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Montag, 27. März 2017 | 12:45

René Polleschs "Wir sind schon gut genug" - Uraufführung am Schauspiel Frankfurt

05.03.2012

Die Erfindung des Plastikschauspielers

Mitten aus dem Bauch der Spaßgesellschaft kriecht der Theatermann René Pollesch wie die Kröte aus der Suppe. Jetzt ist er ganz oben. Als gälte es ein Event der Sonderklasse, tagte seine neue neueste Kreation im aufgekratzt-vollbesetzten Schauspielhaus Frankfurt. Der auf Anhieb etwas lahme Titel Wir sind schon gut genug enthüllt seine zeitgeistige Passform als Antwort auf die Frage: »Sollen wir bessere Menschen werden?« Tja, da kann der aufgeklärte neubiedermeierliche Gartenzwerg doch nur seine Pausbacken aufblasen und lachen. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH

 

Dabei geht es im Pollesch-Theater weißgott nicht um Botschaften. Dem Erfolgsrezept des Autor/Regisseurs liegt die Idee zugrunde, Schauspieler nicht mit einem fertigen Text oder Stück zu konfrontieren, die zum »Funktionieren« zu bringen wären. Pollesch bietet stattdessen Textmaterialien an, die sich die Akteure zurechtbiegen können. Die Proben werden zu gruppendynamischen Prozessen, in denen dadurch allmählich ein spielbares Stück wird. Oder so. Die Proben könnten das Interessanteste an Polleschs Methode sein, die freilich mit der Routine zur Marotte zu werden droht. Der Theaterbesucher guten Willens sieht gelegentlich das schöne Stegreif-Prinzip der commedia dell’arte womöglich noch durchschimmern. Doch wird es sofort wieder zugedeckt vom öde fuchtelnden Mode-Quark einer in Yuppie-Selbstzufriedenheit getunkten RTL-Ästhetik.

 

Auch bei Wir sind schon gut genug karrt Pollesch die zur Verwendung anstehenden Textmengen aus irgendwelchen Schmökern herbei, in denen die Schauspieler Reiz- und Schlüsselworte wie »Netzwerk«, »Kapitalismus« oder »Beziehung« vorfinden, die sie, durch häufige Wiederholung und immer neue (meist unsinnige) Kombination, zu rätselhaft elefantöser Nonsens-Bedeutsamkeit steigern. So richtigen Spaß macht ihnen das aber offenbar nicht. Mit verbissenen, ja gelinde empörten Mienen spucken sie beträchtliche Textmengen aus, die nichts von der trockenen Aufgesagtheit eines ledernen Seminarzusammenhangs verlieren. Echt gutgelaunt sind die Schauspieler erst, wenn sie die Sache (die vielleicht doch nicht so ganz ihre Sache ist, sie sind als Schauspieler ja »gut genug« und keine Kindergartenkinder) beim Entgegennehmen des Schlussapplauses.

 

Sechs Schauspieler sind beteiligt (Constanze Becker, Traute Hoess, Bettina Hoppe, Michael Goldberg, Nils Kahnwald, Oliver Kraushaar), und sie werden dergestalt zur »Normalität« hin abgeschliffen, dass man Playmobilfiguren vor sich zu haben glaubt. Die Verwandlung in Plastikmenschen scheint perfekt gelungen. Da ist es schon eine Wohltat, wenn die auch durch eine  üppigere Figur unter den anderen auffallende Akteurin ihren Text etwas schleppender und wärmer vorträgt und nicht wie ein frisch  programmierter Automat.

 

Eine eitle Polleschiade

Nina Kroschinskes Kostüme ließen das Darstellersextett ins Lurchig-Gliederpuppige mutieren, mit dramaturgisch sicher wohlbegründetem Comic-Touch. Der größte Teil der gut 70 Aufführungsminuten verging mit elenden Sprechstrecken im immergleichen Allegro incommodo. Dann zehn Minuten Ruhe, wobei sich die drei beteiligten Männer stumm-wurmartig und ineinander verschlungen über die Bühne wälzten in seltsam befremdlichem Verrenkungszwang. Den Damen Ähnliches zuzumuten, verbot dem Pollesch denn doch ein Rest von Galanterie – sie durften indes die Bühne putzen, eine sogar im Kleopatra-Dress. Abschließend, wie vorher schon des öfteren als  passend vertrottelte Interpunktion, ein gemeinsames Tänzchen zu Schnubbeldibubbel-Beschallung (Schwerhörigen-Version).  Janina Audicks eindrucksvoll verrümpelte Bühne (einschlägig-beliebiges Kultur-Sperrgut einschließlich eines bärenformatigen Eis am Stiel und einer drehbaren, rauchenden Sokratesbüste) war auch in ihren Hinterbereichen und einem transparenten Louvre-Pyramidenzelt dank nimmermüder Video-Verfolgung (Sacha  Benedetti) ein für die Besucherblicke gleichsam dreidimensional erschlossener Raum.

 

Das Nicht-Stück als Stück, die Unform als illusionär geformter Theaterabend: Immer wieder einmal unterbrach sich das eitel selbstreferentielle Schadronieren auf der Bühne mit der Frage nach dem Publikum. Saß es noch auf seinen Plätzen oder war es schon enttäuscht gegangen? Keine Sorge, es saß. Wer sich über das »Dschungelcamp« zu amüsieren vermag, dem war gewiss auch die neueste Polleschiade einen Spaßabend wert. Wer Harald Schmidt schätzt, dem gefiel’s ebenfalls so, naja, mit einem kleinen Knirschen nebenbei. Mein ganz persönlicher Tipp: Zum Teufel mit diesem Theater.

 

Fotos: Schauspiel Frankfurt

 

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