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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 01. Mai 2017 | 08:10

     

    Foto: Oliver Paul Foto: Oliver Paul

    Flimmernd-neblige Elektroschrott-»Idylle« und knisternde Kassettenklänge - Anna Malunats »Jesus ich möchte viel Glück beim Angeln« im FFT Düsseldorf

    02.03.2012

    Ohne Ziel ist auch der Weg egal - Von Wegen und (Un-)Orten!

    »Das Theater wird von einer neuen Unruhe erfasst. Es wird zum Medientheater. Es stellt auf die Bühne, was an elektronischen Medien zu haben ist, und schaut sich an, wie sich Körper und Räume, Stimmen und Gesten jetzt noch bewähren«, so der Kulturtheoretiker Dirk Baecker in seinen Studien zur nächsten Gesellschaft, der Computer- und Netzwerkgesellschaft. Sind wir heute in virtuellen »Heimaten« unterwegs, so besetzen, umtanzen, beleben Sascha, Caroline und Arthur eine reale elektronische Schrottwüste, die sich ihr letztes Aufflackern noch bewahrt. Von VERENA MEIS

     

    Nostalgische Bügeleisen, holzige Kofferradios, 60er Jahre Waffeleisen und Kassettenrekorder, flackernde Computerbildschirme und Mikrowellen – Ihr Elektroschrott hätte Teil des hervorragenden Bühnenbildes (Jan Kattein) in Anna Malunats Jesus ich möchte viel Glück beim Angeln sein können, das Forum Freies Theater (FFT) fungierte bis zur Premiere am 25. Februar 2012 als Sperrmüll-Sammelstelle.

     

    Sascha und Caroline, ein Pärchen um die 30, ihr Haus in der Großstadt fast unbewohnbar: leer und kalt. Wollen Sie Familie? Sie eigentlich schon, er eher nein ... oder doch umgekehrt? Braucht man Familie zum Glücklichsein? Gibt es Alternativen? Wenn ja, welche? Bei Null anfangen und alles auf Reset? Egal, die vier Jahreszeiten(-Pizza) »und nichts ändert sich«. Zumindest Arthur (Oleg Zhukov), Saschas Kindheitsfreund aus Odessa, macht die belanglose Zweisamkeit zur mitunter heiklen Dreisamkeit: Mit zwei Koffern bepackt steht er nun vor Carolines und Saschas Tür, auf der Zugfahrt hat er ganz Polen verschlafen. Tatsachen über Deutschland, seine Zuglektüre, stiften Verwirrung: »Deutschland ist ein modernes und weltoffenes Land. Die Gesellschaft ist geprägt durch einen Pluralismus von Lebensstilen und die Vielfalt ethno-kultureller Prägungen. Die traditionellen Rollenzuweisungen der Geschlechter wurden aufgebrochen. Trotz der gesellschaftlichen Veränderungen ist die Familie weiterhin die wichtigste soziale Bezugsgruppe und die Jugendlichen haben ein sehr enges Verhältnis zu ihren Eltern. In fast allen Lebensbereichen zeigt sich heute eine erfreulich entspannte Leichtigkeit und weltoffene Neugier.« »Donaueschinger Musiktage« und »multinationale Vielfalt« bereiten Arthur eher Zungenzerbrechen als Verständnis.

     

    Eine spontane Autoreise mit dem Ziel »rechts, rechts, links, rechts, geradeaus« und die Suche nach dem Radiosender durchbrechen die anfänglichen Kommunikationsschwierigkeiten. Es beginnt eine musikalisch-theatrale Reise kreuz und quer durch Deutschland aus der Sicht der dritten Nachkriegs-Generation, der (Un-)Orte planlos in die Quere kommen: von hü über jottwede nach hott. Findet Mutter, Vater, Kind das Glück in der Einfamiliensiedlung? Im »WärmeDirektHaus« mit Frischluft-Heizsystem ganz bestimmt. Oder soll es doch lieber Dortmund Phoenix See sein, eine künstliche Seelandschaft als Anziehungspunkt für Mensch und Tier – Baden verboten! Oder Duisburg Bruckhausen, dort wo die Häuser sterben? »Risse im Asphalt, uns kann es gleich sein«, trällert es straßenmusikalisch aus dem Zuschauerraum.

     

    Foto: Jan Kattein Foto: Jan Kattein

    Auf der Suche nach Meer und mehr statt Watt und »leichendeckelähnlichen« Hauseingängen übernachten die drei Ortlosen in der Pension Seestern. Katharina Meves als Caroline verzückt und melancholisiert das Publikum mit barfüßiger Leichtlebigkeit und gleichzeitiger Lebensmüdigkeit, während sie die Bühnenlandschaft aus Schrott zur Tanzfläche kürt, als sei sie gelenkt und gehalten durch unsichtbare Fäden, ort- und willenlos. Direkt vor der Nase des Publikums mimt Olaf Helbing so souverän und überzeugend den Vertreter, dass man ihm das versprochene Glück im Fertighaus ohne Zweifel abkauft.

     

    Das Ende eines Feldweges kann jedoch das Ende der Welt bedeuten: Schwerelos und auf dem Kopf schweben die haltlosen Drei durch eine Mondlandschaft, nachdem ein (Eifersuchts-)Gewitter – nicht nur vom Himmel, sondern auch zwischen Arthur und Sascha – das zufällig erreichte Rapsfeld plättet. Der ungewollt vorletzte Halt ihrer Reise ins Ungewisse, eine kleine Kirche in Biberach an der Riss, konfrontiert sie mit Bittgesuchen: Jesus, ich möchte viel Glück beim Angeln – Bitte lass es Nachmittag werden – Ich wünsche mir ein Fahrrad – Bitte mach, dass morgen schönes Wetter wird – Lieber Gott, lass mich wieder gesund werden – Gruppensex, Amen, Alex. Die Drei hätten sich Winterreifen wünschen sollen: Umgeben von Schnee und Eiszapfen hat ihre ziellose Reise doch ein Ende – eingeschneit in einem bayrischen Bergdorf.

     

    Mehr als sehenswert! Jesus, ich möchte mehr von Anna Malunat.

     

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