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TATORT (NDR) - Borowski und der stille Gast (9. September)

07.09.2012

»Leichen und Zerhacktes und Hirn aufm Teppich«

Diesmal wird uns ein TATORT gezeigt, in dem der Täter frühzeitig bekannt ist; er darf fast neunzig Minuten lang sein Unwesen treiben. – Ein verzweifelter Anruf alarmiert den Kieler Polizeinotruf. »Er ist in meiner Wohnung. Er kommt einfach durch die Wand.« Die Anruferin, eine junge Frau, wird ermordet in ihrer Wohnung aufgefunden. Obwohl die Wohnungstür verriegelt war und der Täter keinerlei Spuren hinterließ, scheint er beim Opfer ein- und ausgegangen zu sein. Als hätte er heimlich bei ihr gewohnt, ihr anonym Geschenke gemacht – ein bisschen psycho ist das schon. Von WOLF SENFF

 

Der Film legt keine falschen Spuren, sondern zeigt die Suche nach dem Täter (Autor: Sascha Arango). Verständlich, dass das Geschehen dadurch gradlinig wird, zielgerichteter als gewöhnlich. Der Film hat einige schnelle Übergänge, die diese Tendenz unterstützen; möglicherweise arbeitet hier ein dänisches Vorbild – »Kommissarin Lund« lief gerade mal wieder auf arte. Mit der musikalischen Begleitung (Musik: Michi Britsch) allerdings hapert es, die selten treibt, sondern sich zumeist recht behäbig, zögerlich anlässt.

 

Es fällt nicht leicht, sich in die Welt des gestörten Täters (Lars Eidinger) einzufühlen, zumal uns keine Allerweltsfiguren geliefert werden. Der Täter ist ein vielschichtiger Charakter. »Ich bin kein schlechter Mensch.« Er wandelt sich, zeigt verschiedene Facetten einer in ihrem Bezug zum Leben kolossal gestörten Persönlichkeit. Weil der Film auf diesen Täter angelegt ist, nimmt diese Figur breiten Raum ein, und die Sichtweise, ihn nicht in die böse Ecke zu stellen, sondern ihn neutral zu beobachten, überzeugt und überlässt das Urteil dem Zuschauer (Regie: Christian Alvart).

 

Das uns so ans Herz gewachsene Hinterherlaufen ist in der Saison 2012/2013 offenbar völlig von gestern. Na ja, die Kommissare werden nicht jünger. Zähneputzen liegt diesmal im Ranking ganz vorn. Letzten Sonntag standen die Kölner mit Zahnbürsten am Waschbecken, und auch diesmal ist sorgfältige Mund- und Rachenpflege der Liebling der Herzen.

 

Der Kieler hätte Humor? Man glaubt ihm das kaum. Der in die Jahre gekommene Passat von Borowski (Axel Milberg) ist ein wohlgefälliger Kontrast zu den Ami-Protzen, die sonntagabends sonst durch unsere Flachschirme kurven, und Borowski pflegt sein libidinöses Verhältnis zu diesem rostigen Gefährt, das ihn schmählich im Stich zu lassen droht – er zahlt es ihm erbarmungslos heim. Die enttäuschte Seele ist zu allem fähig. Außerdem: Eine U-Bahn fährt durch Behördenflure, auch das ereignet sich nicht alle Tage. »Wie lange war ich weg? Ich hab noch die U-Bahn kommen sehen« (Sibel Kekilli als Sarah Brandt). Nein, nein, das ist kein Durcheinander. Es fügt sich.

 

Und nein, das Leben erschöpft sich keineswegs darin, dass eins und eins zusammengezählt werden. Der Film spannt sich, er testet Grenzen aus wie ein Frühjahrssturm, der uns aber gewaltig ins Zelt braust und sich doch damit abfinden muss, dass das Gewebe hält. So ein Sturm belebt, es herrscht  frischer Wind, wir dürfen großzügig sein mit diesem TATORT. Ja, sicher, gleich von Anfang an. Denn in der ersten Viertelstunde am Tatort ermitteln die Kommissare in gnadenlos grauen Plastikoutfits und stellen unsere Geduld ultimativ auf die Probe. Absolut tödlich. Da muss der Zuschauer erstmal durch. Wie gesagt: unterkühlter norddeutscher Humor. Ganz weit oben auf der Skala der Dinge, die liebenswert sind.

 

Es gibt mehr davon, und dieser Film schult unseren Blick. Borowski zum Beispiel, Borowski ist angefressen, der heftige Alltag steht ihm bis Oberkante Unterlippe: »nur Leichen und Zerhacktes und Hirn aufm Teppich«. Würde man wohl allenfalls widerwillig tauschen.   

 

Dieser TATORT treibt‘s noch weiter. Er führt uns gestandene Nachbarn vor, ein Ehepaar von echtem Schrot und Korn. Sogar das legt der Norddeutsche unter Humor ab.

»Ich weiß, ich bin zum Kotzen« – ehrlich währt, wie man nun mal weiß, am längsten. »Also draußen bin ich Jenny und sonst bin ich Roswitha« (Peri Baumeister als Roswitha Kranz). Man weiß auch: Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als Schulweisheit sich träumen lässt.

 

Im übrigen, ich geb‘ das gern zu, war ich nie ein besonderer Anhänger von Axel Milberg. Wie entschlossen er allerdings seine Figur Borowski diesmal aus Zwängen und Gewohnheiten befreit – das beeindruckt. Ebenso, wie er mit Roland (Thomas Kügel als Roland Schladitz) umgeht: »Du kannst hier wohnen, bis du geschieden bist«.

 

Der Kieler TATORT wirkt zügig gedreht, er überlässt dem Zuschauer die eine oder andere kognitive Verknüpfung, so beim Ableben der erwähnten Roswitha. Ein weiterer, mutiger Schritt wäre ein noch deutlich beschleunigtes, den Zuschauer mitreißendes Tempo, im Kino vor kurzem zu sehen im Finanzhai-Thriller Overheard 2 (Alan Mak/Felix Chong, Hongkong 2011) – von dem wir lernen: In Kiel wie in Hongkong schätzt man den feinen, stillen Humor.  

 

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