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Von Glückskeksen und Glücksrittern - "Der Goldene Drache" im Bochumer Prinz-Regent-Theater

30.03.2012

Wer die Ärmel aufkrempelt, wird kaum sein letztes Hemd verlieren

Im ostasiatischen Raum ist der Drache ein Symbol für Glück und Macht, kann aber auch ein Unheilbringer sein. In Sibylle Broll-Papes Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs Der goldenen Drache wird diese Ambivalenz zum Leitmotiv: das, in viele kleine Sequenzen zergliederte Stück lebt von unerwarteten Wendungen, von Plotpoints und Cliffhangern, die erst retrospektiv ihre gesamte Bedeutung offenbaren. Von JULIA ARIANE REITER

 

Das Bühnengeschehen konzentriert sich auf den Thai- Schnell- Imbiss Der goldene Drache, der sich im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses, irgendwo in einer deutschen Stadt befindet. Das Bühnenbild besticht durch seinen Minimalismus: fünf futonartige, gleichmäßig im Bühnenraum angeordnete Holzplattformen markieren verschiedene Raumeinheiten im Haus: die Küche, das Restaurant, das Wohnzimmer eines alten Mannes, die Dachgeschosswohnung seiner Enkelin, das Schlafzimmer einer Stewardess, den Laden eines Gemischtwarenhändlers. An den Plattformen selbst sind Sprüche aus Glückskeksen angebracht, die das Geschehen in den Räumen mit einem, in Anbetracht des Bühnengeschehens, häufig sehr ironisierendem Motto, überschreiben.

 

In den Wohnungen und den Dialogen der Bewohner lassen sich immer auch Spuren vom Goldenen Drachen wiederfinden; Essen wird zum Symbol für Freundschaft, Beziehung aber auch für Alltäglichkeit und unwiederbringlich Vergangenes. Trotz ihrer zentralen Rolle im Geschehen fristen die, in militärisch anmutende Kochjacken gehüllten Mitarbeiter des Goldenen Drachen, ein Dasein in Isolation, Beengtheit und Angst: sie sind illegale Einwanderer, deren gesamtes Tun und Handeln unentdeckt bleiben soll. Sogar der Tod im fremden Land unterliegt strengster Geheimhaltung und verbietet jedes Zeichen der Trauer.

 

Kurze, von Erhu-Klängen untermalte Einschübe erzählen Äsops Fabel von der Ameise (Katharina Brenner) und der Grille (Alexander Ritter), die sich zu einer Parabel auf Menschenhandel, Prostitution und Entrechtung entwickelt, letzten Endes den Bereich des Mythos verlässt und zum schockierenden Zeugnis eines Frauenschicksals wird.

 

Stehen die einzelnen Szenen am Anfang scheinbar willkürlich nebeneinander, so verdichtet sich das Stück immer stärker, transformiert den Zufall zur schicksalhaften Wendung und endet mit einem ohrenbetäubenden Crescendo.

 

Fotos: Birgit Hupfeld Fotos: Birgit Hupfeld

Sehr gelungen ist, neben den schauspielerischen Leistungen und dem effektvollen Licht (Tom Haarman), das Spiel mit der performativen Hervorbringung von Geschlechteridentitäten. Der Goldene Drache lebt vom Cross- Dressing und der Maskerade, spielt mit Geschlechterstereotypen, ohne ins Lächerliche oder Unglaubwürdige ab zu driften. Vergewaltigte Frau, vergewaltigter Mann? Nein, sozialkritisch, aber ohne den erdrückenden, moralischen Ballast eines Lehrstücks, zeigt Der Goldene Drache immer wieder, dass es letzten Endes nicht um Männer, Frauen, Asiaten, Deutsche, sondern um Menschen geht.

 

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