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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 01. Mai 2017 | 08:09

    »Kein Science-Fiction« von Tine Rahel Völcker am Düsseldorfer Schauspielhaus

    17.02.2012

    Kafka geht in sein Unkraut, wir ins Verderben, doch wir bleiben gelassen.

    Seien Sie »beweglich, ungebunden, flexibel«, lassen Sie ihr Schulterzucken á la »Geht mich nichts an« sowie Ihren Wunsch nach leichtlebiger Unterhaltung mit Ihren Geldbeuteln an der Garderobe zurück und lauschen Sie konzentriert Kassandra und ihren Prophezeiungen: »Versteht es als Zeichen, wenn ihr nirgends mehr Liebe findet, und eure Familien sich selbst zerstören, wenn die lang gehegte Wirtschaftsordnung zerfällt und euer Rechtsstaat wie ein Glas zerbricht.« Mit Kassandra, Agamemnon, Aerope und Kafka, allesamt Figuren des Stücks, sind wir aus dem Schneider, könnte man meinen. Alter mythologischer Schuh oder notwendige Völckersche Verfremdung, um im Gewohnten das Reale und gleichzeitig Absurde freizulegen? Von VERENA MEIS

     

    Finanzkrise, Fukushima, arabischer Frühling, nationalsozialistischer Untergrund (oder sagen wir »Döner-Morde« und nutzen das Unwort des Jahres), Massaker in Norwegen, Neonazi-Aufmarsch in Dresden – Kassandras apokalyptische Ahnungen nur alberne Gespenster einer Wahnsinnigen? Die Düsseldorfer Hausregisseurin Nora Schlocker und die Autorin Tine Rahel Völcker durchbrechen zwingend notwendig die vierte Wand, liefern den Zuschauer der Handlung des Stücks und den Schauspielern gnadenlos aus, integrieren ihn als Angestellten des aufstrebenden Unternehmens »Atreus Investments«, an seiner Spitze Firmenchef Agamemnon (Ingo Tomi), der sich Kassandra (Xenia Noetzelmann) als wissenschaftliche Beraterin hält und die arbeitsunwillige Angestellte namens Kafka (Elena Schmidt) zur Unfallverhütung einstellt. Wer sich hier verschließt, weil er auf seine bequeme Sitzhaltung pocht, der ist verloren und bemerkt den Ernst der Lage nicht, den Tine Rahel Völckers Kein Science-Fiction unter der Regie Nora Schlockers in konzentrierter Form zu vermitteln sucht.

     

    Nicht wie gewohnt im Zuschauerraum, sondern in einen marmornen Tunnel fängt uns Aleksandar Radenkovi? im Vorspann als Krieger noch vor dem Konferenzsaal ab, versucht uns klammheimlich, zunächst noch als bürgerliche Idealvorstellungen getarnt, sein rechtes Gedankengut unterzujubeln. Bei seinem ersten Vorstoß entwickelt sich seine abstrakte Verachtung gegen das System in konkreten Fremdenhass: »Ich sage migrantischer Anteil und Biomüll Europas.« Der von ihm gegründete »Kampfbund für Europa«, ernstzunehmendes Witzfiguren-Quartett in Häkelmasken, übt sich zunächst in Zurückhaltung, begibt sich jedoch in Lauerstellung und entpuppt sich als trojanisches Pferd.

     

    Im Konferenzsaal, am Mittelpunkt der Macht angelangt, jeder Zuschauer für seine gute Sicht selbstverantwortlich, lauschen wir Agamemnon, souverän, selbstsicher und intellektuelle Reden schwingend, der uns bald wegen eines Vier-Augen-Gesprächs mit einer jungen Bewerberin in den uns bekannten Zuschauerraum verbannt. »Vorgestern Vorwürfe wegen der Fabrik bekommen. Eine Stunde dann auf dem Kanapee über Aus-dem-Fenster-springen nachgedacht.« Ist es in Franz Kafkas Tagebüchern er selbst, der an Selbstmord denkt, so wird die junge Bewerberin, der Agamemnon im Bewerbergespräch den Namen Kafka verleiht, zur Selbstmordprävention und Unfallverhütung eingestellt.  

     

    Der Blick fällt auf den hölzernen Leib eines Flugzeuges ohne Tragflächen (Bühnenbild: Steffi Wurster) – technisches Wunderwerk der Zukunft oder Apokalypse metaphorisch? Denn Firmenchef Agamemnon gerät langsam aber sicher ins Schwitzen: Seine Angestellten stürzen sich vom Firmendach (Kein Science-Fiction!), bescheren ihm Leichen vor der Firmentür, oder planen die Revolte aus dem Hinterhalt. Dass Agamemnon sich seines schicken Anzuges entledigt und ihn gegen das Kettenhemd eintauscht, nützt ihm am Schluss nicht allzu viel.

    Elena Schmidt brilliert in ihren Doppelrollen als Angestellte Kafka und trunksüchtige Aerope, Agamemnons Mutter. Auch Aleksandar Radenkovi? Als entwurzelter Serbe Milhajlo und Krieger und Anführer des »Kampfbundes für Europa« begeistert als Täter und Opfer des Rechtsradikalismus gleichermaßen. Ingo Tomi mimt hervorragend den vielbeschäftigten, selbstverliebten Firmenchef Agamemnon mit Anzug und Siegelring, dessen arrogante Professionalität ihm zum Verhängnis wird und ihn vom Atreus-Thron stürzen lässt. Xenia Noetzelmann als Kassandra lässt Aufbruchsstimmung á la Sloterdijks »Du musst dein Leben ändern« aufblitzen, der man sich nur mit Gewalt entzieht.

     

    Wer den Zeitgeist an diesem Abend wie einen Schauer verspürt, sei aufgeschmissen, »befangen vermutlich, und verstrickt in allerlei / gesellschaftliche Abhängigkeiten«, heißt es in Völckers Brief ans Publikum. Und so ist es das Ziel des Abends sich wie Kafkas kleine Maus zu fühlen: vor ihr die Mäusefalle, hinter ihr das hungrige Maul der Katze. Kafkas Fazit am Ende des Stücks: »Die beste Welt ist hin. Ich geh in mein Unkraut.« Willkommen in interessanten Zeiten!

     

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