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Mein Rolf Dieter Brinkmann ist eine Fiktion

22.04.2005

Anläßlich des 30. Todestags von RDB am 23. April 2005 überarbeitete und erweiterte Fassung

Von Theo Breuer

 

„diese Offenheit, diesen unverstellten Blick, unverstellt von Ideologie, Gedankenmustern, Absichten, Zielen, Pflichten, Moral usw. kann ich mir hier nicht denken, sie ist nicht da, dieses winzige Stückchen mehr an Freiheit.

Statt dessen herrscht eine Ideologie und ein Gedankenterror und ein blindmachendes Abstrahieren, das von Gedanken ausgeht und immer weiter abstrakt Gedanken produziert – dabei geht alle Sinnlichkeit verloren.“

(Rolf Dieter Brinkmann,
Brief an Hartmut Schnell, 22.1.75)


In den vergangenen Tagen, Wochen und Monaten des Jahres 2005 habe ich mich – in Erwartung des 23. April 2005, Brinkmanns 30. Todestag – wieder besonders intensiv mit Rolf Dieter Brinkmanns Werk befaßt bzw. Gespräche darüber geführt. Am 3. Dezember 2004 beispielsweise in der Kölner Taubengasse während meines Besuchs bei Hans Bender: Jedesmal, wenn wir uns sehen, reden wir über Brinkmann, und dieses Mal hörte ich mich zu einer erneuten Lobeshymne ansetzen mit dem Satz als Höhepunkt: „Ja, ich bekenne mich gern zu Rolf Dieter Brinkmann. Ich bin ein großer Verehrer seines Werks.“ Bender, als Herausgeber der AKZENTE und anderer Lyrikeditionen einer der Förderer Brinkmanns, betont – nachdem er zum wiederholten Male sein Unverständnis gegenüber einem Werk wie Rom, Blicke (das mich unglaublich affiziert) geäußert hat –, daß Brinkmann ihm gegenüber stets höflich und freundlich gewesen sei. Wahrhaftig keine Selbstverständlichkeit bei einem Brinkmann...
Oder ich habe in der Literatur wieder neue RDB-Kommentare, Verweise oder Allusionen entdeckt. MEINE BIBLIOGRAPHIE ROLF DIETER BRINKMANN, die ich wie ein Tagebuch führe, umfaßt mittlerweile mehr als 9 kleingedruckte zweispaltige Seiten – ganz frisch ist der Hinweis auf die Bemerkung Gerhard Falkners in einem vor wenigen Tagen publizierten Text: „... und mein Ärger über den schlechten Beobachter und den so sehr in seine Ignoranz vernarrten Brinkmann ist noch nicht verraucht“. Daran anschließend lese ich in seinen Büchern bzw. höre seit einigen Wochen die Audio-CDs, die anläßlich des 30. Todestags bei INTERMEDIUM RECORDS in Erding erschienen sind: Wörter Sex Schnitt – 5 CDs und 60 Seiten Booklet (Gesamtlaufzeit 361 Minuten) und The Last o­ne – Autorenlesungen während des Cambridge Poetry Festivals 1975 – drei bzw. vier Tage vor seinem Unfalltod in London. Die wunderbare Zärtlichkeit, die vielen der Verse und Gedanken dieses oft auch ungeheuer schroff daherkommenden Schriftstellers innewohnt, bezaubert mich jedesmal neu: Und wenn ich diese jetzt von Brinkmann selbst gesprochen höre, laufen mir Schauer über den Rücken. Während seines Besuchs am Karfreitag 2005 hören Axel Kutsch und ich gemeinsam u.a. das Gedicht ROLLTREPPEN IM AUGUST, und wir begreifen erneut, was Brinkmanns besondere Gabe gewesen ist: Er transportiert in unser Leben, was er ausdrücken will, das ist nicht bloß behauptet, das ist so geschrieben und gesprochen, daß die Panik nicht nur nachvollziehbar, sondern erlebbar wird: Panik, Panik, Panik...
Ich bin sicher, daß es längst nicht nur mir so geht. Seit den 90er Jahren erlebt Brinkmann eine Renaissance, von der die FAZ respektive Ingeborg Harms aber auch gar nichts mitbekommen zu haben scheint: „Daß dieser gleichsam am Tropf des Plattenspielers hängende Autor heute kaum noch gelesen wird, liegt nicht zuletzt an der Illusion, man könne Atmosphärisches durch bloße Nennung umstandslos in Blocksatz gießen.“ Nun denn.
Ich habe in den letzten Jahren einige Erstausgaben seiner in der 80er Jahren in Kleinverlagen erschienenen Gedichtbände erwerben können, und es gibt verstärkt wieder mehr oder weniger umfangreiche Publikationen über ihn zu lesen, die sein umfassendes Werk bearbeiten und in seiner Vielseitigkeit deutlich machen.
Zudem habe ich mit Jan Volker Röhnert vor einigen Jahren einen jungen Lyriker kennen und schätzen gelernt, der mit vorzüglichen Essays entscheidend dafür sorgt, daß viele Mißverständnisse, die über den Dichter Rolf Dieter Brinkmann kursieren, wenigstens ansatzweise korrigiert werden können. Wenn ich lese, welch einengende Dummheiten das Feuilleton oft über Brinkmann bringt (beispielsweise die Reduzierung auf den „Popliteraten“, ohne die kaum eine Schlagzeile auskommt), freut es mich um so mehr, daß ein so kluger und engagierter Mann wie Röhnert für eine Literatur wirbt, die so lebendig wirkt wie eh und je – und auf mich stärker mit jedem Jahr, das ich älter werde und die Ausnahmestellung und Qualitäten des Brinkmannschen Werks noch genauer zu erkennen in der Lage bin... Röhnerts 2001 in der EDITION BAUWAGEN erschienener Gedichtband FRAGMENT ZUM FRANZÖSISCHEN SÜDEN 1 & 2 steht in der Nachfolge eines Dichters, dessen Nachwirkungen auf die deutschsprachige Lyrik weiterhin spürbar sind – zahllose „postmoderne“ Allusionen in Gedichten der letzten Jahre beweisen es. (Im übrigen: Einen Gedichte verfassenden Menschen, der sich nicht wenigstens in Form einer Pflichtleküre mit Brinkmanns Gedichten und Poetologie befaßt hat, kann ich nur bedingt Respekt entgegenbringen.)
Vor einiger Zeit besuchte mich Jürgen Völkert-Marten, der wohl bedeutendste (übrigens in Gelsenkirchen in der Nähe der Arena auf Schalke lebende) Rolf-Dieter-Brinkmann-Sammler in deutschen Landen, und schenkte mir eine 1978 erschienene Ausgabe der amerikanischen Literaturzeitschrift NEW LETTERS mit zwei von Hartmut Schnell in Englische übertragenen Gedichten Brinkmanns, von denen eins The African – meines Wissens bislang nicht einmal auf deutsch erschienen ist... Es gibt wahrscheinlich noch einiges in Frau Brinkmanns und anderer Leute Schubladen – obwohl nun auch mit den beiden Audio-Editionen ja wieder Fulminantes ans Tageslicht gekommen ist. Und das waren noch nicht einmal die einzigen Überraschungen in diesem Jahr. Nein, aller guten Dinge sind drei...

Drehen wir jetzt einmal seitenlang die Zeit um einige Jahre zurück:

I
n den späten 80ern und gesamten 90ern hatte ich vergeblich versucht, Rolf Dieter Brinkmanns vergriffenen Lyrikband Westwärts 1 & 2 in Antiquariaten aufzustöbern. Ich hatte gelegentlich befreundete Autoren gebeten, für mich mit Ausschau zu halten nach diesem Lyrikband (für dessen auf 188 Seiten verteilte Bruchstücke, Collagen, Montagen, präzise sinnliche Bilder, konkrete einfache Wörter, AugenBlicke, musikalische Sequenzen & wilde, sich über etliche Seiten hinziehende Wortwirbel ich bis zu 80 DM zu zahlen bereit war), der nach seinem Erscheinen im Jahre 1975 dafür sorgte, daß dieser Dichter vorläufig nicht vergessen werden würde. Und das ist er bis heute nicht – im Gegenteil.
Natürlich konnte ich zahlreiche Gedichte aus Westwärts 1 & 2 in Anthologien finden, so beispielsweise in dem von Axel Kutsch besorgten Lyrikjahrbuch WORTNETZE II (Rolf Dieter Brinkmann und Hans Bender als „großen Schriftsteller und Herausgebern“ gewidmet), aber was war das schon gegen das Erlebnis des Ganzen? Eines Tages (im Jahre 1997) erhielt ich denn auch einen dringenden Anruf von Völkert-Marten, der mich auf den aktuellen Katalog des Antiquariats Seinsoth in Bremen aufmerksam machte, in dem ein gut erhaltenes Exemplar des Taschenbuchs angeboten wurde: Ich meldete mich dort umgehend, aber nein, leider war das Exemplar schon verkauft. Wieder nichts! (Ähnliche Erfahrungen konnten Sie auf Antiquariatstagen in den 90er Jahren machen, wo Sie mit Nike-beschuhten, eigens von gutbetuchten Sammlern für diesen Wettlauf engagierten Muskelmännern in Konkurrenz treten mußten, um ein Brinkmann-Bändchen aus den 60er Jahren wie Le Chant du Monde – wenn denn überhaupt eins angeboten wird – für bis zu 1000/1500 EUR zu ergattern. Wohlgemerkt: Wir sprechen hier von dünnen Lyrikbänden. Völkert-Marten gehört zu der Generation, die sich bereits etwas früher mit Brinkmann befaßt hat, und er ist im übrigen einer der wenigen Glücklichen, die mehr oder weniger sämtliche Werke (einschl. der zu Lebzeiten Brinkmanns erschienenen Anthologien und Zeitschriften) in Originalausgaben besitzen. Aber originale Ausgaben brauche ich gar nicht. Die Texte sind die Hauptsache, und die ersten 9 Gedichtbände Brinkmanns sind beispielsweise in dem umfangreichen Sammelband Standphotos zusammengefaßt.
Aber ich hatte dieses ganze Dilemma ja selbst heraufbeschworen. Ich studierte doch seit Oktober 1974 in Köln. Wieso hatte ich nicht längst eins der 17.000 Westwärts-Exemplare, die bis zu Beginn der 90er Jahre noch greifbar waren, gekauft? Ja, das ist eine andere Geschichte, die, wie das Langgedicht on the brink of poetry, im collagierten Gedichtband DAS LETZTE WORT HAT BRINKMANN (Edition Labyrinth & Minenfeld, Osnabrück 1996) nachgelesen werden können... Karsten Herrmann, Herausgeber jener mittlerweile eingestellten Edition, hat übrigens 1998 über Brinkmann promoviert und erweist sich mit seinem 2000 bei Aisthesis erschienenen Brinkmann-Buch BEWUSSTSEINSERKUNDUNGEN als einer der besten Kenner dieses ja eher nur einem erweiterten Insiderkreis bekannten Dichters. Ich habe Herrmanns Buch mit Genuß und großem Gewinn gelesen.
Über zehn Jahre lang lebte Brinkmann in einer Seitenstraße Kölns. In Köln gibt es zwar beispielsweise das gutdotierte ROLF-DIETER-BRINKMANN-STIPENDIUM (das u.a. der kürzlich verstorbene Thomas Kling einst bekam), aber insgesamt hört dort die Literatur zumeist immer noch bei Heinrich Böll (gegen den ich nichts habe, im Gegenteil...) & Co. auf, Mainstream eben, das wollen die Leute... Wenn der arme Brinkmann von diesem Stipendium wüßte, er würde sich nicht krank-, nein, er würde sich mal wieder kaputtlachen, denn wer so sehr gegen Wände gelaufen ist zu Lebzeiten und später als Ikone gehandelt wird, nein, das wäre seine Sache nicht gewesen. So gesehen paßte der eher unbeugsame Brinkmann auch nicht ins klüngelige Köln, wo man gern die 5 gerade sein läßt, und ich frage mich, warum er dieser Stadt, die er ja gehaßt hat, wie man eine Stadt nur hassen kann, nicht längst den Rücken gekehrt hatte. Möglicherweise scheiterte es immer wieder nur am blöden Gelde. (Michael Hamburger erzählte mir, Brinkmann – mit dem er für den 24. April 1975 verabredet gewesen sei, statt dessen habe Jürgen Theobaldy mit der Todesnachricht vor der Tür gestanden – habe ihn während der Tage in Cambridge inständig gebeten, ihn bei einer Übersiedlung nach London zu unterstützen.) Natürlich wäre Köln wiederum nicht Köln, wenn es nicht all die vielen Künstler und Schriftsteller beherbergen würde, die mit dieser Stadt in einer Haßliebe verbunden sind. Der Lyriker Dieter M. Gräf hat in einem Gespräch, abgedruckt in der literarischen Anthologie JUNGER WESTEN, dazu einiges Bemerkenswerte zu sagen.
Im Dezember 1998 erreichte mich dann diese Karte, die mich darüber in Kenntnis setzte, daß das Buch nun endlich wieder als Neuausgabe greifbar sei. Die Karte bewirkte einen Endorphinschub, der mich taumeln ließ... Am 6. Januar 1999 stieg ich also die enge, steile Treppe zur Kölner Bahnhofsbuchhandlung hinab (hier hat sich Brinkmann auch immer wieder Bücher besorgt, eine Angestellte erinnert sich gut an ihn) – und tatsächlich: Da stand es, gleich zehnmal schön in Reih und Glied hintereinander... So einfach war das also! Im Überschwang meiner Freude sagte ich leichthin zu der Dame, die die 18 Mark 90 kassierte: „Auf dieses Buch habe ich jahrelang gewartet. Gibt es denn schon eine Nachfrage?“ „Ach was“, meinte sie, „wieso denn auch, der Brinkmann ist doch längst passé.“ Mist, dachte ich, hättest du doch nichts gesagt, denn auf eine Diskussion einlassen wollte ich mich nicht, konnte aber nicht umhin, ihr im Gehen noch zu sagen, daß sie mit ihrer Meinung auf dem Holzweg sei. Eine weitere Reaktion habe ich nicht mehr abgewartet, das war mir einfach zu blöd... (Tja, und nun – im April 2005 – gibt es endlich die eigentliche Fassung von Westwärts 1 & 2: 360 Seiten statt 188... 30 Jahre haben wir darauf gewartet.)
So ist das eben mit Brinkmann: Nichts geht glatt bei dem Mann, nicht einmal der Kauf eines seiner Bücher... Das beweist ja auch wieder der oben erwähnte (während der verregneten Sommertage des Jahres 2002 erschienene) FAZ-Artikel, zu dessen Niveau Axel Kutsch nur noch ein Wort einfiel: „Unsäglich!“
Symptomatisch auch die Erfahrung mit dem Artikel in der Digitalenzyklopädie ENCARTA: Überrascht war ich zunächst einmal über die Länge des Artikels, und beim Lesen stellte ich kopfnickend fest, daß dieser Text einen recht guten Überblick über Werk und Wirkung dieses Dichters vermittelt:

Brinkmann, Rolf Dieter (1940-1975), Schriftsteller. Aufgrund seiner Affinität zur amerikanischen Subkultur Ende der sechziger Jahre gilt er als Begründer einer deutschsprachigen Variante der Underground-Literatur. Brinkmann wurde am 16. April 1940 in Vechta geboren. Nach einer Beschäftigung als Verwaltungsangestellter und einer Buchhändlerlehre begann er 1963 ein Pädagogikstudium. Bereits nach 1959 entstanden zahlreiche Gedichte und Erzählungen, die zwar in Kleinverlagen erschienen, jedoch weitgehend unbekannt blieben. Seit Mitte der sechziger Jahre lebte Brinkmann als freier Schriftsteller, oftmals am Rand des Existenzminimums. Sein 1968 veröffentlichter Roman Keiner weiß mehr machte ihn mit einem Schlag bekannt. Die ein Jahr später folgenden Prosasammlungen Silver Screen avancierten zur Standardlektüre vor allem in der bundesdeutschen 68er-Generation (siehe Studentenbewegung). In der gleichen Zeit wurden u. a. die Lyrikbände Godzilla (1968), Die Piloten (1968) und Gras (1970) publiziert, die allesamt die Züge amerikanischer Popkultur trugen. Auch durch Übersetzer- und Herausgebertätigkeiten (ACID. Neue amerikanische Szene, 1969, zusammen mit R.-R. Rygulla) machte Brinkmann die Untergrunddichtung der USA im deutschen Sprachraum bekannt. Zwischen 1970 und 1975 verebbte seine Schaffenskraft. 1974 hielt er sich als Gast des German Departement der Universität Austin (Texas) in den Vereinigten Staaten auf. Brinkmann starb am 23. April 1975 bei einem Autounfall in London. Brinkmann gehörte zu der von Dieter Wellershoff initiierten Kölner Schule des neuen Realismus. Dabei verband er eine wirklichkeitsnahe Darstellungsweise mit modernen Verfahren wie den Stream of consciousness oder der Montage, wobei er auch Werbespots und Reklameworte miteinbezog. Düstere Zukunftsprognosen, geradezu apokalyptische Visionen und eine starke Aversion gegen den westlichen Kulturbetrieb kennzeichnen die Periode von 1970 bis zu seinem Tod; paradigmatisch wird dies in World’s End (1973) und der autobiographischen Briefsammlung Rom 1, Blicke deutlich, die während eines Stipendiums der Deutschen Akademie Villa Massimo (1972/1973) in Italien entstanden. Weitere Werke des Autors sind die Erzählungen Die Umarmung (1965) und Raupenbahn (1966), die Gedichtbände Was fraglich ist wofür (1967), Westwärts 1 & 2 (posthum 1975), Standphotos (posthum 1980) und Eiswasser an der Guadelupe-Straße (posthum 1985) sowie die autobiographische Sammlung Der Film in Worten (posthum 1982). Darüber hinaus drehte Brinkmann Experimentalfilme und trat als Organisator multimedialer Events hervor.

Den Kopf schüttelte ich allerdings, als ich auf diesen Satz stieß: „Zwischen 1970 und 1975 verebbte seine Schaffenskraft“. Total daneben: Nach 1970 zog sich Brinkmann in die Wohnung in der Kölner Engelbertstraße am Rudolfplatz zurück (wenn er denn nicht als Stipendiat in Rom bzw. als Gastprofessor in Austin/Texas weilte oder im Hunsrück auf einem besonders extremen Rückzugstrip von der Gesellschaft war) und las, reflektierte, collagierte, fotografierte & schrieb, schrieb, schrieb, schlug am Tag und vor allem in der Nacht mit den Tasten der Schreibmaschine wie besessen Buchstaben auf das Papier – wahrscheinlich, nein: sicherlich (weit!) mehr denn je...
In diesen letzten Jahren seines Lebens bereitete Rolf Dieter Brinkmann in Form von Materialienbüchern (die noch nicht alle publiziert sind, nehme ich an) sein OPUS MAGNUM vor, das alles bisher Dagewesene überwinden sollte. Vorbilder wie Louis-Ferdinand Céline („Reise ans Ende der Nacht“), Blaise Cendrars (z.B. „Moravagine“), Hans-Henny Jahnn (u.a. „Fluß ohne Ufer“, „Perrudja“) und Arno Schmidt („Zettels Traum“ – die Originalausgabe mußte er, wie so vieles, aus Geldgründen wieder verkaufen) oder Claude Simon („Die Akazie“) hatten ihm Vorlagen geliefert, die er bei weitem zu übertreffen suchte: Deren Romane waren, bei aller Faszination, die sie ausüben mochten, noch viel zu sehr aufs Wort fixiert; wie z.B. Joyce mit FINNEGAN’S WAKE wollte Brinkmann den Literaturbegriff, den Roman an sich sprengen, nicht mehr in Kategorien denken und schreiben und zu einer gewaltigen, gleichsam wortelosen Urform vorstoßen, die alles umfaßte, was Leben bedeutete. Ist das möglich? Oder ist die Vorbereitung bereits das Werk? Hier ging es nun nicht um einzelne (akademische) Formfragen (die Brinkmann nie besonders interessierten), ob Prosa oder Lyrik oder Essay oder Cutup oder Montage oder Collage oder Brief oder Foto die geeignete Ausdrucksmöglichkeit sei, Inhalte, Phänomene, Stoffe festzuhalten; hier wurde der Frage nachgegangen, was denn Leben sei, was denn Literatur sei oder wie Leben und Literatur noch möglich sei: und das nicht in höflichen, Meinungen wie Pingpong austauschenden Seminarsitzungen, bei denen man nachher auseinandergeht, als sei nichts gewesen, sondern in aufs Ganze gehenden, energie- und schlafraubenden, schweißtreibenden, hochkonzentrierten, rauschhaften Bewußtseinserweiterung und Euphorie auslösenden Mammutsitzungen an Schreibmaschine und Schreibtisch, sich selbst voll einbeziehend und sich und die Umwelt nicht im geringsten schonend: Hier lebte er sein Leben in der Literatur, und gerade nach 1970 hat er dieses Leben mehr denn je zuvor verwirklicht – materielle Armut und Isolation zähneknirschend oder wutschnaubend in Kauf nehmend: welch zynische Phrase, die hier den Kern der Dinge zu treffen scheint. Denn nur so konnte Rolf Dieter Brinkmann sein: Leben und Literatur waren für ihn ein und dasselbe, nein, er war kein lügender Dichter, wie Zarathustra ihn beschreibt, für ihn gab es nur das wahrhaftige Leben, das Leben bedeutet und nicht Formblatt oder Bürokratie oder Gesetzgebung oder Verordnung oder: MAN! Leben heißt: ich! Einmal und nie wieder. Leben ist: gegenwärtig, lebendig, musikalisch, radikal, sinnlich, subjektiv, zufällig.
Und Leben bedeutete für Brinkmann vor allem: hassen und sehnen. Und – nicht nur – das stempelt ihn zum Romantiker! Welcher Dichter wäre das übrigens nicht?! (Charakter kommt übrigens aus dem Griechischen und hieß dort ursprünglich Þ Stempel...)
Bewußt und sensibel beobachtete er, was um ihn herum geschah, und er kam zu keinem guten Ergebnis. Das also sollte Leben sein: Gewalt, Unwahrheit und Unrecht waren die Auswüchse dieses faschistoiden, kapitalistischen westdeutschen Demokratismus, in dem Konzern, Medien, Partei alles, der Einzelne nach wie vor nichts war. Wir erinnern uns alle, was gewisse Politiker bereits so kurz nach 1945 über Schriftsteller und Künstler, die Sandkörner ins wirtschaftswundersame Getriebe schmissen, zu sagen wagten und – Beifall dafür erhielten.
Die ganze Verlogenheit der Nachkriegszeit war für Brinkmann zeitlebens – unerträglich. Ich möchte an dieser Stelle betonen, daß Rolf Dieter Brinkmann mich ausschließlich als Dichter, besser noch: als Prototyp des Dichters interessiert (so wie Hölderlin oder Brambach oder Bukowski; es gibt zahlreiche Namen, die ich hier nennen könnte – mit dem einen Unterschied: Brinkmann gehört zu denen, die mich besonders interessieren, ja, faszinieren). Ich möchte keinen Blick in sein Elternhaus werfen, sein eheliches Schlafzimmer ist mir schnuppe, ich möchte nicht an sein Grab in Vechta gehen, von dem ich einmal nur 200 Meter entfernt war. Im vergangenen Jahr allerdings habe ich – zusammen mit Jan Röhnert vor dem Haus Engelbertstr. 65 gestanden, in dem er viele Jahre zur Miete gewohnt hat. Unvergessen wird dieser Tag mir bleiben, weil es der 11. September 2001 war. Nein, ich möchte mich nicht in die Privatangelegenheiten dieses Menschen mischen, der keine Ikone gewesen ist, sondern: ein Mensch. Ein Mensch, der ein literarisches Werk hinterlassen hat, das seinesgleichen sucht.
Interessant hingegen ist der Blick in die 10 Lyrikbände, in denen wir einem Dichter begegnen, der es versteht, Wortdias zu entwerfen, in denen ich die Dinge, dir mir schon tausendunddreimal begegnet sind, nun endlich: sehe! Auch wenn Brinkmann selbst auf Distanz gegangen ist zu seinen früheren Gedichten (welcher ernsthafte Lyriker täte das nicht...), so finden sich hier dennoch Gedichte, die zu den stärksten gehören, die in der zweiten Hälfte der 60er Jahre entstanden sind.
Fasziniert bin ich, wenn ich in den unheimlich langen BRIEFEN AN HARTMUT Einblick in ein Gehirn erhalte, das sich dem gängigen Sprechen und Denken widersetzt und dieser von ihm als grauenvoll empfundenen deutschen Sprache dennoch Ausdrucksmöglichkeiten abringt, mit denen er sich einigermaßen identifizieren kann. Ich finde es traurig, wenn Zeitungen zu seinem 20. Todestag nichts Besseres zu tun haben, als Mutmaßungen darüber anzustellen, ob Brinkmanns Verhältnis zu seinen Eltern trübe war (wovon laut Brinkmanns eigenen Aussagen auszugehen ist) und Nachbarn zitieren, die dem Vater einen Persilschein ausstellen. Ebenfalls unerheblich ist, ob einer einmal gesagt hat, Brinkmann sei das einzige literarische Genie, das Westdeutschland je hervorgebracht habe. In über 20 (1995 in überwiegend großen überregionalen Zeitungen abgedruckten) Artikeln, die der Vorsitzende der Rolf-Dieter-Brinkmann-Gesellschaft mit Sitz in Brinkmanns Geburtsstadt Vechta mir ungefragt zuschickte und nach deren Kenntnisnahme ich mich so schlecht fühlte, daß ich mich nur durch die Verwurstung der Kopien zu Collagen (die Teil des Bandes DAS LETZTE WORT HAT BRINKMANN geworden sind) zu helfen wußte, war auch dieser Schwachsinn nachzulesen, so, als habe der eine vom anderen abgeschrieben. Brinkmann ist wahrhaftig „ein lebender Toter“: Noch heute offenbar eine Bedrohung fürs Establishment, das er entlarvt, als das was es ist: ein hirnloses Machtkonglomerat namenloser kapitaldiktierter Würstchen, die sich natürlich nicht die Mühe machen wollen, seine Bücher zu lesen, zu verstehen, seine Gedichte zu lesen, zu begreifen... Und überhaupt: Wen interessieren schon Gedichte? Wen interessiert „experimentelle“ (also: unlesbare!) Literatur? Und bedrohlich empfinden nicht wenige Leser, u.a. Literaten, deren Namen unerheblich sind, auch seine so genannten „Materialienbände“.
Neben mir liegt SCHNITTE: Hier wird auf 158 großformatigen (engbeschriebenen, teilweise zwei- oder dreispaltig absatzlos dahinjagenden) Seiten das widerwärtige Leben in rücksichtslos brutalen Collagen bloßgestellt. Das ist anstrengende Lesearbeit (zumal die Seiten nicht säuberlich gesetzt sind, sondern faksimilierte Wiedergaben der ursprünglichen Schreibmaschinenseiten, mit durchgeixten Wörtern usw., hier geht es drunter und drüber) und vor allem: Trauerarbeit, gewiß, zumal der seitenlange, unaufhaltsame, von einer Assoziation zur nächsten mäandernde Bewußtseinstrom mich ständig weiterreißt, über das nächste Gedankenriff, zum nächsten Vorort der Seelenhölle. Ich stelle mich dieser Brinkmannschen Lektüre, die mir das ungeheure Erkenntnisinteresse eines bildungshungrigen Menschen vor Augen führt, der sich gewaltsam von seiner familiären und gesellschaftlichen Herkunft zu lösen versucht, der nichts als Dichter sein will, voll und ganz: Rom, Blicke, Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand, Schnitte und teilweise auch Der Film in Worten sind Bücher, die Schmerzen verursachen, aber es sind Bücher, die sich radikal dem nähern, was ich suche: Wahrheit. Brinkmann will ES wissen! Diese Bücher sind alle nach 1968 entstanden. Mit Sicherheit hat Brinkmann sich auch mehr von den im Mai 1968 in Paris stattfindenden, von über 10 Millionen Menschen unterstützten Aktionen, die weit, weit über das hinausgingen, was in Berlin in der Zeit vor sich ging, erhofft: Und am Ende standen die Träumer sozusagen mit leeren Händen da. Kämpfer und Hoffnungsträger wie Rudi Dutschke (den Brinkmann kritisch sah – wen nicht?), Che Guevara und Martin Luther King hatten sich, wie der Prager Student, gleichsam in Nichts aufgelöst; für Deutschland gesprochen, war eine weitere Revolution gescheitert – wie alle anderen zuvor, aber eben nicht nur in Deutschland. Das Establishment konnte sich in der Folge breiter machen denn je, trotz des jahrelangen Bürgerkriegs, den eine Reihe von Brinkmanns Zeitgenossen vergeblich führten. Vergeblich? Seien wir nicht so pessimistisch: Es heißt ja auch immer wieder, die Dichter seien im Prinzip überflüssig auf dieser Welt, aber das glaube ich nicht. Wir alle erfüllen unsere Mission, und genauso, wie die im tiefsten Grunde positiven Motive von Andreas Baader, Gudrun Ensslin u.v.a. die Politik der 80er und 90er Jahre auf Umwegen beeinflußt haben, sind auch die vergeblichen Kämpfe der Dichter keineswegs vergeblich: Sie werden weitestgehend immerhin ignoriert. So füllen sie ein gesellschaftliches Vakuum, dessen geheime Auswirkungen noch nicht erforscht sind. Na, wenn das NICHTS ist...
Rolf Dieter Brinkmann ist, wie gesagt, kein Dichter, der lügt. Auch darum hat er wohl zu Lebzeiten nie den großen Erfolg gehabt. Wäre Brinkmann überhaupt bekannt geworden ohne die Unterstützung von Dieter Wellershoff, der damals Cheflektor bei Kiepenheuer & Witsch war und von dem er sich bald wieder abwandte? Müßig eigentlich, die Frage, aber sie steht im Raum, seit ich sie mit Harald Gröhler, der Brinkmann verschiedentlich begegnet ist, diskutiert habe. Immerhin: Sein Roman Keiner weiß mehr hatte recht großen Erfolg, als er 1968 erschien, und ein damals noch vergleichsweise junger Kritiker (der sich vor Büchern, die mit Maschinengewehren verglichen wurden, fürchtete) überschlug sich beinahe mit seiner Lobrede... Ich will übrigens nicht behaupten, alle erfolgreichen Dichter müßten sein wie Brecht – der trotz allem auch zahlreiche große Gedichte geschrieben hat. In diesem Text geht es mir ausschließlich um meine enge Sicht von Brinkmann, wie ich ihn erlebe, wenn ich seine Bücher lese.
Brinkmann ging keine Kompromisse ein. Immer wieder machte er Schnitte, wenn es ihm zu bunt wurde: So landete er schließlich bei Rowohlt (ohne selbst noch etwas davon zu haben), nachdem es mit dem Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch nicht mehr ging. Ein Zeitgenosse hat mir erzählt, wie er zufällig dem die Treppe hinunter polternden Brinkmann im Kölner Verlagshaus begegnet sei. Die Zusammenarbeit mit Rowohlt war dann ja auch nicht berauschend – leider war man damals noch nicht in der Lage, wozu man 30 Jahre später erfreulicherweise in der Lage ist: Westwärts 1 & 2 ohne Kompromisse zu publizieren.
Es wird ja ernsthaft behauptet, Zu- und Abneigung würden in Sekundenbruchteilen entschieden: Ich erblicke jemanden und... Wenn dem so sein sollte, dann weiß ich, warum ich den Dichter Brinkmann so gut finde. Nein, ich habe ihm nie in die Augen gesehen, natürlich nicht, aber die Art, wie der englische Dichter Richard Burns, der Begründer jenes ersten internationalen Poetry Festivals von Cambridge im Jahre 1975, bei dem Brinkmann zum letzten Mal öffentlich las, den ich während eines Arbeitsbesuchs 11 Jahre später – im Sommer 1986 – in Cambridge traf, mir in die Augen blickend sagte: „You don’t know Rolf Dieter Brinkmann? Amazing. He’s a fine German poet. A very fine German poet.“
Ich will hier keinen Mythos prägen, aber in jenem Augenblick lief ES mir sanft den Rücken herunter, weil ich spürte, daß ich in diesen wenigen Sekunden an zwei Dichterleben teilhatte: „Es quoll in mir auf, wie etwas Unbestimmtes, Süßes, Liebes und Vergangenes“ (Hugo von Hofmannsthal). Vielleicht wurde in dem Augenblick erst eigentlich der Dichter in mir geboren. Was auf jeden Fall geboren wurde: Ihr nennt es – Liebe?
Die gewiß auch mit meiner Vorliebe für die amerikanischen Beatniks und deren Nachfolgern zu tun haben muß, die ein wenig von dem kernigen, halbwegs ehrlichen Amerika retteten, das bereits in der Ära McCarthy zu großen Teilen zum Teufel gejagt wurde. Denn Brinkmann war es ja, der die amerikanische subkulturelle Literatur der 60er Jahre nach Deutschland gebracht und mit der Anthologie Acid populär gemacht hat. Brinkmanns Lyrik ist wohl ohne die Auseinandersetzung mit amerikanischem Beat und Pop, ohne die Lektüre dieser tabubrechenden amerikanischen Dichter nicht denkbar, die auf einfache, direkte, obszöne, sinnliche und radikale Art und Weise sowohl die lyrischen Formen und Themen als auch den poetischen Wortschatz sprengten. Alles dringt nun ins Gedicht ein, vor nichts wird haltgemacht. Das war in Deutschland bis dahin – undenkbar!
In erster Linie waren es wohl Gedichte von William Carlos Williams und Frank O’Hara, die ihm den Weg zu seiner Lyrik wiesen, die mich deshalb fasziniert, weil sie nichts beschönigt (und gerade deshalb schön ist!) und in präzisen, dennoch wilden freien Rhythmen subjektiv Erlebtes in seine wahrhaftige und abgründige Welt transformiert (auch mythisiert), in deren dichterischer Form es kein Raunen mehr gibt (immerhin wird hier auch Gottfried Benn als Vorbild deutlich, den er – im Gegensatz zu den meisten deutschen Dichtern – akzeptiert) und an der jeder Mensch, der sich den lyrischen Gehörgang hat bewahren können, teilhaben kann:


Gedicht

Zerstörte Landschaft mit
Konservendosen, die Hauseingänge
leer, was ist darin? Hier kam ich

mit dem Zug nachmittags an,
zwei Töpfe an der Reisetasche
festgebunden. Jetzt bin ich aus

den Träumen raus, die über eine
Kreuzung wehn. Und Staub,
zerstückelte Pavane, aus totem

Neon, Zeitungen und Schienen
dieser Tag, was krieg ich jetzt,
einen Tag älter, tiefer und tot?

Wer hat gesagt, daß sowas Leben
ist? Ich gehe in ein
anderes Blau.


Bei diesen Gedanken möchte ich es im Prinzip belassen, darum abschließend nur noch einige marginale Notizen: Der größte Teil dieses Aufsatzes ist an drei aufeinanderfolgenden Tagen im Januar 1999 entstanden (überarbeitet am 9./10. August 2002 sowie vom 3. – 15. April 2005). An jenen drei Tagen habe ich Hans Egon Holthusens Gedichtband LABYRINTHISCHE JAHRE (München 1952) sowie Harry Mulischs Essayroman DIE ZUKUNFT VON GESTERN (Berlin, 1995) gelesen. Der Zusammenhang, der sich nun zwischen diesen drei Texten in meinem Bewußtsein ergibt, ist verblüffend: Holthusens apokalyptische, pessimistische Todesgedichte und Mulischs kreative Analyse des Nationalsozialismus und seine Kritik an der „Nachkriegsrestauration präfaschistischer Vorkriegsverhältnisse“, die er mit den 68ern teilt, vervollständigen mein Bild von einem dichtenden deutschen Menschen, Rolf Dieter Brinkmann...

Wie das ertragen, diesen lautlosen Andrang der Ewigkeit,
Wie halten wir’s aus, mitten in der Stadt, unter tausend eiligen Leuten,
Nachmittags gegen halb fünf, die Abendzeitung in der Manteltasche,
Vor uns ein kleines Geschäft, das in der Benommenheit unsrer Gehirne
Wie eine grüne Verkehrsampel brennt unterm Nebel!
Wer bewahrt uns vor einer raschen Verwandlung der Szene ins Tödliche: Maschinengewehre anstelle von Preßluftbohrern und Aufständische
im Telegraphenamt,
Handgranaten in ein Fenster fallend, und wer nach sechs auf den Posten trifft,
Wir verflucht und an die Wand gestellt.

Hans Egon Holthusen

Ähnlich intensiv, wie ich beispielsweise am 7. April 1997 an ihn dachte, als ich mich nachmittags in einem düsteren Hotel in Vechta aufhielt und mich fürchterlich deprimiert und verlassen fühlte. Sicherlich beeinflußt durch die zahlreichen Aussagen Brinkmanns (die aber doch nicht privater, sondern literarischer Natur sind!) habe ich Vechta vom ersten Augenblick an extrem negativ gesehen, und schließlich rettete mich in diesem kalten Hotelzimmer die Lektüre des mehr als 50seitigen Langgedichts Eiswasser an der Guadalupestraße, das Gunter Geduldig, Leiter der Bibliothek der Hochschule Vechta (und Vorsitzender der RDB-Gesellschaft) mir ausgeliehen hatte. Ich erlebte die Simultantechnik eines ständig das Totale einfangenden Dichters als aufregendes Leseerlebnis, das mich wahrscheinlich vor einer Depression bewahrte... (Mittlerweile ist auch ein Exemplar dieses Buches in meinem Besitz.)
Als Einstiegslektüre für die vorsichtigen Leseinvestoren empfehle ich den Reclam-Band Künstliches Licht, der eine passable Auswahl aus Brinkmanns Werk bietet, doch wer aufs Ganze gehen will (und wer will das nicht???), beeile sich, nach Standphotos, Westwärts 1 & 2, den Erzählungen sowie dem Roman Keiner weiß mehr gleich die bereits erwähnten Materialienbände mitzubestellen: Denn die sind so gut wie vergriffen, bei www.zvab.de aber sicherlich zu finden.
Das bislang vorliegende Werk erscheint bei Rowohlt. Ich bin gespannt, wann auch die letzten verstreuten, bislang nur in Zeitschriften bzw. Anthologien erschienenen Gedichte und sonstigen Texte in einem Band zusammengefaßt vorliegen. Ich finde es jammerschade, daß das schöne Gedicht Meine blauen Wildlederschuhe oder das fulminante Vanille beispielsweise in keinem der 10 Gedichtbände zu finden ist, und die 1500 Exemplare von Eiswasser an der Guadalupestraße (1985) sind ja auch längst vergriffen. Wer mehr Einzelheiten erfahren will, dem empfehle ich das spannende Buch Bibliographie Rolf Dieter Brinkmann (1997 von Gunter Geduldig & Claudia Wehebrink herausgegeben), eine vorzügliche Fundgrube, die in weit über 1200 bibliographischen Anmerkungen (beinahe) alles von und über Rolf Dieter Brinkmann zusammenfaßt. (Schön wäre es allerdings, wenn das Buch demnächst in einer erweiterten Neuausgabe erscheinen könnte: So viel Neues ist, wie oben bereits betont, wieder erschienen und bibliographisch zusammengetragen worden.)
Und noch mehr hat sich ja vor 6 Jahren getan: Am Telefon erfahre ich von Bert Brune, dem sympathischen Kölner Südstadtautor (der mittlerweile auf der anderen Rheinseite lebt), er habe in der neuesten Rowohlt-Revue gelesen, daß ebenfalls im Januar 1999 Briefe an Hartmut von Brinkmann erschienen sei... (Und während der Lektüre dieses Buches wird mir wieder und noch einmal bewußt, über welche Schreibpower dieser Mensch verfügte: Über 10 oder 20 engbeschriebene Schreibmaschinenseiten gehen diese tagebuchähnlichen Briefe, in denen wir eine geistige Achterbahnfahrt miterleben, in kurzen Abständen an den in Austin (Texas) lebenden Hartmut Schnell, der eine Dissertation über einen Gedichtband Brinkmanns vorbereitet und vom Autor leidenschaftliche Unterstützung erhält.)
In einem 1989 erschienenen autobiographischen Roman dieses Bert Brune (eines Schriftstellertyps, der genauso wie Brinkmann viel Zeit mit Herumgehen und Beobachten und anschließendem Notieren verbringt), den ich lese, nachdem dieser Artikel eigentlich schon fertig gestellt ist, finde ich zu meiner großen Überraschung ein ganzes Rolf Dieter Brinkmann gewidmetes Kapitel, aus dem ich diesen Abschnitt zitieren möchte:

„Brinkmann, ein Fanatiker von Fakten, wie er sich selbst nannte und es von sich forderte, beschrieb jeden Bauzaun, den Ölfleck auf dem Asphalt vor seiner Haustür – und eben auch die Lokale, Kneipen, die Diskotheken, die er besuchte, sogar die Bordells in der Kleinen Brinkgasse, und notierte gewissenhaft den Preis für seine Orientzigarettenpackung, und man erfuhr, wieviel der Wein im Wienwald am Ring kostete... Brinkmann war allerdings – im Gegensatz zu mir – ein unermüdlicher Hasser seiner Stadt, wohl allgemein jeder Großstadt (...) dieser Dichter gab jedem seiner Leser einen Adrenalinstoß, man sah selbst nun unwillkürlich genauer hin, nahm seine Umgebung intensiver wahr, fühlte sich aufgefordert, selbst zu notieren, zu reflektieren, und alles, was um einen herum geschah, zu registrieren und zu beurteilen.“

Ich also gleich am nächsten Morgen in die Bahnhofsbuchhandlung, die das Buch tatsächlich vorrätig hat (von 10 Westwärts sind noch 3 da). Ich habe Glück: Es ist eine andere Angestellte da, und ich kann es wieder nicht lassen, habe noch einmal Glück, denn sie reagiert interessiert und meint erstaunt: „Ja, daß die den Brinkmann wieder ausgraben!“
Und ich denke bei mir (mal wieder): JA, DER BRINKMANN, DER IST WAHRHAFTIG EIN LEBENDER TOTER! Die nette Dame erzählt mir noch, daß Frau Brinkmann vor vielen Jahren einmal in diesem Buchladen gearbeitet habe. SMALL WORLD. Na denn! GUTEN TAG!

Von wegen: „ausgraben“! Zurück im April 2005 denke ich: Brinkmann ist nie eingegraben worden. Ja, ja, sterbliche Hülle und so, das mag ja sein. Und auf dem Familiengrab in Vechta steht ja auch:

Rolf Dieter Brinkmann 1940 – 1975.

TROTZDEM!

(Sie verstehen, was ich meine?)

TITEL ist umgezogen!

Liebe Leserinnen, liebe Leser!


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