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TATORT (RBB) - Dinge, die noch zu tun sind (18. November)

16.11.2012

Buch & Regie: Brüder Grimm

In Berlins Partyszene ist die synthetische Droge »Heaven« angesagt. Da wird der Hersteller der Droge, Christoph Gerhard (Stefan Kreißig), tot aufgefunden. Die Ermittler Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic) übernehmen den Fall und werden dabei von Melissa Mainhard (Ina Weisse) unterstützt, die ihnen als erfahrene Drogenfahnderin zur Seite steht. Und dann kommt es doch ganz anders. Von WOLF SENFF

 

Oh, halt, das geht alles viel zu schnell. Till Ritter. Meine Güte, wie ist diese Figur verändert seit dem letzten RBB-TATORT! Die Maske hat ihm graue Haare verordnet. Sie hat sie ihm, wie hieß noch gleich der Verteidigungsminister, der weggetretene, guttenberg-like gestylt. Irgendwie ist er jemand, den man nicht zu seinem Bekanntenkreis zählen möchte (höfliche Version), ein unausstehlicher alter Knacker (ehrliche Fassung), leicht klebrig, prollig aufgebrezelt (was so das Brandenburger Landei sich als taffen Berliner vorstellt), baggert die Mädels an und beweist Humor auf dem Niveau von Mario Barth und der unlängst, weshalb eigentlich, preisgekrönten Cindy aus Marzahn. »Ham Sie Kinder?« »Nein, aber ich war mal eins.« Oder auch: »Pubertät ist doch das Alter, wo die Eltern komisch werden«. Da hat das Drehbuch (Jörg Tensing) aber mal hallo! das allerletzte Hirnschmalz investiert.

 

Man darf die schauspielerische Leistung von Dominic Raake anerkennen. Anfangs gibt er echt den Null-Toleranz-Cop à la harte Schale, die Gegenwart von Weiblichkeit löckt den weichen Kern, und zum Ausklang zeigt er sich großzügig, ja gnädig. Das ist innerhalb von knapp neunzig Minuten eine bemerkenswerte charakterliche Entwicklung. Doch Männer, die dahinschmelzen, sobald sie das Lächeln einer schönen Frau berührt? Das war, weiß heutzutage jeder, die Kiste für den Dummling, der seiner Ex nach der Scheidung den Nachmittag und Abend des Lebens finanziert. Nein, die Figur ist nicht auf der Höhe der Zeit.

 

Dieser Film, mit Verlaub, ist so gedreht, wie die Landpomeranze sich Großstadt, gar Berlin ausmalt (Regie: Claudia Garde). Erstens: Droge, zweitens: Droge, drittens: Droge. Verwahrloste, aggressive Jugendliche. Todbringende Krankheiten. Verzweifelte allein erziehende Mütter. Heftige Töchter. Aalglatte Anwälte. Wie eben Spießerin und Spießer sich Leben in der Stadt vorstellen: lebensgefährlich.

 

Die so angestrengte Konstruktion – Humor? Was ist Humor? – ist im Endeffekt meilenweit vom wirklichen Leben entfernt, weil erstickend märchenhaft überzeichnet: Krebs im Endstadium, Krach und Versöhnung in der Familie, Selbstjustiz gegen das Böse, Vergebung der mörderischen Untat nebst Begnadigung. Nein, wie herzergreifend letztlich doch alles Üble sich zum Guten wendet. In der Glotze eben. Und dieses überzuckerte Wolkenkuckucksheim-Ende kennen wir üblicherweise vom TATORT überhaupt gar nicht. Dass das Böse bzw. die Übeltäter ratzfatz komplett hinweggerafft sind und das Drehbuch für die Rächer Vergebung und Gnade ausruft?    

 

Noch einmal die Landpomeranze zu bemühen, verbunden mit dem Hinweis, dass selbstverständlich alle, die hier lesen, sich keinesfalls angesprochen fühlen sollen – das Bild, das der Film zeichnet, ist ein naiver Traum von der Welt. So ist sie nicht. Der Kitsch, der uns hier in erhabener Dichte aufgetischt wird, hat mit dem Leben nichts zu tun.

 

Man könnte einwenden, am Sonntagabend trage so etwas zur Entspannung bei. Gut, kann man sagen. Es gab schon Schlimmeres. Kann man auch sagen. Nur, Sie wissen selbst, die TATORT-Reihe zeichnet sich üblicherweise dadurch aus, dass sie lebensnah konzipiert ist, behutsam mit ihren Charakteren umgeht und noch deren Schwächen Anteil nehmend zeichnet. Eine Figur wie Kommissar Ritter, dem ja nicht ohne Absicht dieser mittelalterlich anmutende Name verpasst wird – wie übrigens der Herr Schädlich so heißt, weil er schädlich ist –, die ist in diesem TATORT Welten entfernt vom Leben hier unten, die lebt im Wolkenkuckucksheim.

 

(Ein Vorschlag ans Drehbuch, was die Namen angeht: Kann denn nicht auch der Täter mal »Täter« heißen? Rein der Übersichtlichkeit halber? Zwecks Tarnung mit Doppelkonsonant? Tätter? Doch, Doppelkonsonant ist schwer im Kommen.) 

 

Man muss auf diese Dinge hinweisen, weil die erfolgreiche Marke TATORT der Beliebigkeit anheim fällt. Das kündigte sich vor Monaten an in Das Dorf mit Ulrich Tukur, dem verunglückten Versuch eines Edgar-Wallace-Remake (Ist es wahr, dass dieses armselige Produkt für den Grimme-Preis vorgeschlagen wurde?), findet seine Fortsetzung in diesem Was-uns-die-Brüder-Grimm-erzählen-Exemplar, und alle sind neugierig, wie der umschwärmte Keinohrhase den TATORT gestalten wird. Gibt mehr schlechte Beispiele, leider.

 

Man kann diesen TATORT drehen und wenden, wie man möchte. Er zeigt uns in wohnzimmergerechter Dosierung einen Kreuzzug gegen die wahren Schurken, gegen das wahre Böse. Das kommt uns irgendwie bekannt vor, und falls Sie sich am Sonntag diesen TATORT antun möchten – denken Sie einmal drüber nach.

 

Sie werden eine höchst kaltblütig handelnde Figur finden, die eigenmächtig die Initiative gegen das Böse ergreift, Sie werden an sich selbst erleben, dass der Film emotional so kalkuliert ist, dass auch Sie spontan die Partei derjenigen ergreifen werden, denen noch nach dem dritten Mord die Gesetzeslage schnurzpiepegal ist. Spontan, das heißt immer auch: unüberlegt.

 

So was ist Fundamentalismus des Guten – Mentalität des Mittelalters eben. Oder, lässt sich auch weniger aufgeregt formulieren, es ist Kitsch für die Glotze. Trotzdem noch mal ernsthaft: in diesen Zusammenhang fügt sich die vor wenigen Tagen veröffentlichte Studie Hohle Idole, die Bernd Gäbler im Auftrag der Otto-Brenner-Stiftung ausarbeitete; Gäbler untersucht, wie soziales Lernen in unseren Top-TV-Formaten à la Bohlen, Klum, Katzenberger abläuft. Auch dieser TATORT strebt, scheint's, in diesen zuckersüßen Dunstkreis.

 

Ach, zum rein Handwerklichen noch. Die Bandaufnahme des Notrufs, der gleich zu Beginn des Films erfolgt, wird von den Ermittlern nach zweiundvierzig Filmminuten angefordert. Schlampige Ermittlung? Ja, auch. Mehr noch: eine Bredouille des Drehbuchs. Denn die genaue Prüfung der Bandaufnahme gibt den entscheidenden Hinweis auf den Täter (den übrigens, wer hinsieht, längst enttarnt hat). Korrekt arbeitende Ermittler hätten den Fall nach der Hälfte der Zeit gelöst. Aber TATORT muss neunzig Minuten dauern, klar. Sei's drum.

 

Und: Zum Hinterherlaufen hab' ich noch nichts gesagt. Sag' ich jetzt auch nix. Genug ist genug. Schaun Sie selbst. Der echte Fernsehfreund lässt sich den TATORT eh nicht vermiesen. 

 

TATORT gibt sich übrigens viel Mühe mit der Zeichnung seiner Ermittlerfiguren. Till Ritter wird uns als Galionsfigur einer Selbstermächtigung des Guten präsentiert, seit 2002 laufen die lustigen Münsteraner über den Flachbildschirm, seit 2008 kennen wir den sympathischen und immer etwas galligen Andreas Keppler (MDR), seit 2010 den tumorig delirierenden Felix Murot (HR), seit 2011 den rotweinaddikten Frank Steier (HR), seit neuestem den schwer biographiegeschädigten Peter Faber (WDR) – ein Kuriositätenkabinett.

 

Dazu kommen im Polizeiruf seit 2011 der haftentlassene Alexander Bukow (NDR) und der phlegmatische Achtung-Doppelkonsonant-Hanns von Meuffels (BR). Sie erinnern sich? Das ist der phlegmatisch gestylte Charakter, der sich vor zwei Wochen wie ein Ffels in der Bbrandung durch Kkrankenhausflure schleppte. Doppelkonsonant am Wortanfang nennen wir übrigens: benachteiligte Anlaut-Artikulation. Neulich durfte man noch Stottern dazu sagen. Gut, gut, nur keine Aufregung. Alles in allem handelt es sich um dekorativ geschnitzte Charaktere, gewiss, doch es würde uns genügen, dass sie einen Mord aufklären. Gegen eine grenzwertige Ermittlerfigur wäre nichts einzuwenden, doch zurzeit kommt es zahlreich.

 

Von den Skandinaviern ließe sich abkupfern, wie alltagstaugliche Ermittler ihren Fall in einem Kriminalfilm lösen, der gezielt auf Spannung gestrickt ist. Am zweiten Weihnachtstag läuft eine neue Folge der Kripo Göteborg mit Irene Huss. Die Schweden führen vor, wie eine Ermittlerfigur gänzlich ohne Macken einen straff geführten und spannenden Fall löst. Auch die dänische Kommissarin Lund gibt eine lobenswerte Vorlage für heimische »Filmemacher«. 

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