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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 25. April 2017 | 20:16

    Norbert Bolz auf den Spuren von Peter Sloterdijk

    10.09.2011

    Konvertiten unter sich

    Das Philosophicum Lech, eine Institution des Österreichers Konrad Paul Liessmann, einst Trotzkist, dann Verächter der »Gutmenschen«, die Jörg Haider bekämpften, mittlerweile ziemlich weit rechts, verleiht einen Essay-Preis namens »Tractatus«. Die Jury bilden Rüdiger Safranski, Ursula Pia Jauch und Helmut A. Gansterer. Den Preis erhält in diesem Jahr Norbert Bolz.

     

    Eine Glosse von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Zu Erinnerung: Norbert Bolz gehört zu den Konvertiten der ersten Stunde. Auf sich aufmerksam machte er als Adept von Adorno und Benjamin. Doch bald schon entdeckte er den Charme des Kapitalismus, dessen Lob ihm umso unverfrorener aus dem rhetorisch geschulten Munde kam, je mehr ihm daran gelegen war, seine linke Vergangenheit vergessen zu machen und sich dem Establishment als Ideologielieferant anzudienen. Fast noch erstaunlicher als dieser Gesinnungswandel ist die Einfalt, mit der einige Linke Bolz für einen der Ihren hielten, als längst erkennbar war, wessen Ungeistes Kind er ist.

    Vor zwei Jahren gelang es Peter Sloterdijk, in dessen publizistischem Schatten Bolz stets dahinvegetieren musste, mit der Aufforderung an die Reichen via Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Bezahlung von Steuern zu verweigern, Aufsehen zu erregen. Das ließ den Kleinphilosophen, der an der TU Berlin lehrt, nicht ruhen. Am 13. August des vergangenen Jahres hat er im Tagesspiegel einen Kommentar veröffentlicht, von dem er sich offenbar ähnlichen Ruhm erhofft. Darin plädiert er für die Gründung einer Partei rechts von der CDU.

     

    Angela Merkel habe aus der CDU endgültig eine sozialdemokratische Partei gemacht. Nun ja. Wenn die Politik der SPD in den vergangenen Jahren sozialdemokratisch war, dann könnte das sogar stimmen. »Könnte die Anpassung der CDU an den sozialdemokratischen Zeitgeist heute nicht auch zur Abspaltung einer ›Rechten‹ führen, die den Erfolgreichen, denen man bisher erfolglos den Namen ›Leistungsträger‹ angedient hat, eine neue geistige, nämlich konservative Heimat anbietet?« fragt er rhetorisch. Er wendet sich an die gleichen Adressaten wie der große Sloterdijk. Sie sollen keine Steuern zahlen und eine rechte Partei gründen. What‘s next?

     

    Norbert Bolz scheint bei der »Achse des Guten« abgeschrieben zu haben: »Die Werte, um die es hier geht, lassen sich genau benennen. Die Rechte ist gegen den Paternalismus des vorsorgenden Sozialstaates, für mehr Selbstverantwortung und den unzweideutigen Schutz des Eigentums. Die Rechte ist für einen fröhlichen Patriotismus und eine christliche Leitkultur. Die Rechte hält am Vorrang der traditionellen Familie und an einem mehrgliedrigen Bildungssystem fest. Mit einem Wort: Die politische Rechte steht für Bürgerlichkeit. Wenn es ihr gelingen sollte, sich als Partei zu formieren, wäre unsere Gesellschaft endlich auch parlamentarisch balanciert. Die neue politische Struktur würde dann so aussehen: Linke-SPD-Grüne-FDP-CDU-Rechte.« Wozu der Konjunktiv? Die angeforderte Rechte gibt es schon. Sie nennt sich mal NPD, mal DVU, mal Republikaner. Die bieten Bolz und seinen Leistungsträgern schon lange eine Heimat an. Hereinspaziert, nur keine falschen Hemmungen.

     

    Norbert Bolz hat die Schuldigen an der gegenwärtigen Misere ausfindig gemacht. Es sind die Medien. Die Melodie kommt uns bekannt vor. »Die Medienlinke hofiert die Linken und denunziert die Rechten. Auf der Kommunistischen Plattform darf man fröhlich tanzen. Aber wehe, wenn man der Jungen Freiheit ein Interview gibt. Gerechtfertigt wird das mit der alten deutschen Selbstverständlichkeit, das Herz schlage links und der Geist wehe links.« Merkwürdig. Sind es nicht die Bolze und die Sloterdijks und all die anderen Renegaten der 68er-Bewegung, die von den Medien hofiert werden? ARD und ZDF und FAZ und Die Welt als Tanzfläche für Kommunisten? Irgendetwas muss uns entgangen sein.

     

    Bolz setzt noch eins drauf: »Viele Akademiker, Journalisten und Intellektuelle sind aber gar nicht links, sondern maskieren sich nur so, um in ihren Institutionen überleben zu können. Wer einen ›rechten‹ Satz sagt oder schreibt, bekommt viel Zustimmung – hinter vorgehaltener Hand.« Er muss es wissen. Er verdankt seine Karriere der Anpassung an eine längst abgewickelte linke Zeitstimmung an den Universitäten. Doch dann wird er infam: »Hier zeigt sich besonders deutlich, dass sich der nachträgliche Kampf gegen die Nazis in den letzten fünfzig Jahren zu unserer größten Denkblockade entwickelt hat. Sie besteht in der grotesken Gleichung: konservativ=reaktionär=faschistisch.« Im Klartext: Schuld an der gegenwärtigen Diktatur der Einheitsfront von Kommunistischer Plattform und sozialdemokratischer CDU hat der Antifaschismus. Bravo Bolz, nur weiter so.

    »Es gibt ja heute keinen einzigen deutschen Linksintellektuellen von Format – und das liegt eben daran, dass die öffentlichen Gegenstimmen fehlen.« Wenn man das recht versteht, gibt es also keinen einzigen deutschen Intellektuellen von Format. Außer einem. Der eben seine Gegenstimme öffentlich erhoben hat. Sein Name ist – richtig, gewonnen!

     

    Ob das Michael Köhlmeier gefällt, auf dessen Anregung der Preis gegründet wurde, den Norbert Bolz jetzt, nach Franz Schuh und Kurt Flasch, erhält? In Lech. Die Eröffnungsrede hält dort – jawohl, Peter Sloterdijk himself.

     

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    Schöner Text. Gut getroffen. Ja, der Berg des Ressentiments kreiste erneut und gebar ein weiteres Mäuschen. Ressentiments sind wohl eine übergreifende Leidenschaft des politischen Menschen. Unsere Philosophen sind wirklich schon sehr volksnah, da kann man nicht meckern. Inzwischen ist die Aufregung über das postideologische Vakuum vorbei, oder? Er spreche, oder schweige, der Herr Philosoph, zum Denken zwingen lassen wir uns nicht!
    | von AllesIch, 14.09.2011
    Bevor man sich in Links-Rechts-Konfigurationen verliert, sollte man sich vorher etwas besser informieren. Norbert Bolz war nie links, folglich kann er auch gar kein Konvertit sein. Nicht jeder, der über Adorno promoviert, oder über walter Benjamin schreibt, ist ein Linker. Tatsache ist, dass Bolz bei Jacob Taubes in die Lehre ging und dort neben Benjamin auch mit Carl Schmitt zugange war. Als einzigen philosophischen Lehrer, der ihm wahrlich was beigebracht hat, nannte er immer Hans Blumenberg, der in das aufgemachte politische Schema überhaupt nicht passt. Und die Medientheorie und Medienwissenschaft, die er damals und auch heute vertritt hat, liegt jensiets aller politischen Zuordnungen. Und, mein Lieber, auch Sloterdijk kann kein Konvertit sein, zumal er sich zum Sozialdemokratismus auch bekennt. Also: Erst informieren, dann denunzieren!
    | von Randolf02, 14.09.2011
    Selten so einen substanzlosen, agitatorischen Quatsch gelesen.
    | von Bernd, 04.11.2011
    Sehr treffend auf den Punkt gebracht.
    | von Bernd 2.0, 21.02.2012

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