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    Montag, 01. Mai 2017 | 08:10

    Insistieren. Warum eigentlich? Monika Gintersdorfers und Knut Klaßens Tanzperformance im FFT Düsseldorf

    12.03.2012

    Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?

    »Ich habe Adorno gelesen und danach aufgehört Popmusik zu hören, habe Virilio gelesen und konnte nie wieder ins Kino gehen - dann habe ich Heidegger gelesen und die logische Konsequenz wäre gewesen, mit dem Existieren auf zu hören.« - Mit diesem Satz beschreibt der Filmemacher Peter Ott im ersten Teil Ich sein Dilemma, einerseits auf ein philosophisches Konzept zu insistieren und andererseits doch an dem eigenen nicht ewig währenden Dasein zu hängen. Im völlig nackten schwarzen Bühnenraum beschreibt Ott fragmentarisch Teile seiner eigenen Vergangenheit, formiert die Einzelstücke vor dem Hintergrund von Zeitlichkeit neu, bewegt sich ziellos mit kleinen, abgehackten Bewegungen durch den Raum und macht auch vor intimen und traumatischen Erfahrungen keinen Halt. Von JULIA ARIANE REITER

     

    Der Schauspieler Hauke Heumann hingegen insistiert unruhig und atemlos auf seine eigene Erfahrung, strukturiert seine Vergangenheit, indem er immer wieder Wendepunkte umkreist. Er verortet seine Existenz zwischen Beziehung, beruflichem Erfolg, Depression, Sucht und Therapie. Trotz großer Gemeinsamkeiten kollidieren Heumann und Ott immer wieder, stoßen einander ab und finden sich am Ende lediglich auf das eigene Dasein zurückgeworfen.

     

    Untermalt von dem tiefen Basston, den sich schließende Synapsen erzeugen, zeigt Ich eindringlich die Geworfenheit in die eigene Existenz und den Versuch, Kontrolle zu erlangen, aus der symbolischen Ordnung aus zu brechen und und in letzter Konsequenz immer wieder an sich selbst zu scheitern.

     

    Insistieren bahnt sich episodisch seinen Weg und knüpft mit dem zweiten Teil Elke B. motivisch an Ich an. Die Schauspielerin Elke Borkenstein wiederholt, wie in einer Zeitschleife steckend, unablässig eine sehr minimalistisch wirkende afrikanische Choreographie. Im Kontrast zur Ordnung und Stringenz der Bewegungen stehen Borkensteins Beschreibungen von weiblicher Hysterie, wie sie der Psychoanalytiker Josef Breuer am Beispiel seiner Patientin Anna O. schilderte. Während der gesamten, von Klängen des ivorischen Tänzers Gotta Depri begleiteten Performance präsentiert sich Borkenstein als gespalten; so ist es  ihr auch bei der Schilderung eigener einschneidender Erfahrungen nicht möglich, die Vorgaben der Choreographie zu verlassen und einen individuellen körperlichen Ausdruck für selbst Erlebtes zu entwickeln. Borkenstein stellt in Elke B. sehr überzeugend das Problem dar, sich in Selbstreflexion zu vergessen und selbst gesteckte Grenzen nicht mehr überschreiten zu können.

     

    Das Finale ist schon in Aussicht, doch Insistieren hält noch einmal inne, schafft Raum und Zeit für Revision. Die Ratte beginnt mit einer, von Peter Ott in predigendem Tonfall vorgetragenen Publikumsbeschimpfung, die das Misslingen einer Aufführung mit der völlig deplatzierten Ignoranz des Zuschauers begründet. Sie endet mit der Forderung, dass Theater die Ebene der Repräsentation verlassen muss, um sich endlich auf das Plateau der reinen Präsentation, der idealen und ebenso unmöglichen, unvermittelten Darstellung begeben zu können.

     

    Daran anschließend beschreibt Gotta Depri humorvoll und pointiert Eckpfeiler seiner eigenen  künstlerischen Biographie. Vordergründig ist bei ihm einerseits sein eigener Narzissmus, dem er immer wieder selbstironisch entgegentritt und andererseits seine Identifikation mit der Ratte, die im idealen Fall von Nikolas Sarkozy, dem Rattenkönig verkörpert wird.

     

    Insistieren ist eine Performance, die ihrer Selbstverpflichtung zur Präsentation in jeder Hinsicht gerecht wird. Es ist Gintersdorfer und Klaßen gelungen, einen Reflexionsprozess - auch in Bezug auf die Bedeutung von Theater selbst - in Gang zu setzen, der hoffentlich auch im zweiten Teil Desistieren fortgesetzt wird.

     

     

    Fotos: Knut Klaßen

     

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