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    Montag, 26. Juni 2017 | 02:10

    Kennzeichen T - 20.04.2012

    20.04.2012

    Sonnenuntergang an der Costa del Soli

    Ich habe es an dieser Stelle mitunter schon erwähnt: Ich lebe seit ein paar Jahren im Land der aufgehenden Sonne. Für alle, die nicht so schnell googlen können, wo die Sonne aufgeht – es ist im Osten. In Sachsen-Anhalt, zum Beispiel. Nennt sich nicht umsonst »Land der Frühaufsteher«. Wenn dort die Sonne auf die Reise geschickt wird, geht man in Köln gerade ins Bett.

     

    Eine Kolumne von MATHIAS TRETTER

     

    Und weil die Sachsen-Anhaltiner eben mit der Sonne ganz dicke sind – denn die gehört zu den wenigen, die zurückkommen, wenn sie mal im Westen waren –, weil sie sozusagen Sonnenanbeter sind, hatten sie bislang den Weltmarktführer für Solartechnik im Land, Q Cells. Und zwar in Bitterfeld. Bitterfeld wiederum war vierzig Jahre lang so was wie der industrielle Donnerbalken der DDR; Sonnenlicht gibt’s dort erst seit 1999, da sind die letzten Chemiewolken abgezogen. Und in der Euphorie über die plötzliche Helligkeit wurde Q Cells gegründet.

     

    Seitdem war Bitterfeld Boomtown. Das konnte sich Frankfurt an der Oder natürlich nicht gefallen lassen. Brandenburg ist ja das Sachsen-Anhalt Polens, während Sachsen-Anhalt das Brandenburg von Niedersachsen ist. Oder so. Wie auch immer, so eine alte Kellerkinderkonkurrenz jedenfalls. Also haben sie sich in Frankfurt/Oder das zweitgrößte Solarunternehmen der Welt in die Stadt geholt, First Solar. 1200 Arbeitsplätze, 45 Millionen Subventionen. Erst vor sechs Monaten wurde die zweite Fabrik eingeweiht.

     

    Beide, Sachsen-Anhalt und Brandenburg, waren also auf dem besten Weg zum Tigerstaat. Und jetzt das! Q Cells hat Insolvenz angemeldet, und First Solar schließt den Standort. Wie bei den meisten Sauereien sind die Chinesen schuld. Die sind noch weiter im Osten, also noch näher an der Sonne. Und sie haben eine Umweltverschmutzung, dagegen war das Bitterfeld der Achtziger ein Lungensanatorium. Dazu haben die Chinesen auch noch die Personalkosten eines Arbeitslagers – kein Wunder, dass die plötzlich die billigsten Solarzellen produzieren!

     

    Deshalb gibt es jetzt ein Überangebot. Nichts für ungut, aber das hätten die Pleite-Unternehmen auch früher kapieren können. Selbst für Laien wie mich – ich betreibe meinen Haushalt traditionell mit einem Energiemix aus Steckdosenstrom, Muskelkraft und Red Bull –, selbst für mich war das nach den letzten beiden Sommern klar. Ich saß im Juli im Norweger-Pulli beim Italiener in der Sonnenstraße – wer braucht da noch Solarmodule? Schauen Sie aus dem Fenster: Wind ist die Energie der Zukunft!

     

    Prompt hat die Bundesregierung die Förderung für Solaranlagen zusammengestrichen. Wenn Sie jetzt im Ruhrgebiet am Radio sitzen, glauben Sie nicht, dass ich das nicht mitbekomme – Ihre Schadenfreude. Nach dem Motto: Den Solidarpakt haben wir nicht klein gekriegt, aber zumindest der Solarpakt ist hin! Ich kenn’ doch dieses innere Gelsenkirchen, dass Sie alle in sich tragen: »Wir leeeeren den Ossis die Schnorrertaschen aus, Schnorrertaschen aus, Schnorrertaschen aus!!!«

     

    Ja, man merkt, es ist Wahlkampf in NRW. Mama Merkel will ihren Röttgenbub unbedingt als Landesvater installieren. Deshalb diese neuerliche Energiewende: Raus aus der Atomkraft und Geldhahn zu für alternative Stromerzeugung. Was bleibt, ist die Steinkohle. Und da wird an der Ruhr natürlich gejubelt und das Kreuzchen bei Kohle-Nobbi gemacht. Mit der Rückkehr zur fossilen Feuerei wird das Ruhrgebiet das Bitterfeld des neuen Jahrtausends – nur noch viel bitterfeldiger: Es boomt, und man kann die Sonne nicht sehen. Wie früher eben.

     

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