Sie wird medial vor allem in so genannten Edutainment-Formaten geschürt von den Panik-Wissenschaftlern der neuen Super-Sciences, die man früher auch Naturwissenschaften nannte: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass, wo und wann die nächste Mega-Eruption bevorsteht, dass der nächste Monster-Meteorit uns trifft, dass die nächste Freak-Wave unseren Luxusliner zur Titanic in die Tiefe hinab schickt? Sind wir die nächsten Dinosaurier und dem baldigen Untergang geweiht? Wann? Auf eine Jahrhundert-Flut mit Tausenden Toten folgt ein gigantischer Vulkanausbruch, dessen Aschewolke den gesamten europäischen Flugverkehr über Wochen immer wieder zum Erliegen bringt, der wärmste Sommer folgt dem kältesten und schneereichsten Winter, die Meeresspiegel steigen und Bangladesch wird es bald nicht mehr geben. Schnell hin! Last minute! Das Klima existiert nur noch als panischer Superlativ in der Sprache der PANIK und des Monströsen der Natur. Die Möglichkeit einer „Katastrophe globalen Ausmaßes“ wird immer und immer wieder beschworen, sei es wegen eines Virus und der Gefahr einer Pandemie, oder wegen der Erwärmung des Planeten und all den grausamen Folgen, die damit zusammenhängen. Immer wird das Gefühl beschworen, dass der nächste Tag die nächste Katastrophe bringen kann, die dann die letzte sein wird, das Ende der Zivilisation.
Der panische Mensch hat eine Affinität zu seinem eigenen Untergang entwickelt. In seiner Masse, in den provinziellen Grassroots und den neuen urbanen Persönlichkeits-Avantgarden, gesteht er sich oft lautstark und bunt die Schuld an allen Übeln der Welt ein. Der Mensch führt Kriege, der Mensch mordet, der Mensch hat Auschwitz erdacht und gebaut, der Mensch vergiftet den Planeten mit seiner Anwesenheit und seinem Fortschritt. Hat nicht der Mensch auch schwimmende Bohrinseln erdacht und gebaut? Change! Now! Die panische Wahl Obamas zum Präsidenten der kindischsten aller Großmächte, der Jubel in Europa und Afrika und allen Enden der Welt über das Ende des Missionars Bush und die panische Reaktion seiner Gegner sind immer weltrelevante Ausdrücke hierfür. Und gleich darauf folgte dann die noch panischere Verleihung des Friedensnobelpreises an den neuen Hoffnungsträger. Wir hoffen gerne und wir hoffen, wie wir feiern: euphorisch. Euphorie ist aber nur die andere Seite der PANIK, die aufs Positive hin gefaltete PANIK. Das „Alles wird scheiße“ wird zum „Alles wird super“, die Gerechtigkeit wird siegen, die Armen werden nicht ärmer, dafür aber die Reichen und es wird Schluss sein mit der Ausbeutung unseres Planeten. Wir, die versammelten repräsentierten Erdenbürger, schwören: Wir werden alles dafür tun, dass sich die ERDE um nicht mehr als zwei Grad Celsius erwärmt! Gemeinsam schaffen wir das! Wie eine Stampede trampeln wir in unserer Euphorie/PANIK immer weiter und halten uns gegenseitig an den Händen, oder hauen uns die Fressen blutig. Und ich fürchte, dass WIR gar nichts tun werden, außer immer weiter zu laufen. Und WIR werden uns fürchten und diese Furcht wird ausgenutzt werden von denjenigen, die sich weniger fürchten als WIR. Und WIR werden uns freuen und feiern. Neben dem rein Symbolischen eines Händedrucks wird nichts passieren.
Der panische Mensch ist ein Büßer, der den Strafen des von ihm geschundenen Planeten nichts entgegenzusetzen hat und diese geradezu herbei fiebert, wie der Zuschauer bei einem Autorennen den spektakulären, den tödlichen Crash. Das Natur-Gericht hat das Gottes-Gericht abgelöst. Die drohende Katastrophe ist das Normale geworden, das Erwartete, aber noch tritt sie gottlob immer irgendwo anders ein. Der Ausfall des Flugverkehrs durch den Ausbruch eines isländischen Vulkans war nur ein Vorgeschmack auf Schlimmeres. Zunächst aber sollen WIR Opfer bringen, um den Planeten zu besänftigen, der sich zu erheben droht und seine soziale Grausamkeit dadurch beweist, dass er nicht Dubai, sondern Port-au-Prince mit einem gewaltigen Beben vernichtet, nicht die Villen, sondern die Slums von New Orleans überflutet hat. Der moralischen Kälte der Natur aber hat unsere Zivilisation mit ihren Religionen und Ethiken nichts entgegenzusetzen, keine Schamanen, die sie mit Feuer- oder Tieropfern besänftigen könnten, sondern nur die PANIK ihrer Mitglieder, die sich in ihrer Sprache zeigt, in ihren Utopien des Untergangs. Ein Sein zur PANIK, das sich in den nächsten Jahren noch verstärken wird.