jede Menge Menschen überzeugen - Produzenten, Redakteure, Sender, sprich, einen Haufen Leute, die sich mit dem Medium besser auskennen als ich. Doch in einem Punkt war ich mir sicher: Das klappt nie! Während ich in HOUWELANDT verschwand, schrieb Jörg Adolph Exposés und Förderanträge. Einige Male kam er mit seiner kleinen Digitalkamera vorbei – auf eigene Kosten. Er fuhr mit mir Zug, als ich meinen Lektor in Köln besuchte, um mit dem DuMont-Verlag erste Gespräche zu führen. Er radelte neben mir her, wenn ich mir auf meiner Laufrunde die Beine vertrat. Und wenn ich in meinem Lieblingssee schwimmen ging, stand er mit seiner Kamera ein bißchen verloren am Ufer. Einen Sender für das Projekt gab es zu der Zeit nicht, es gab nur diesen einsamen Mann mit seiner Kamera und einer schwer vermittelbaren Idee. Doch so kurios seine Anstrengungen auch schienen, seine Ernsthaftigkeit und Hingabe beeindruckten, ja, rührten mich. Da war offenbar einer, der genauso verrückt und vergeblich ist wie du …

Natürlich gab es Momente von Scham und Ungeschütztheit, wenn Jörg Adolph mit seiner Kamera hinter mir stand und ich - leer gelaufen, müde geschwommen - abends den Text zerstörte, den ich mir tagsüber abgerungen hatte. Und sicher werden in den unzähligen Stunden Filmmaterial auch Passagen dokumentiert sein, von denen ich wünschte, sie wären mir nie in den Sinn gekommen. Wer den kaum nachvollziehbaren Bewegungen des Schreibens und Umschreibens folgt, wird zweifellos einiges entdecken, was katastrophal schlecht und untalentiert ist. Aber er wird beim Blick in das fertige Buch hoffentlich auch sehen, daß ich wenigstens die Begabung hatte, es zu vernichten.

Da jedoch selbst Jörg Adolph nicht Tag und Nacht an meinem Schreibtisch stehen konnte, brachte er ein weiteres Element ins Spiel: Er fragte mich, ob ich mir vorstellen konnte, mit einer kleinen Kamera eine Art filmisches Tagebuch zu führen, dem ich von den Fort- und Rückschritten meiner Arbeit berichtete. Konnte ich es mir vorstellen? Nein. Ich war nicht einmal imstande, einen stinknormalen Fotoapparat zu bedienen und führe im übrigen kein Tagebuch, weil meine gesamte Schreibenergie restlos in die Geschichte fließt, an der ich gerade arbeite. Doch Jörg Adolph versprach, mir eine Kamera zu besorgen, die "kinderleicht" zu bedienen sei, und schreiben müsse ich ja nicht über den Stand meiner Arbeit, nur reden. Also gut. Ich schluckte meine Zweifel hinunter und versuchte, mit der faustgroßen Kamera auf dem Bügelbrett neben meinem Schreibtisch ein Gespräch anzufangen. Und, siehe da, wir gewöhnten uns mit der Zeit aneinander. Die Kamera wurde für mich ein Kummerkasten, eine elektronische Klagemauer, mein "letztes Band." Angeschaut habe ich es mir jedoch nie. Ich übergab die vollen Kassetten blind an Jörg Adolph, der sich auch diese Chronik meiner Seufzer geduldig zu Gemüte führte.

Lektorat und Fahnenkorrekturen sind gewesen, meine Arbeit an HOUWELANDT ist beendet. Die von Jörg Adolph beginnt erst. Seine Don Quichotte-gleiche Zuversicht hat gesiegt: 3sat unterstützt den Film. Für mich indessen geht der Schreiballtag weiter. Nur gelegentlich drehe ich mich zur Seite und vermisse die kleine Kamera auf dem Bügelbrett, der ich stets sagen konnte, wie's geht.



Siehe auch http://pressetreff.3sat.de/Public/Houwelandt.pdf

Dokumentarfilm: HOUWELANDT - Ein Roman entsteht
Dokumentarfilm von Jörg Adolph, 103 Minuten, DVcam - 35mm
Fernseherstausstrahlung am 25.09.2005 um 21.15 Uhr in 3sat
Roman mit DVD ab 26. September im Buchhandel (Dumont-Verlag)

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