• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 23. Mai 2017 | 10:52

    Der FUTTERblog - streng verdaulich!

    11.12.2011

    Aroma-Terror: Weihnachten stinkt!

    Sie können sagen, was Sie wollen, aber olfaktorisch empfinde ich die Weihnachtszeit als eine echte Zumutung. Überall pusten Duftlampen und Räuchermännchen ihren giftigen Brodem in die Atmosphäre. Egal, welches Geschäft man zur Zeit betritt, sofort rollt eine wütende Angriffswelle aus Nelken-, Zimt- und Anis-Duft über deine Schleimhäute hinweg. In jeder Einkaufspassage wird man mit ätherischen Ölen eingenebelt, als müsse die Kundschaft erst mal von Parasiten befreit werden. Hätten die Heiligen Drei Könige den Stall von Bethlehem so vollgestunken, wären sie sicherlich von Maria mit einer Peitsche aus dem Stall gejagt worden. Bald werden wohl selbst die Bahnhofstoiletten mit Weihnachtsklosteinen der Duftrichtung »Vanillekipferl« die Besucher auf die Ankunft des Herrn einstimmen.

     

    Eine Kolumne von PHILIPP WEBER

     

    Beim Essen ist es nicht viel besser. Am widerlichsten finde ich diese unselige Glühweinsauferei. 50 Millionen Liter trinken die Deutschen im Jahr. Kein Wunder, dass viele Weihnachtsmärkte eher einer Art »Adventsballermann« gleichen: Horden von Menschen stolpern zum dröhnenden Engelschor vom Band zwischen weihnachtlich geschmückten Trinkbaracken besinnungslos durch die besinnliche Zeit. Doch die Gewinnspanne ist beim Glühwein natürlich beträchtlich. Billigster Fusel – den nicht mal russische Alkohol-Panscher in sibirischen Arbeitslagern runterbekommen würden – wird mit Omas Gewürzkissen aufgekocht und schon kann man die Plörre zum Literpreis eines edlen Bordeaux verkloppen.

     

    Und im Supermarkt geht es weiter: Da wird ja bereits Ende August langsam auf das Weihnachtsfest umgerüstet. Apfel-Joghurt wird ganz schnell zu »Bratapfel-Joghurt«, Nuss-Geschmack zu »Gebrannte Mandeln«. Hier ein bisschen Zimtgeschmack, da ein bisschen Orangen und Nelken. Und zum Schluss schmeckt selbst der Harzer Handkäs irgendwie nach Lebkuchen. Die moderne Aromachemie macht es möglich.

     

    Klar, echte Gewürze oder Obst werden da nicht verwendet, viel zu teuer! Selbst wenn auf dem Erdbeerjogurt »natürliches Aroma« steht, werden natürliche Erdbeer-Aromen nicht aus Erdbeeren gewonnen, sondern aus Sägemehl hergestellt. Das steht natürlich nirgendwo auf der Verpackung. Oder haben Sie schon mal einen Joghurt mit der Geschmacksrichtung »Nutzholz-Maracuja« in der Hand gehabt? Wobei Bäume wenigstens noch edle Geschöpfe des Waldes sind. Eine Tannenrinden-Akzienborken-Speisequarkmischung würde auf den Nürnberger Weihnachtsmarkt sicher auch reißenden Absatz finden.

     

    Schwieriger wäre das allerdings bei Kokos- oder Ananas-Aromen, die nämlich aus Schimmelpilzen hergestellt werden. Und auch das darf als natürliches Aroma deklariert werden, schließlich sind Schimmelpilze ja überaus natürliche Dinge. Anstelle der kleinen, lustigen Ananas müssten auf dem Joghurtbecher eigentlich grüne, pelzige, in Milch treibende Inselchen abgebildet sein. Dann wüsste man genau, woran man ist. Selbst die Fruchtstücke halten nicht das, was sie versprechen: In vielen Fällen handelt es sich um gefärbte Gelatine-Stücke. Der Lebensmittelchemiker spricht hier von »Schauobst«: Inhaltlich bringt es nichts – sieht aber einfach gut aus! So ähnlich wie Michelle Hunziker bei Wetten dass…?.

     

    Andererseits, ohne Aromen wären viele moderne Nahrungsmittel auch gar nicht genießbar. Seit dem Dioxin-Skandal im Frühjahr 2011 wissen wir, dass Schweine und Hühner auch gerne mal Abfallfette aus der Biodieselproduktion im Futtertrog vorfinden. Haben Sie sich nie gefragt, wie die armen Säue das Zeug runtergekriegt haben? Ganz einfach, das Kraftstoff-Futter schmeckt nach Vanille oder Erdbeere. Da stehen Schweine nämlich total drauf. Futterzusatzaromen sind ein Milliarden-Geschäft in Europa. Für Hühner haben Lebensmittelchemiker sogar ein Aroma der Geschmacksrichtung »Regenwurm« hergestellt. Aber woher wissen diese Laborratten eigentlich, wie Regenwürmer schmecken? Und wie tut mir die arme Sau leid, die die Blindverkostung übernehmen musste ... Aber geht’s uns denn besser als dem lieben Vieh? Welche Sauereien werden bei uns durch leckere Arömchen übertüncht? Wissen Sie, wie Analogkäse hergestellt wird? Oder deutscher Kaviar? Oder Formvorderfleisch? Glauben Sie mir, Sie wollen es nicht wissen!

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    Die böse Schlange
    und das weiße Kaninchen

    In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

    Tage, Tage, Jahre

    Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

    Ein Geheimnis in einer Graskugel

    Auf die ganz großen Katastrophen im Leben kann man sich selten vorbereiten. Das geht nicht nur den Großen so, auch die Kleinen müssen solche Erfahrungen bewältigen. ANDREA ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter