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"Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert

22.05.2012

Der Maler als Denkmaschine

Es geht um einen sprechenden Maler, und eben darum beginnt und endet es sprachlos mit Hörbarem: zu Anfang dem Geräusch des im Tauchsieder sich erwärmenden Wassers, anschwellend erst und nah dem Siedepunkt wieder abebbend; am Schluss mit »Casta Diva« und der bereits vorher einmal kurz erwähnten Maria Callas. Tja, einen schöneren Schluss kann man sich für ein 90 Minuten-Stück, in dem eigentlich nur geredet wird, kaum wünschen. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH

 

Es geht um den Jahrhundert-Maler Francis Bacon und seinen immensen Interviewtext mit David Sylvester. Aus diesem wuchernden, wabernden Sprachkorpus destillierte  Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese, ein erfahrener Stoffbearbeiter und Dramatisierer, ein Stück für zwei Schauspieler. Doch diese stellen nicht den Maler und seinen Gesprächspartner nach; das wäre eine banale Realitätsabbildung. Vielmehr verteilen sie Bacons Wort- und Persönlichkeitsanteile (diejenigen Sylvesters werden eliminiert) unter sich auf.  Die enorm präsent und intelligent anmutenden Darsteller Rentzsch und Tremmel verkörpern, in Reeses schnörkellos deutlicher Personenführung, also alle beide den Maler und sein Denken, was dergestalt eine irritierende und bohrend »schizophrene« Konstellation ergibt. Natürlich spielen die zwei nicht miteinander, aber sie unterbrechen und widersprechen sich und imaginieren plausibel das Uneindeutige und Wetterwendische in den Auslassungen dieses Malers, dessen modernes Ich gleichsam immerzu in ein Anderes springt.

 

Martin Rentzsch sieht zwar nicht aus wie Rimbaud, aber doch ein wenig wie Jean Genet, ein anderer berühmter Dichter, und man traut ihm die kreative Intellektualität zu, die sensible Zerbrechlichkeit, das ästhetische Wägen und Wagen, auch in seinen zögernden, stockenden, abbrechenden Wendungen, in den eher behutsamen Gängen, im denkenden Schweifen und Verweilen. Der als deutlich jünger markierte Viktor Tremmel in figurbetonend enger Hose/Pullover-Kombination (Kostüme: Dorothee Joisten) hat den lebhafteren, aggressiveren Part, und zweimal wird er gewalttätig: beim unglaublich plötzlichen Faustschlag auf eine pralle Apfelsine, die er zu Matsch macht (Orange, die Lieblingsfarbe Bacons) und – etwas weniger exzentrisch und fast schon notorisch aktuelle Theateringredienz – beim Zertrümmern eines Holzstuhls. Mit überschminkten Lippen, weiteren rotfarbigen Gesichtsbemalungen  und häufigem Grimassenschneiden ins Publikum wie vor einem unsichtbaren Spiegel demonstriert er das Clowneske, die posierende Selbstdemontage, die Bacons Suada aus sich herauszuschleudern scheint.

 

Bacon Talks – Reeses Titel zu diesem existentialistischen Exerzitium in einem Bildersaal des Frankfurter Städel (er könnte vom Ausstellungstitel Fashion Talks im Kommunikationsmuseum gleich nebenan am Mainufer inspiriert sein) darf auch mit »Schinkengespräch« übersetzt werden, und in der Tat lässt sich sagen, Bacon habe nichts als Schinken gemalt, auch wenn es Gesichter werden sollten. Das Fleisch, das verwundete Fleisch, blieb seine Obsession. Und indem er pures Fleisch malte (nicht nur die bei den Metzgern aufgehängten Tierleiber), dann mit der irren Absicht, dessen schriller, schwärender Farbigkeit den ultimativen Schrei (Munchs Urschrei, transponiert zum ewigen Leidensschrei des ins Leben geworfenen fleischlichen Seins) zu entringen. Ansammlungen von Bacongemälden auf engem Raum ähneln einem Nudistenstrand, wo sich die Animation an der Abschreckung bricht und die Schaulust leicht in Ekel abkippt. Den Geschmack des nackten Fleisches vermittelt zwischen sinnlicher Attraktion und quälendem Überdruss auch Bacons (theatralisierte) Sprache.

 

In dem nur mit wenigen Zuschauerreihen (für zirka 70 Theaterbesucher) bestückten weißgetüncht rechteckigen Saal war der größte Raumanteil den beiden Schauspielern und ihren peripatetischen Läufen (rechts an der Wand eine Art Schmuddelecke mit etlichen  Utensilien, darunter Wasserkocher und Musikabspielgerät) vorbehalten. Und als Einstimmung auf Bacon gab es ganz im Hintergrund, fast wie eine Mystifikation, ein einziges, aus der Entfernung nur lapidar als der Formenwelt dieses Malers zugehörig erkennbares Bild,  die »Studie für die Krankenschwester in dem Film Panzerkreuzer Potemkin von Eisenstein«. Ein schlichtes weißes Podium im Vordergrund diente etlichen Sprechpassagen gewissermaßen als Ausrufzeichen (Raumgestaltung: Hansjörg Hartung).

 

Das dramatische Potential dieses gewaltigen inneren Malermonologs resultiert aus der Radikalität des Bacon’schen Denkens, und es ist Reeses Verdienst, das erkannt und in einem spannenden Theaterabend mit exzellenten Schauspielern freigelegt zu haben. Ähnlich wie Alberto Giacometti exemplifiziert Bacon einen Künstlertyp des (nun späteren) 20. Jahrhunderts, der den emphatischen Glauben an »die Kunst« und an das Sinnvolle seines Tuns verloren hat. So ist er auch zu keiner Meisterpose, keinem souveränen Selbstgenuss mehr fähig (abgebrochen ebenfalls die produktiven Oszillationen zwischen Kunst und Erotik, wie sich aus den homosexuell gefärbten Textstellen heraushören lässt). Der Maler, eine unablässig brütende, ratternde  Denkmaschine, ihrer eigenen Motorik gegenüber misstrauisch bis hin zum zerstörerischen Wutausbruch (oder zu Tremmels aberwitzig-dionysischem Tanzexzess, von dem er noch eine minutenlang in seine nächsten Sprechpassagen hineinreichende Atemlosigkeit beibehält). Zweifel überall und an allem. Bacon beruft wiederholt den Zufall, eine wahrlich ungriffige göttliche Instanz. Verzweiflung? Nihilismus? Einmal blitzt er dann aber auch in all der hoffnungsvollen Größe auf, jener  berufene Intervall Leben zwischen den beiden unendlichen Großstrecken des Noch-nicht-Seins und des Nicht-mehr-Seins. Und so berührt den Theaterbesucher, der diesen monologischen Kampf eines Denkenden mit sich selbst wahrnimmt, der »Sinn« einer Reflexion, in der die Essenz menschlichen Lebens überhaupt aufscheint : da zu sein, um etwas zu tun, und etwas zu tun, um  da zu sein.

 

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