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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. April 2017 | 19:46

    Ulrich Matthes mit Schiller-Balladen unterwegs (im Schauspielhaus Frankfurt)

    03.11.2012

    Ferne Klänge

    Schiller-Balladen? Das sind für uns aus dem späteren 20. Jahrhundert Herübergekommene ziemlich ferne Klänge geworden. Die Glocke – kaum jemand kennt sie noch – eine Witznummer…(?) Ulrich Matthes, der große Schauspieler, macht sich und seinem Publikum eine Freude und geht auf Entdeckungsreise. Hin zu den Schiller-Balladen. Mal sehen, was an ihnen noch dran ist. Nicht zum ersten Mal fand er damit nun auch im Schauspielhaus dankbare Hörer, alte und junge. Und jüngste: einige Kinder, die er in seiner lockeren Begrüßungsrede eigens ansprach und zu »Ehrengästen« erklärte. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH

     

    Schillers Balladen: eine bunte Versammlung von Texten. Relativ Schwieriges darunter, was sich nicht so glatt unter einen großen rhetorischen Bogen bringen lässt. Auch Matthes’ Kunst tat sich nicht leicht damit, bei den  umständlichen, mit griechischer Mythologie vollgestopften Exkursionen Glück oder Spaziergang die eingefangene Aufmerksamkeit über weite Strecken bis zum Schluss festzuhalten. Das gelang bei der besonders langen, mehr als zwanzigminütigen  Glocke besser, weil sie denn doch prall gefüllt ist mit »Handlung«: Der Glockenguss, als erzähltes Geschehen schon aufregend genug, ist ja nur der Rahmen für eine bürgerlich-weltschöpferische Universal-Vision, in der sich realistische Darstellungselemente mit Reflexionen und säkularisiertem Predigtton könnerhaft mischen – bis hin zu den Warnungen vorm entfesselten politisierten Pöbel und dem Preis der »Ordnung« als geheiligter »Himmelstochter«.

     

    Um 1968 herum tönte das nach Spießertum und tausendjährigem Muff – dabei hatte Schiller ganz frisch die terroristischen Auswüchse der französischen Revolution im Blick, die er den deutschen Landsleuten ersparen wollte. Stattdessen  träumte er von Klassenversöhnung mit dem aufgeklärten Adel und konfrontierte diesen unentwegt mit den bürgerlichen Tugenden. Am leuchtendsten (wenn auch nicht einleuchtendsten) in der »Bürgschaft«, wo der Tyrann am Schluss, eines himmelhohen Beweises von Freundestreue ansichtig, selbst zum überzeugt guten Menschen wird. Das war bei Schiller ein Appell, eine Utopie.

     

    Besonders populär wurden die Balladen, in denen eine spannende Geschichte erzählt und deren »Moral« nicht allzu lehrhaft herausposaunt wurde – wie beim anekdotenhaften Handschuh mit der meisterhaften Schilderung dreier Großkatzensorten in einer Arena (Anspielung auf das sittenverrottete alte Rom) und der zynischen Anmutung einer vornehmen Dame, die ihren Verehrer unter die Bestien schickt, dafür aber vom Geprüften keine untertänig-chevalereske Antwort erfährt, sondern eine moralische Abfuhr: Der selbstbewusste Bürger erwehrt sich blaublütiger Frivolität. Manchmal gehen mit Schiller aber auch noch die antiken Gäule durch, so etwa, wenn er in den beliebten Kranichen des Ibykus die christlicherseits möglichst überwundene Rache feiert. Matthes ist bei seiner Lesung so freundlich, entlegene mythologische Bildungsvokabeln zu erklären. Doch auf »Interpretations«-Versuche jeglicher Art, auf  moderierende Anbiederung, verzichtet er konsequent.

     

    Bekanntlich implizierten frühere Vorträge von Schiller-Balladen das Pathos und den durchgehaltenen »hohen Ton«. Die donnernde, bellende, Konsonanten hackende oder auch »glockige« Schauspielerstimme war der Inbegriff von »Sprechkultur«. Derlei ist natürlich nach den Stilbrüchen und Ausnüchterungen des 20. Jahrhunderts nicht mehr möglich. Gerade in der gegenwärtigen Gestalt des Regietheaters (sicher auch keiner »ultimativen« Theaterform) scheint es opportuner, zu brüllen oder zu flüstern, als »gepflegt« und schlichtweg wortverständlich zu sprechen. Der Rekurs auf Schiller-Balladen könnte durchaus auch als Korrektiv zu solchen modischen Theaterbräuchen verstanden werden, auch als ein Weg, so etwas wie eine neue »Sprechkultur« zu entwickeln. 

     

    Dem Soloabend von Matthes war die Lust anzumerken, selbstbestimmt und ohne Dreinreden eines Inszenators sein Sprechvermögen zu exponieren. Das hatte ebenso Züge von unprätentiöser Präsenz wie von elaborierter Kunstfertigkeit. Lustvoll also ging Matthes mit heller, klarer Tenorstimme und sparsam unterstreichender Gebärdik dem leichthin Narrativen nach, der gerne versachlicht-unterkühlt mitgelieferten »Botschaft«, dem immer wieder aber auch umso aufgeheizteren dramatischen Potential. Und manchmal (Glück, Glocke, Spaziergang) balancierte er auch recht kühn und quasi polyphon mit mordsmäßig aufgetürmten Gedankenfrachten und Komplexitäten.

     

    Ein einziges Mal trat er gleichsam zurück und wagte so etwas wie einen »Kommentar« – indem er darauf verwies, dass die jüdische Dichterin Ruth Klüger in den Konzentrationslagern Theresienstadt und Auschwitz sich am Leben hielt, indem sie für sich die auswendig gelernten Schiller-Balladen memorierte. Ein eindringlicher Beweis für die »Brauchbarkeit« solcher Kunst. Dazu las Matthes das Schillergedicht Hoffnung, die einzige Nicht-Ballade des Abends. Ein Gedicht im Geiste Ernst Blochs und seines »Prinzips Hoffnung« – einer marxistisch getönten Utopie, ebenso nah und fern zugleich wie die frühbürgerlichen Utopien Schillers.

     

    Foto: Scott-Hendryk Dillan (Lizenz: CC-BY-SA 3.0)

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