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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 21. August 2017 | 06:37

    Arthur Schnitzler: "Das weite Land" am Salzburger Landestheater

    01.03.2012

    Wenn Erwachsene pubertieren

    Arthur Schnitzler und sein Weites Land sind in dieser Spielzeit in. Am Wiener Burgtheater und am Münchener Residenztheater gibt es zwei Inszenierungen - und seit Samstag auch eine am Salzburger Landestheater unter der Regie des Kabarettisten, Schauspielers und Regisseurs Werner Schneyder. Der Salzburger Inszenierung gelingt mit ihrer sensiblen, inszenatorisch eher zurückhaltenden Fassung eine dritte, eigenständige Interpretation. Eine Interpretation, die nicht spektakulär, dafür aber sehr fein und intelligent ist. Eine Interpretation, die die Deutungsarbeit an den Besucher weitergibt, die ihm das Material für Diskussionen liefert. Denn Werner Schneyder geht es auf der Bühne darum, den Schnitzlerschen Text zum Leuchten und Schwingen zu bringen. Und das ist ihm und dem Ensemble gelungen. Von JÖRG ESCHENFELDER

     

    Das weite Land feierte 1911 seine Uraufführung. Hintergrund ist die Wiener Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Genauer gesagt die Gesellschaftsschicht der vermögenden Bürger (Kostüme Birgit Hutter). Auf der einen Seite gibt es noch feste gesellschaftliche Werte und Konventionen, auf der anderen scheinen genau diese Konventionen in der Schicht der Wirtschafts-Bürger keine Bedeutung mehr zu haben. Die eheliche Treue ist eine Chimäre. Das Leben ein einziger liebestoller oder besser ein sexbessener Reigen mit ständig wechselnden Partnern. Eine Gesellschaftsschicht im Umbruch, in der Auflösung, im Umbau. Die Fassade der Fabrikantanvilla zieren daher auch großformatige Baupläne (Bühne: Christian Rinke). 

    Im Zentrum von Das weite Land stehen der Wiener Fabrikant Hofreiter (locker, wenn auch ein wenig zu leicht gespielt von Sascha Oskar Weis) und seine Ehefrau Genia (Franziska Becker - sehr elegant und kühl, aber doch auch sehr emotional und mit wunderbar feiner, aber ausdrucksstarker Gestik). Während Hofreiter ständig neue Liebschaften hat, hält Genia ihrerseits an der ehelichen Treue fest. Während eines Urlaubes fängt Hofreiter mit der jungen Erna (Elisabeth Halikiopoulos) ein Verhältnis an, obwohl sie von seinem besten Freund, dem altmodisch, konservativen, romantischen Dr. Mauer (fein gezeichnet von Gero Nievelstein) hofiert und verehrt wird. Der aufrechte Mauer ist zutiefst verletzt. Zur gleichen Zeit hat  Genia eine Affäre mit dem Fähnrich Otto (Tim Oberließen gibt den passenden jugendlichen Schwärmer), dem Sohn einer Freundin. 

    Als Hofreiter davon erfährt, lässt ihn das keineswegs so kalt, wie er vorgibt. Das und ein gekonntes Intrigen-Spiel des Bankiers Natter (scheinbar naiv, aber auf süffisante Weise böse Christoph Wieschke) treibt Hofreiter in ein Duell mit Otto, das der junge Mann nicht überlebt. Aus dem locker, leichten Spiel wird tödlicher, tragischer Ernst, bei dem alle verlieren.

     

    Klug und umsichtig geführt

    Werner Schneyder hat sein Ensemble klug und umsichtig geführt. Er hat die jungen Schauspieler die Sprache und die Gefühlswelt Schnitzlers entdecken und sich selber aneignen lassen. Das Ergebnis ist eine flotte, sprachlich feine Inszenierung, die ohne Wiener Schmäh auskommt und die gesamte Bandbreite von Das weite Land auslotet: vom äußerst komödiantischen, leichten, frivolen Spiel zu Beginn bis hin zur erschütternden Tragik nach der Pause, die manchem Zuschauer ein aufrichtiges, erschrecktes »Oh, nein!« entlockt, als Hofreiter mitteilt, dass er Otto erschossen hat.

    Die Schauspieler zeigen die Figuren. Sie urteilen nicht, sie erklären sie nicht, sie entschuldigen sie nicht. Sie lassen die Figuren oszillieren und überlassen es dem Zuschauer, den Subtext zu lesen. Es gibt keine Guten oder Bösen - weder Hofreiter, noch Genia, noch Mauer sind schuldlos. Jeder ist gefangen, strebt vergeblich nach Glück und Erfüllung und leidet selbst im leichten Spiel: der moralisch reine Maurer, die scheinbar unbekümmerte, aber dennoch naive Erna, der schwärmerische Otto, die bis zur Selbstverleugnung beherrschte Genia oder der liebestolle Hofreiter.

    Eine Sonderstellung nimmt Karlheinz Hackl in der Rolle des alten Hoteldirektors und Frauenschwarms Doktor von Aigner ein: von seiner Krankheit gezeichnet, stimmlich schwach hat Hackl dennoch eine unglaubliche Präsenz. Auch Hackl ließ und lässt nichts anbrennen und trauert trotzdem seiner großen Liebe nach, die er deswegen verloren hat.

     

    Große, haltlose Pubertierende

    Bei Schnitzler sind letztlich alle haltlos und überfordert. Es gib Normen und Werte. Jeder kennt sie, aber viele halten sich nicht mehr an sie. Aber der Normbruch ist keine Befreiung, er macht auch nicht glücklich. Das Fest- und Einhalten der Normen aber auch nicht. Es gibt keinen Ausweg. Nur die resignierende Feststellung »Die Seele ist ein weites Land.« und »So vieles hat sogleich Raum in uns.«: Liebe, Treue, Fremdgehen, Freundschaft und Verrat. 

    Aus dem heiteren Reigen wird bei Schnitzler peu à peu ein tragischer Strudel, der alle und alles mit sich hinabreißt: Freundschaften, Liebschaften, Ehen. Weil die Menschen ohne verbindliche Regeln und Zwänge in ihrem Wohlstand eher wie Kinder und Pubertierende denken und agieren und nicht wie souveräne Erwachsene.

    Das weite Land im Salzburger Landestheater ist eine konzentriert gespielte, einnehmende, kurzweilige Inszenierung. Eine Inszenierung, die packt, die Aufmerksamkeit fordert und den Besucher nachdenklich entlässt. Eine gelungene Inszenierung.

     

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