Zugegeben, Aleksandr Borodins Fürst Igor ist von den drei großen russischen Musik-»Volksdramen« (die beiden anderen sind Mussorgskijs Boris Godunow und Chowantschtschina) das dramaturgisch brüchigste und inhaltlich naivste. Auf dem halbmythologischen »Igorlied« basierend, feiert die Handlung den unbeirrbaren Widerstand eines mutigen russischen Adligen gegen die räuberische Landnahme der tatarischen Polowezer. Nur haarscharf und zufällig (durch den Verrat eines Polowezers) kommt Igor aus der – übrigens generös gehandhabten – Gefangenschaft der Feinde frei, aber seine Rückkehr erhält den Nimbus eines Triumphes und einer entschlossenen Staatsgründung.
Die Bedrohung aus dem Osten, der Orient als Feindbild – das war entscheidend an der Ausbildung russischer ethnischer Identität beteiligt. In vielen russischen Partituren geistert der lockende Zauber des Ostens – am nachdrücklichsten ist er in Rimskij-Korssakows Scheherazade präsent. Die orientalischen Mysterien erzeugen Furcht, aber auch Faszination. So macht sich in Borodins Fürst Igor schon kurz nach der szenischen Exposition die farbsatte, fremdartig vitale Sphäre der Polowezer breit. Dieser ausgedehnte Akt mit zahlreichen (oft chorisch illuminierten) Tanzepisoden ist Prachtstück und Hauptattraktion der Oper. Danach haben es die musikalisierten Handlungsstränge um Igor, seinen in eine Polowezerin verliebten Sohn Wladimir und den - krassesten Sinnenfreuden zugetanen - Schwager Galitzkij schwer, sich noch drei lange Akte durchzusetzen.
Gutmütig verstanden, arbeitet Regisseur David Pountney in Zürich daran, den dumpfen Patriotismus des Stoffes zu hinterfragen und den barbarischen Charakter der Polowezer schonungslos zu zeigen. Es wird in deren Lager wüst gefoltert und gemordet. Die Tänze werden zum Anlass, auf grausame Art Gefangene zu quälen. Das geschieht freilich durchaus nicht ohne balettöse Eleganz. Sehr erfinderisch lenkt Choreograph Renato Zanella diese Szenen ins lustvoll Makabre, so dass der grelle Theatereffekt zum Zuge kommt. Geht es der inszenatorischen Optik (auch den lapidaren Bühnenbildern von Robert Innes Hopkins, den Sowjet-Assoziationen der Kostüme von Marie-Jeanne Lecca) nicht überhaupt nur darum, also um die krudestmögliche äußerliche Wirkung? Dieser Verdacht drängt sich auch im Schlussbild auf. Da schwebt ein reichlich lebensgroßes güldenes Reiterstandbild vom Schnürboden herab – Fürst Igor hoch zu Ross als verhohnepipelte Pracht-Ikone (die Pointe wird immerhin nicht schlecht vorbereitet, indem der Igordarsteller bei seinem kriegerischen Aufbruch seitenverkehrt ein Ross besteigt). Ironie mit dem Holzhammer. Der scheinbar kritische Deutungsimpuls ist in Wahrheit das zynische Alibi eines sich überschlagenden Spaßtheaters. Empfindlichen Theaterfreunden könnte dazu ein altmodisches Wörtchen einfallen: Pfui.
Pountney, ein Theatermann, dem mit zunehmender Routine alles ins Gröbliche, Plumpe, Fassadenhafte missrät. Dabei verlässt ihn (und seine Mitarbeiter) anscheinend auch das Gehör. Schwer verständlich, dass einer so profunden Theatererfahrung verborgen bleibt, wie brutal das bescheiden dimensionierte Zürcher Opernhaus akustisch zugedröhnt wird, wenn Sänger mit Stentorstimmen und ein martialisch-imposanter Chor (einstudiert von Jürg Hämmerli) vorzugsweise an der Rampe agieren. Oper für Schwersthörige.