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Kennzeichen T - 14.07.2011

14.07.2011

Athen braucht die Ostmark

Alle Welt schaut nach Brüssel. Die EU hat eine der folgenschwersten Entscheidungen ihrer Geschichte angekündigt. Im Handstreich soll in diesen Tagen der Grundstein gelegt werden für eine historische Reform: Die radikale Reduzierung der Fischfangquoten. Die Folgen für Europa sind unabsehbar. Alle fragen sich: Was sollen Griechen, Italiener und Portugiesen in Zukunft essen? Angeln wird künftig die einzige Ernährungsgrundlage sein, die ihnen bleibt. Die Diskussionen laufen ja bereits: Wenn der Euro erstmal weg ist, kommt die Wiedereinführung des Dorsches. Drachmen kann man schließlich nicht verzehren, und Lire und Escudos auch nicht.

 

Eine Kolumne von MATHIAS TRETTER

 

Landwirtschaft ist auch keine Lösung. Wenn die Länder in der EU bleiben wollen, dann müssen sie die Hälfte ihres Viehs und Gemüses vernichten, und die andere Hälfte zu Dumpingpreisen nach Afrika verschleudern, damit die dortigen Erzeuger nicht auf die Beine kommen – wie man das als europäischer Bauer eben so macht. Übrig bleibt eigentlich nur noch der Wein. Von dem kann man sich tatsächlich ein paar Jahre einigermaßen ernähren – ich weiß da, wovon ich spreche. D.h. ein Großteil von Südeuropa wird bald dauerbesoffen sein.

 

Nun kann man natürlich argumentieren, dass Völker, die sich Berlusconi zum Regierungschef wählen oder ihren Bürgern vierzehn Monatsgehälter auszahlen lassen, egal ob sie Arbeit haben oder nicht, dass die sowieso anständig einen im Tee haben müssen. Von daher wird sich wahrscheinlich gar nicht allzu viel ändern. Weshalb also das Geschrei?

 

Es könnte daran liegen, dass die EU sich immer nur an die kleinen Fische herantraut. Den großen begegnet man eher mit einem sozialpädagogischen Ansatz. Im Fall der Eurokrise sind das die Banken. Und wenn man bei großen Fischen irgendwas erreichen will, dann muss man auch mal barsch sein. Aber nein, die EU sagt denen nicht, wir haben euch in der Finanzkrise den Arsch gerettet, jetzt haltet ihn gefälligst für Griechenland hin, ganz im Gegenteil: Man versucht sie da abzuholen, wo sie stehen. Ganz klassisch, mit der Stärkung der Eigenverantwortung: Wenn ihr Euch beteiligen wollt, dann muss das schon aus Euch selber kommen. Wir als EU-Finanzminister lassen uns Vollbärte wachsen und machen jetzt erstmal einen Gipfel. Davon gabs in den letzten zwei Jahren so viele – Brüssel liegt mittlerweile im Gebirge. Und das ist das Problem: Fische kommen nicht ins Gebirge, und große Fische wie die Banken schon gar nicht. Die wollen immer nur Mehr.

 

Ich persönlich bin für einen kompletten Stopp der Verhandlungen. Ob Banken, Versicherungen oder Regierungen, sie sollten es alle einfach sein lassen. Grade die Bundesregierung ist doch momentan ganz groß im Sein-Lassen. Warum stellt sich Angela Merkel nicht einfach hin und verkündet: »Mein Damen und Herren, das ist ein historischer Tag. Das Parlament hat heute den Ausstieg aus der Entschuldung aller europäischen Länder bis 2011 beschlossen.«

 

Es wäre das Vernünftigste. Zahlungsunfähigkeit ist doch weiß Gott kein Beinbruch. Jeder hat mal einen Engpass. Was tut man bei einem Bankrott? Man meldet Insolvenz an – und macht unter einem anderen Namen weiter. Die Griechen müssten sich einfach nur umschauen, welche Ländernamen grade frei sind. »Jugoslawien« zum Beispiel, so heißt momentan keiner. Sowjetunion. Oder DDR. Das wäre doch was: »Die Deudsche Demogradische Rebubligg, mit dor Haubtstadd Adhen!« Auferstanden aus Ruinen, das würde doch passen.

 

Noch allerdings wird gezahlt. Beim jüngsten Rettungskredit ist Deutschland mit 5 Milliarden Euro dabei. Da ist es fast ein Wunder, dass die Bundesregierung für die schlimmste Dürrekatastrophe dieses Jahrhunderts in Ostafrika auch noch eine Million Euro zugesagt hat. Das sind 10 Cent für jeden Hungernden. Aber die können ja auch weiterhin Fischen gehen. 


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