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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 21. August 2017 | 06:38

    "Publikumsbeschimpfung" im Kölner Horizont Theater in einer Inszenierung von Volker Hein (Premiere: 20.04.2012)

    24.04.2012

    Sie haben sich etwas erwartet

    1966 wurde Peter Handkes Sprechstück Publikumsbeschimpfung in Frankfurt uraufgeführt. Für viele, der damals Anwesenden stellte das Stück einen persönlichen Affront dar. Bis heute wird es in regelmäßigen Abständen neu inszeniert und muss sich immer wieder der Frage nach seiner eigenen Daseinsberechtigung stellen. Lässt sich das Publikum noch beschimpfen? Dominiert die Reflexion übers eigene Medium den Theaterbetrieb nicht in ausreichendem Maße? Wurde die vierte Wand nicht schon vor langer Zeit zertrümmert? Von JULIA ARIANE REITER

     

    Volker Hein umgeht mit seiner Inszenierung der Publikumsbeschimpfung diese großen Fragen des Theaters und rückt die Interaktion der vier DarstellerInnen (Anne Gehrig, Christine Wolff, Andreas Strigl, Sunga Weineck) in den Vordergrund. Die Bühne wird nicht zum Ort der Proklamation von Tatsachen, die Zuschauer werden nicht von der Scharfsinnigkeit der SchauspielerInnen bezwungen, sondern das Publikum wird vielmehr zum (nicht in allen Fällen) stummen Zeugen eines gemeinsamen Erkenntnisprozesses. Der Text wandelt sich zum lebhaften Gespräch und bildet die Beziehungen zwischen den einzelnen Figuren ab.

     

    »Statt Sie könnten wir unter gewissen Voraussetzungen auch wir sagen.« Leider sind diese Voraussetzungen nicht während des gesamten Stückes gegeben; zu oft scheinen die DarstellerInnen die Anwesenheit des Publikums zu vergessen, zu überzogen, zu grell, zu narzisstisch ist das Spiel. Immer wieder kämpfen sie um die Kontrolle, möchten Blicke bannen und Reaktionen erzwingen. Interaktion mit dem Publikum, Slapstick, Mundart... Dem Text wird viel abverlangt; er wird geschrieen, gesungen, gestottert, geweint, scheinbar vergessen. So unterhaltsam diese Arbeit am Wort auch ist, so sehr büßt der Text seine eigene Wortgewalt ein. Pointen verlieren sich,  Ironie wird von übertriebener Komik überdeckt  und das Bühnengeschehen verkommt oftmals zur Posse.

     

    Der letzte Teil des Stückes, also die eigentliche Publikumsbeschimpfung, ist dagegen sehr originell:

    Ein Tonband spielt die Stimmen der vier DarstellerInnen ab, die unisono Schimpfwörter vorlesen. Unter den Schimpfwörtern finden sich zum Teil Originale aus dem Text, aber auch neuere Beschimpfungen wie zum Beispiel »Wutbürger« und »Feiertagsmoslem«. Parallel projiziert ein Beamer in schönster Clockwork Orange Manier Fotos im schnellen Stakkato auf eine Leinwand. Zu sehen sind unter Anderem Joseph Ratzinger, Karl Marx mit Augenklappe, Thilo Sarrazin, ein sich übergebender Harald Schmidt, Mitwirkende vom Dschungelcamp und Angela Merkel mit Hitlerbart und Hakenkreuz. Und dann geschieht das Unfassbare: das Publikum fühlt sich beschimpft! 1966 bedurfte es des direkten und persönlichen Angriffs, 2012 ist das Publikum erbost, wenn die medial vermittelten Vorbilder beschimpft werden. Handke schrieb: »Hier wird Ihnen mitgespielt«. Volker Hein sorgte dafür, dass es passierte.

     

    Insgesamt erscheint die Inszenierung sehr heterogen. Der Text wird in einer Weise bearbeitet, die seiner eigenen inneren Logik widerspricht; Handke wird gegen Handke gelesen und »theatralisch« avanciert zum neuen »naturalistisch«. Letzten Endes aber bringt es Handke selbst auf den Punkt: »Sie haben sich etwas erwartet, Sie haben sich vielleicht etwas anderes erwartet.«

     

     

    Fotos: Wolfgang Neumann

     

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