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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 24. Mai 2017 | 15:31

     

    Der Oster-Doppel-TATORT - Kinderland (MDR) & Ihr Kinderlein kommet (WDR)

    06.04.2012

    Kinderland ist abgebrannt

    Ist das Elend so groß? Wir müssen diesen beiden österlichen TATORT-Folgen wohl recht geben, letzten Endes. Die erste spielt in Leipzig, die zweite in Köln. Aber der Reihe nach. Mit einem Mädchen, das tot aufgefunden wird, Lisa Noack, lernen wir die Parallelwelt Leipziger Kinderstrich kennen, die einen Anlaufpunkt bietet, »wenn man so wenig wie möglich mit der beschissenen Welt der Eltern zu tun haben will« (Martin Wuttke als Hauptkommissar Andreas Keppler). Auch Anna Römer (Lotte Flack), von ihrer Mutter als vermisst gemeldet, findet sich ein. Von WOLF SENFF

     

    Oder so: »Wenn Sie in Deutschland einen herrenlosen Hund auf der Straße finden, dann kümmern sich sofort zehn Leute um den. Kinder, die in unserem Land auf der Straße leben, die müssen betteln, stehlen oder anschaffen gehen, so einfach ist das.« (Hendrik Duryn als Gerd Tremmel). Während unsere mainstream-Parteien sich schulterklopfend in Lob über die Zustände im Lande schöntun und der unbedarfte Bürger sich den Luxus leistet, politisch völlig ahnungslose Piraten in die Parlamente zu hieven, darf man sich darüber freuen, dass ein Krimi die Welt derjenigen, die im Schatten leben, in den Glanz der Glotze zieht (Buch: Jürgen Werner).

     

    Nun wird man, je länger man die Zustände in Tremmels Familie kennenlernt, die Klage des Vaters desto zurückhaltender genießen. Abgründig, diese Familie; es verschlägt einem die Sprache, dass bei diesem emotionalen Vakuum sich die formale Fassade aufrecht hält. Realismus im Film nennen wir das (Regie: Thomas Jauch), und es tut gut, wenn wir, gleichsam vor den Kopf gestoßen, den eigenen Blick auf die Welt neu justieren.

     

    Muss Eva Saalfeld (Simone Thomalla) Westernstiefel tragen? Ist das doch normalerweise das Fußkleid von Freddy Schenk (Dietmar Bär). Den letzten Auftritt der Familie Tremmel darf man für grenzwertig halten. Heikel, ja, jedoch grandios inszeniert. Ein Augenöffner.

     

    Lob für die Hartz IV-Szene mit Marianne Noack (Katrin Filzen), für konzentrierte Dialoge mit Witz, für Sohn Paul Tremmel (Leonard Proxauf), fürs Hinterherlaufen mitsamt Kepplers lakonischer Begründung: »Du bist gelaufen. Allein das ist schon ein Schwerverbrechen.« Der Einzug der Kölner Ermittler in Leipzig ist zauberhaft karnevalesk, so in Lincoln-Karosse zu country-sound, und schön zu sehen auch die Zeitrafferszenen des Leipziger Bahnhofs und der Rheinbrücke Köln, gleichsam Pausenzeichen. Die Musik (Karim Sebastian Elias) ist angenehm eingesetzt: auch mal Klavier, auch mal Streicher. Apropos Bahnhof Leipzig: Wird da nicht demnächst ein U-Bahn-Teil versenkt? Wird ordentlich Geld in die Taschen fließen.

     

    Anna Römer (Lotte Flack) setzte sich zum Schluss des ersten Teils verzweifelt aus Leipzig ab, und im Kölner Mordfall Sarah Stellwag wurde bislang kaum ermittelt. Der Kölner Teil Ihr Kinderlein kommet folgt einer veränderten Dramaturgie. Der Witz ist aus den Dialogen heraus, sie bleiben knapp und zielsicher.

     

    Zusätzlich werden Mädchenleichen aus dem Rhein gefischt, die Ermittler sind unter Zeitdruck, die Handlung dreht auf: Anna wird vermisst, sie ist in Händen des Täters wie zuvor die ermordeten Opfer. Der Täter – nicht sein Name – ist dem Zuschauer von Anfang an bekannt, und wir folgen den Kommissaren, die die Verdächtigten überprüfen, einen nach dem anderen.

     

    Ein Krimimuster mit klassischer Spannung, bei dem für Nebenhandlungen nicht allzu viel Platz bleibt. Dennoch wird das Ehepaar Röpke eindrucksvoll inszeniert, das – auch hier wird kontrapunktisch zur ersten Folge gearbeitet – aus der völligen Zerrüttung einen Weg zurück in balancierte Bahnen findet.

     

    Viel Feingefühl wird in die Ausgestaltung der Episodenfiguren gelegt. Nein, keine billigen Schablonen wie letzten Sonntag jener nach Sarrazins Anleitung geschnitzte Taxifahrer, sondern widersprüchliche Figuren. Anna Römer zum Beispiel, die wir als ein selbstsicheres Mädchen kennen, die aber in Ohnmacht erstarren kann und hilflose Szenen hat. Krasser noch ist David Schmelzer (Josef Heynert) in seiner Widersprüchlichkeit, seinen bodenlosen Ängsten, seiner Falschheit – ein typischer Zeitgenosse, der sich mutterseelenallein durch die Fährnisse des Lebens kämpft.

     

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