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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 25. Mai 2017 | 05:09

    Die PANIK-Essays (Teil 3)

    29.05.2011

    Der nächste Nazi-Vergleich, die Sprache und die Balance der PANIK

    Ein sehr deutsches Beispiel für die Sprache der Panik ist der Nazi-Vergleich, der ebenso sicher kommt wie die nächste Katastrophe. Zum Auftreten von Nazi-Vergleichen in öffentlichen Diskussionen gibt es ein in der Netzkultur recht populäres Gesetz: Godwin's law. Von DOMINIK SCHÖNECKER

     

    Dieses Godwinsche Gesetz besagt, dass, je länger eine (Online-)Diskussion dauert, sich die Wahrscheinlichkeit für einen Nazi-Vergleich dem Wert 1 nähert, also immer wahrscheinlicher wird. Dies gilt auch für alle öffentlichen Diskussionen, obwohl hier die Hemmschwelle ungleich höher liegt als im anonymen und deutlich +paranoiden PANIK-Raum des Internets. Der nächste Nazi-Vergleich kommt also bestimmt - und bald. Unklar bleibt in den Diskussionen zur Interpretation dieses Gesetz aber, warum der nächste Nazi-Vergleich jeweils ausgesprochen wird.

     

    Grundsätzlich gibt es hierzu zwei Thesen. So werde er entweder eingesetzt, um eine Diskussion zu beenden, was meist nicht gelingt, da sich lediglich das Thema verschiebt, weg vom eigentlichen Thema und hin zu einer Diskussion über den Vergleich selbst. Hier schadet sich der Vergleichende und gilt dann sehr schnell als Verlierer der Diskussion, der sich durch den Vergleich disqualifiziert hat und abdanken muss. Oder er werde benutzt, um einen bestimmten Zustand, ein Verhalten usw. mit dem Verhalten der historischen Nazis in Relation zu bringen, um die Diskussion für einen Missstand zu sensibilisieren und zu mobilisieren, der dem Vergleichenden ähnlich widerwärtig erscheint wie die Herrschaft der deutschen Faschisten und ihre Gräueltaten. Auch hier aber gilt der Vergleichende fast immer als disqualifiziert und muss zurücktreten.

     

    Nicht zufällig zeigt sich in Politik und Öffentlichkeit die Sprache gerade dort panisch und treten gerade da Nazi-Vergleiche auf, wo es ums Soziale geht, denn hier liegt in den westlichen Zivilisationen einer der Hauptgründe für das Gefühl der PANIK: das »Heer« der Arbeitslosen, der Faulen, der Ungebildeten, der Schmarotzer, der Unwilligen und fürchterlichen Fremden. Das »Heer« ist der PANIK-Begriff für jene im öffentlichen Diskurs unsichtbare und stumme Masse, die droht, eine kritische zu werden.

     

    Was von politischer und gesellschaftlicher Seite derzeit zum Sozialen und zur Immigration gesprochen wird, ist sprachpsychologisch nicht weniger panisch als die Begriffe »Konzentrationslager« und »Nazi«. »Juden-Gen«, »spätrömische Dekadenz« und »Sozialismus« zielen sprachlich in dieselbe Richtung, nämlich in jene, eine abstrakte Panik vor irgendwie gefährlichen Zuständen zu erzeugen, vor denen wir uns fürchten sollen. Die Panik davor streicht dann wie ein knöcherner, kalter Finger über unser Rückgrat, eine abstrakte Panik, die aber doch jeder fühlen kann.


    Dieser Parallelität in der Nutzung und sprachlichen Erzeugung der Panik entspricht paradoxerweise die Balance, die sich trotz allem hält, denn so panisch die Diskussionen geführt werden, es passiert nicht wirklich Schlimmes, zumindest nicht hier, zumindest noch nicht. Wirklich Gutes passiert aber auch nicht, das verweht vor den nächsten Wahlen in Parolen und - erneut - Symbolen.


    Und natürlich hat niemand vor, Lager zu errichten, das ist klar, denn erstens kann man zwar Lager für Terroristen und Illegale irgendwo in der Welt oder in der griechischen Pampa bauen, aber nicht zuhause auf der grünen Wiese neben Aldi, und zweitens ist es auch gar nicht nötig. Wer nichts leistet und sich nichts leisten kann, bleibt sowieso daheim. Media-Markt - Hier kann sich jeder alles leisten! - liefert die Flachbildwelt in tausend kleinen Raten mit tausend kleinen Zinsen und die hässlichen Sofa-Garnituren und Anbauwände zahlt die Arge. Bier und Kippen gibt es billig und die Kinder werden irgendwie von alleine groß, zur Not ruft man halt bei RTL an. Wozu also Lager?

     

    Wer würde denn die Hartz-IV-Sendungen im Assi-TV anschauen, außer der Masse an Nichtstuern und Arbeitsunwilligen? Wer für die Quote des Unterschichtenfernsehens sorgen, wenn es nicht eine neue Unterschicht gäbe, deren Jugend man mit der Hoffnung auf ein besseres Leben als Superstar, Topmodel oder Gangster sedieren könnte? Wer würde den Privatsendern vor der Kamera den schreienden Vater, die unfähige Mutter oder den Messi geben, damit sich Millionen an einem Schicksal aufgeilen oder sich zu Tränen rühren ließen? Wer würde nachgemachten Underberg oder Asbach saufen, wenn es nicht die Zecher vor den Supermärkten gäbe? Die Lager unserer Zeit befinden sich an den Rändern unserer gläsernen Innenstädte und es gibt dort keine Tore, keine Aufschriften in eisernen Lettern und keine Aufpasser mit Maschinengewehren. Es gibt lediglich die Panik derer, die DA nicht raus können und die Panik der anderen, die DA nicht rein wollen.


    Das alles ist zynisch gesprochen und dadurch hilflos. Zynismus ist immer hilflos. Aber die PANIK schwappt auch in diesen Autor, der DA nicht rein will, und die Tiraden sind sein Hyperventilieren.


    Diese Panik-Gewichte halten sich in Balance, sowohl im Reihenhausidyll als auch in den Citys, wo eine neue Eltern-Elite ihre Laras und Finns in allradbetriebenen Retro-Kinderwägen durch schönsegregierte Gassen schiebt, die z.B. in Regensburg so wunderbar italienisch aussehen. Und sie halten sich in den Second-Hand-Kaufhäusern und auf den Flohmärkten, wo adipöse Mütter abgelegte Pullis kaufen und ihren Kindern mit gegrillten Würstchen ihre ohnehin sprachlosen Mäuler stopfen, während die Eltern sich in einer nahezu viehischen Art und Weise anschreien und rauchen. Irgendwo in dieser Welt leben auch noch Wesen hinter hohen Mauern, die nicht wissen, wohin mit ihrem vielen Geld, die sich schon vollständig gelöst haben, die nichts mehr interessiert, aber auch sie wollen nicht zurück und panisch vermehren sie ihr Geld. Aber in Wirklichkeit geschieht nichts, außer dass wir alle zusammen beständig unsere Paniken reproduzieren.


    Das ist die Balance des nächsten großen Dings, der PANIK.


    Diese Balance wurde allzu offensichtlich in der so genannten Bankenkrise, als die nächste Blase nach der letzten und der vorletzten Blase sich zu berstender Größe aufgeblasen hatte, Risse bekommen hatte wie eine zu heiß gekochte Wurst und schließlich auch platzte wie eine Wurst. Es drohte der Untergang von allem und allen, totale Endzeitextase wie am Tag 9/11. Auch bei der Krise verfolgte man zwar den Untergang der Weltwirtschaft im Live-Ticker der Nachrichtensender, aber es geschah nichts. (Auch der dem 11. September folgende Krieg in Afghanistan geschieht für die meisten Menschen hierzulande und anderswo nicht, sondern ist eine Meldung nach der Innenpolitik und vor dem Wetter.) Nach der Krise, nach dem Transfer von Geldsummen in unvorstellbaren Größenordnungen, war alles wie zuvor, Banker zahnten wieder in die Kameras, die Citigroup nannte sich um in TARGO-Bank und die Griechen, die Portugiesen und die Iren werden sicherlich auch nicht vom Erdball verschwinden, auch wenn die Schuldenlast die Billion (PANIK!) überspringen sollte.

     

    Und dennoch wuchert es weiter und immer weiter, wird immer mittransportiert in allen Meldungen und Verlautbarungen, wenn es um Milchbauern, Kurzarbeiter und die Auswirkungen der Krise auf den Arbeitsmarkt, die Steuer/Schuldenlast, Stuttgart 21 und die Konjunktur geht.


    Wir alle, die wir in Freiheit, Frieden und Wohlstand leben, produzieren jederzeit eine Panik, die wir beständig durch unsere Sprache füttern und am Laufen halten, denn die Bewegungen der Panik schaffen gleichzeitig Angst und Ruhe, vergleichbar mit dem Gefühl auf einem Grat. Man spürt den Abgrund und fürchtet den Sturz, aber man muss den nächsten Schritt ruhig setzen, muss auf den Wind achten, Ruhe bewahren usw. usf. Das Faszinierende an unserer heutigen Gesellschaft ist deshalb nicht, dass sie, zumindest in weiten Teilen Europas, frei, demokratisch und gerecht ist, sondern dass die nächste Katastrophe stets von irgendwoher droht, immer und überall von ihr gesprochen wird, sie aber nicht eintritt. Nur die Panik vor ihr tritt ständig ein und reproduziert sich fortlaufend vor allem im Netz, wo sich die Kommentare zu allen möglichen Themen unendliche panische Kaskaden auffächern lassen.


    Die nächsten Jahrzehnte werden mehr und mehr Jahrzehnte der Panik werden, weil dem System sich potenzierender Informationen immer mehr PANIK-Energie zugeschossen wird, von allen Seiten und von uns allen.

     

    Die PANIK und das nächste NICHTS

    Es ist nichts geschehen. Es geschieht nichts. Es wird auch nichts geschehen.

    Oder doch?

    PANIK.

     

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