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    Sonntag, 20. August 2017 | 23:10

    Jürgen Schitthelm: 50 Jahre Schaubühne 1962-2012

    28.09.2012

    Von Ganz bis Eidinger

    Der von Jürgen Schitthelm herausgegebene Jubiläumsband 50 Jahre Schaubühne 1962-2012 lässt THOMAS ROTHSCHILD in Erinnerungen schwelgen.

     

    Mit jedem neuen Intendanten, mit jedem neuen Ensemble ändert ein Theater sein Profil, um nicht zu sagen: seine Identität. Nur wenigen Häusern gelingt es, zu einer Marke zu werden, die als solche alles überragt, was in ihnen stattfindet, und von diesen wenigen sind fast alle alte ehrwürdige Institutionen – wie das Burgtheater, die Comédie-Francaise oder das Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm; das ja, eigentlich irreführend, ein Gebäude bezeichnet, denn mit Brechts Ensemble hat das von Peymann wenig gemeinsam. Die Berliner Schaubühne besteht erst 50 Jahre, stellt aber eine der wenigen Ausnahmen dar, die wie die genannten älteren Einrichtungen zu einem international bekannten Begriff geworden sind, obwohl sie in der vergleichsweise kurzen Zeit sogar die Adresse gewechselt hat. Am Halleschen Ufer gegründet, wohnt sie seit 1981 am Lehniner Platz, wo sich Peter Stein den historischen Mendelsohnbau nach seinen Vorstellungen eines zeitgemäßen Theaters umbauen ließ. Es ist also keine Hochstapelei, wenn nun zum fünfzigsten Geburtstag ein prachtvoller Band im Hochformat erschienen ist, der die (bisherige) Geschichte der Schaubühne dokumentiert.

     

    So wenig 50 Jahre in der Geschichte des Theaters sind, so viel sind sie gemessen an einem Menschenleben. Nur noch wenige werden die ersten Inszenierungen an der Schaubühne gesehen haben. Für sie ist der Band eine Gedächtnisstütze, eine Auffrischung verblasster Erinnerungen. Für die Jüngeren müssen die Bilder ersetzen, was auf der Bühne naturgemäß anders gewirkt hat. Dennoch: Theaterfotos können Gesichter, Haltungen, Konstellationen von Menschen im Raum, auch Bühnenbilder vorstellen. Sie können ein Bewusstsein von der Geschichtlichkeit wechselnder Bühnenästhetiken stärken. Die Abbildungen sind die eigentliche Botschaft dieses Kompendiums. Besetzungslisten und ausgewählte Kritiken ergänzen sie. Freilich: die Besetzungen sagen einem nichts, wenn man die Schauspieler, Regisseure, Bühnen- und Kostümbilder und Musiker nicht kannte. Zudem: Was ist Libgart Schwarz ohne ihre unverwechselbare Sprechweise, was Otto Sander ohne seine Stimme? Die Kritiken wiederum geben eine subjektive Sicht wieder. Die Bilder lassen die Sicht des Betrachters zu. Niemand funkt dazwischen. Auch die Kameras verzichten, anders als bei nervigen Fernsehübertragungen, meist auf exotische Positionen. Der Blick gleicht meist jenem eines privilegierten Zuschauers in der Mitte einer vorderen Reihe.

     

    Das Herz wird einem schwer

    1970 beginnt die Intendanz Peter Stein, und gleich das erste Bild aus dieser Epoche dokumentiert eine Legende: Therese Giehse als Brechts »Mutter«, mit der roten Fahne, vor den Genossen, ins Publikum blickend. Eigentlich erzählt dieses Foto die ganze Geschichte. Ein zweites Foto, das sich über zwei Seiten erstreckt, zeigt die Positionierung der Spielfläche inmitten der Zuschauer. Peer Gynt, die Optimistische Tragödie, Prinz Friedrich von Homburg – das Herz wird einem schwer, wenn man sich an ein Theater zurückerinnert, in dem der Hang zur Gigantomanie der Ernsthaftigkeit der Aussage nicht im Wege stand. Das war die Zeit, als Susan Sontag das deutsche Theater als das beste in der Welt pries.

     

    Da auf Fotos die Bewegung fehlt, drängt sich das Bühnenbild manchmal in den Vordergrund – etwa das berühmte Birkenwäldchen in den »Sommergästen«. Worin sich Stein, Grüber, Bondy oder Robert Wilson, später dann Andrea Breth als Regisseure unterscheiden, kann man nur ahnen. Aber Schauspieler werden teilweise sehr präsent. Manche Bilder prägen sich ein: Jutta Lampe und Bruno Ganz in Hamlet, Minetti als Lear, Ulrich Wildgruber und Angela Winkler in Grübers Inszenierung von Iphigenie auf Tauris.

     

    Mit Sasha Waltz zog 1999 das Tanztheater in die Schaubühne, und mit dem Tanztheater kommt eine eigene Form der Theaterfotografie. Sasha Waltz' Kodirektor Thomas Ostermeier brachte aus der »Baracke« in Ost-Berlin Elemente des Off-Theaters mit, die man den Fotos des Bandes zum Teil ablesen kann. Der neue Star der Schaubühne heißt Lars Eidinger. Er ziert auch den Umschlag des Bildbandes. Warum sich zur Katze auf dem heißen Blechdach kein Foto mit Josef Bierbichler finden ließ, weiß wohl nur der Herausgeber. Dafür sieht man ihn dann als John Gabriel Borkmann. Die Dokumentation endet mit der Spielzeit 2011/12. Für Alvis Hermanis' umstrittene, aber gewiss fotogene Bearbeitung von Eugen Onegin blieb gerade noch Platz, wenn auch zu wenig.

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