Zukunftsmusik
17.12.2006
Götzendienste Nr. 3
Zukunftsmusik
Eine Götz Frittrang-Kolumne. Jetzt alle zwei Wochen im TITEL-Magazin!
Ich war schon immer sehr interessiert am wissenschaftlichen Fortschritt der Menschheit. Darum lese ich auch seit meinem sechsten Lebensjahr regelmäßig die P.M. Das steht für Peter Moosleitners interessantes Magazin. Und was wäre wohl ein besseres Aushängeschild für eine seriöse Forschungszeitschrift, als sich nach den Initialen des Chefs zu benennen?
Wenn man sich eine beliebige alte Ausgabe der P.M. ansieht fällt auf, dass der Fortschritt dort immer schon etwas schneller gewesen ist als in der Realität. Die Prognose für das Jahr 2000 lautete 1985 in etwa folgendermaßen: „Im Jahr 2000 werden wir von unseren aus uns selbst geklonten Biorobotern in atomgetriebenen Autohelikoptern zu unserem Ferienhaus auf dem Mars geflogen werden. Und zwar mit zehnfacher Lichtgeschwindigkeit. Außerdem werden wir unsterblich sein, drei Meter groß und uns nur noch mittels Telepathie verständigen.“
In späteren Jahren, also nachdem die Redaktion erkannt hatte, dass Peter Moosleitner die Inspiration für Doktor Strangelove gewesen sein muss und ihn in die Gummizelle im Redaktionskeller weggesperrt hatte, wurde die P.M. etwas vorsichtiger mit ihren Zukunftsprognosen. Eine betraf mich aber sehr persönlich: Ich kann mich genau daran erinnern, dass schon seit einem Jahrzehnt davon gesprochen wird, daß man ein neues Verfahren in der Zahnmedizin erfunden hat, kariöse Stellen mit Säure und Laser zu behandeln. Das wichtige für mich an dieser Meldung ist, dass diese Behandlung angeblich völlig schmerzfrei erfolgen soll. Als panischer Zahnhypochonder und jemand, der ganze Praxiswartezimmer durch seine Geräusche auf dem Behandlungsstuhl leeren kann, ein nicht unerhebliches Detail. Und trotzdem bohrt mein Zahnarzt, ein rüstiger 117jähriger, immer noch leidenschaftlich gern mit einem pedalgetriebenen Bohrer, den er von seinem Urgroßvater geerbt hat. Die Bohrköpfe sind ebenfalls Erbstücke aus der Kaiserzeit und darum bekomme ich neben der normalen Betäubung auch noch eine Tetanusspritze.
Aber nicht alles in der Forschung ist nur Zukunftsmusik und für den Mann auf der Straße scheinbar sinnlos rausgeworfenes Forschungsgeld. Nein, vor kurzem haben amerikanische Wissenschaftler nach quälend langer Forschungsarbeit und lediglich 200 Millionen Dollar Budget herausgefunden: Man kann sich selbst nicht kitzeln. Die Frage, die sich mir bei solchen Meldungen immer stellt: Wie kommt es zu solchen Forschungen? Wahrscheinlich kam ein Doktorand zu seinem Professor, um sein Forschungsthema absegnen zu lassen, und hatte kurz zuvor ein halbes Kilo Marihuana aus dem Medizinlabor geraucht. „Wissen Sie was? Ich glaube, man kann sich selber gar nicht kitzeln. Ist das nicht total…ich meine…hui?!“ „Ach ja? Und können Sie diese Behauptung auch wissenschaftlich beweisen?“ „Noch nicht. Aber mit zwanzig schwedischen Doktorandinnen, einem Sack Federn und 200 Millionen Dollar?“ „Alles klar, frisch ans Werk!“ So wird heutzutage Forschung gemacht. Tja, Amerika, du hast es besser...
Zukunftseuphorie scheint aber auch vor seriösen Medien nicht halt zu machen. Lesen Sie mal im ARD-Videotext die Rubrik Wissenschaftsnachrichten. Letzte Woche wurde montags verkündet, dass man Diabetes nun durch eine Spritze heilen kann. Am Mittwoch erfuhr ich, dass die Impfung gegen Parkinson praktisch schon in der Apotheke abholbereit liegt. Und gestern wurde bekannt gegeben, dass man sich demnächst im Internet seinen eigenen Bioroboterklon bestellen kann, der einen dann mit dem atomgetriebenen Autohelikopter zum Ferienhaus auf den Mars fliegt. Es ist einfach schön zu wissen, dass Peter Moosleitner wieder schreiben darf.
© Götz Frittrang
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