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Kein Haus, kein Leib, zahlreiche Verderben - Franz Grillparzers ,,Medea" in Düsseldorf am Abgrund des Beckens

13.03.2012

Der Erde Glück? Ein Schatten der Jugend?

Sarantos Zervoulakos’ Medea am Jungen Schauspielhaus Düsseldorf ist keine multimediale Medea, sie ist ihm nicht wie Heiner Müller Kommentar, Spiel, Material an »verkommenem Ufer«, auch streunt sie nicht wie bei Dea Loher durch Manhattan, Medea flieht auch nicht auf einem mit Drachen bespannten Wagen wie bei Euripides, unschuldig und lediglich Opfer der Gesellschaft und Balkan-Flüchtling wie Christa Wolfs Medea ist sie in Düsseldorf jedoch auch nicht. Wer ist Medea? – die Karriere einer mythologischen Figur mit zeitloser Bedeutsamkeit, die laufend passend gemacht, aber im Kern die Gleiche bleibt. Von VERENA MEIS

 

Ein steriles weißes Carré mit Nebel befüllt, einem nicht gefüllten Swimming Pool ähnlich, der den nun vergangenen Sommer, den beginnenden Herbst ankündigt. Eine weiße Wand aus Plastik, an ein Segel erinnernd (Bühne: Thea Hoffmann-Axthelm). Hörbar die Wellen, der Wind, an die Bucht, ans Segel peitschend, immer schwächer werdend, als es gen Küste geht. Noch spricht es Hoffnung und Zuversicht.

 

Jasons und Medeas Irrfahrt (Dramaturgie: Katrin Michaels) beginnt am Jungen Schauspielhaus Düsseldorf, nachdem sie das Meer verlassen haben. Die Metaphorik des festen Landes und unsteten Meeres kehrt sich in ihrer letztmöglichen Zufluchtsstätte, ins Gegenteil. In Korinth angekommen vergräbt Medea das goldene Vließ, das seinen vorherigen Glanz in pastenartige Mattheit eingetauscht hat, Sinnbild des Verderbens und Liebesglücks zugleich. »Zerspreng’ dein Haus und mach’ dir brechend Luft!« – dem folgten Jason und Medea und sind nun auf der Flucht, ohne Haus und Heimatland, die Luft immer enger werdend. Im sterilen Pool-Ambiente versenkt Medea (Stefanie Reinsperger), sich ganz ihrer Rolle als Gattin widmen wollend, zugleich vergeblich Teile ihres Selbst: Medea, die Kolcherin, die Barbarin, die giftmischende Zauberin. Jason (Aleksandar Tesla) als kämpfender Held, der Medea auf Eroberungsjagd lieben lernte, weist sie nun von sich, da er vom ruhmesreichen Jüngling zum vogelfreien Herrn, vom Jubel Umwobenen zum Gemiedenen, hinabstieg. Medea ist ihm nun nicht mehr Sonnenstrahl, „der durch den Spalt in einen Kerker fällt“, zum Kerker ohne Lichteinfall ist sie ihm nun im Mannesalter geworden.

 

Urlaubsliebe adé: Was in Abenteuern erstürmt und erworben, kann im Alltäglichen ganz schnell seinen Glanz verlieren. Schwüre wie »Ein Haus, Ein Leib und Ein Verderben!« verlieren in schlechten Zeiten ihre Treue. Alte Lieben flammen auf, riechen nach Glück und Zufriedenheit, und eröffnen eine Dreiecksgeschichte: Jason zwischen Medea und Kreusa, seiner Jugendliebe und Tochter des ihm Schutz erweisenden Königs Kreon – »O Jugend, warum währst du ewig nicht.«

 

Regisseur Sarantos Zervoulakos, deutsch-griechischer Herkunft, lässt Jason, Medea, die Amme Gora, König Kreon und seine Tochter Kreusa allesamt während des gesamten Stücks auf der Bühne, am Beckenrand verweilen. Kein multimediales Spektakel, das uns die Sinne verwirrt, kein Death Metal Song, der an die Nieren geht, keine abgedroschene Nacktheit, die Scham hervorruft: Grillparzer, Wortgewalt und Schauspielkunst lassen einen die Fassung verlieren, die Zerrissenheit, die Angst, den Schmerz fühlen, mit weinen. Zervoulakos lässt uns hinschauen, wo es wehtut. Die Utopie des multikulturellen Griechenlands, in dem Kolcher keine Barbaren sind, Bewohner Iolkos’ nicht verbannt werden, schafft sich ab. Andere Länder, andere Götter, andere Sitten.

 

Dabei beginnt alles Integration versprechend: Kreusas vergebliche Versuche, Medea ein Jugendlied Jasons auf der Leier beizubringen, scheitern zwar, lassen Kreusa und Medea jedoch für kurze Zeit des Glücks zusammenrücken. Die Musikstunde endet in aberwitzigen Barbarenklängen, die Leier wird umfunktioniert zur E-Gitarre. Medeas haarige Versuche, eine gute Griechin zu sein, bleiben unbeholfen, amüsieren zutiefst. Jason, legt sich klammheimlich seine weiße Weste an, vergeblich versucht auch er sich Kreon äußerlich anzupassen. Dem vogelfreien Paar eilt der Ruf voraus und der Bann nach: »Verbannt Jason und Medea! Medea und Jason verbannt!«

 

In Kreons Zorn (Dirk Ossig bisher cool und lässig mit Sonnenbrille), denn ihm und seinem Königreich droht aufgrund der Beherbergung des verfluchten Paars der Krieg, gibt er Jason seine eigene Tochter Kreusa zur Frau, Medea aber verbannt er aus seines Landes Grenzen: »Die Kinder bleiben hier. / Nicht bei der Mutter? / Nicht bei der Frevlerin!« Allein Kreusa (Janina Sachau) sinnt kurzzeitig, »ob recht ist, was wir tun.«

 

Stefanie Reinsperger fasziniert als Rasende, Rächerin und Ausgegrenzte: stark, laut, lautstark und energiegeladen, wenn es um IHR Glück geht, gleichzeitig atemberaubend und in ihrer Not erschütternd bis aufs Mark. Bezaubernd wie immer auch Janina Sachau, die als Kreusa leichtfüßig mild und gütig, aber auch bissig sein kann, wenn es um IHR Glück geht. Aleksandar Tesla in der Rolle des Jason macht den Zwiespalt und Kampf um SEIN Glück ebenfalls Gänsehaut erregend spürbar. Auch Verena Reichhardt als Amme Gora, ihrer Heimat unfreiwillig beraubt, und Dirk Ossig als König Kreon nimmt man ihr Ringen um ihr eigenes Glück ab – »Schiffbruch mit Zuschauer«, auf welche Seite schlägt er sich?

 

Aktueller und die Jugend betreffender kann Medea nicht sein. Schon zur Floskel avancierte Tagesschau-Sprache wie »Menschen mit Migrationshintergrund«, »binationale Paare«, »Patchwork-Familie«, »Scheidungsrate« flammen umgehend auf. Da klingt »EU-Harmonisierung« (eine Rubrik unter www.zuwanderung.de) noch neu und sehr amüsant. Was ist aber Medeas Streben als das nach Harmonie im Mikrokosmos der Familie, im Makrokosmos zwischen den Völkern sowie der Suche nach Heimat im Kleinen und Großen?! Medea und Jason – durch ein Verbrechen gebunden, durch ein Verbrechen getrennt. Am Ende bleibt ein kahles Gestänge, das einst ans Ziel bringende Segel ist zerstört. Das grauenvolle Ende kann nur noch ein multipler Erzähler tragen. Das Programmheft rät: Fragen Sie Ihren Partner, bevor Sie sich ewig binden: »Mit welchem Teil von mir hast du deinen Frieden gemacht, weil dir der Rest gefällt?« Zervoulakos berührt wortgewaltig und gefällt im Ganzen. Bitte mehr von solchem (Jugend-)Theater!

 

Fotos: Sebastian Hoppe

 

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