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Kennzeichen T - 03.03.2012

03.03.2012

Wie ein Hot Dog in der Taliban-Kantine

»Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen«, hat Albert Camus geschrieben, und es deutet viel darauf hin, dass ihm dabei die Linkspartei durchs Unterbewusstsein spukte. Der berühmte Satz wird in diesem Jahr siebzig Jahre jung – und ist damit genauso rüstig, wie die Politik der lustigen Klassenkämpfer um Gregor Uljanow Gysi.

 

Eine Kolumne von MATHIAS TRETTER

 

Die haben sich diese Woche mal wieder einen ordentlichen Klops geleistet, den sie jetzt ein paar Wochen glücklich sinnlos den Berg hinaufrollen können. Genauer gesagt ist es eine Seniorin aus Paris, die sich da hochbugsieren lässt; und man wundert sich, dass Beate Klarsfeld die Purzelbäume, die dazu nötig sind, tatsächlich mitmacht.

 

Was Eitelkeit so alles anrichtet! Joachim Gauck würde doch eigentlich reichen. Der gockelt seit Jahren mit der Gesalbtheit eines Altpräsidenten durchs Land, und kriegt nun – Gottseidank! – endlich den Misthaufen, auf dem er schon immer krähen wollte; muss jetzt auch noch eine Konservative die Grüßaugustine des Parlamentsproletariats geben – für die paar Stunden halbes Rampenlicht? Klarsfeld ist bekennende Anhängerin von Sarkozy und Israel, das passt zu Oskar Lafontaine wie ein Hot Dog in eine Taliban-Kantine.

 

Klarsfeld meint, sie würde von Deutschland nun die Anerkennung kriegen, die sie schon lange verdient. Und zwar als hoffnungslose Zählkandidatin von linkverspießerten SED-Erben – ist das Demenz? Oder 50 Jahre Paris? Möglicherweise weiß sie gar nicht, für wen sie da kandidiert. Die Linke, das ist in Frankreich alles von Francois Hollande bis zur Uni von Nanterre; bei uns ist es das Ödland zwischen Gesine Lötzsch und Klaus Ernst. Aber das kriegt man eben nur mit, wenn man täglich die hinteren Seiten der deutschen Presse liest. Im Figaro heißt die deutsche Linke Angela Merkel.

 

Und die Linkspartei hat ja auch eine berüchtigte Tradition bei der Ausnutzung desorientierter Senioren – Peter Sodann wartet heute noch auf seine Wahl. Dann waren da noch die Kandidatenomas Uta Ranke-Heinemann und Luc Jochimsen, beide zum Zeitpunkt ihrer Nichtwahl auch schon Mitte siebzig. Wie Klarsfeld jetzt. Böse Zungen sprechen bereits von der »Schabrackenquote«.

 

Die Linke gibt sich unbedarft. Schamlos in der Geriatrie zu wühlen, das hat nichts mit Profilierungssucht zu. Die Altersarmut steigt, und eine sozialistische Partei muss sich darum kümmern. Kaum ein Rentner in Deutschland ist ja so angemessen versorgt wie Christian Wulff. Für die Anreise zur Bundesversammlung gibt es eine Aufwandsentschädigung von 60 Euro, das sind aufs Jahr gerechnet 5 Euro mehr im Monat für die alte Dame. So eine Rentenerhöhung würde die Bundesregierung niemals durchkriegen. Ganz abgesehen vom emotionalen Kapitaltransfer: Bis zur Präsidentenwahl erhält Frau Klarsfeld jetzt noch siebzehn Tage Zuwendung, mehr als manche Altenheime ihren Insassen in einem Jahr gewähren.

 

Aber vielleicht, vielleicht – unterschätze ich Beate Klarsfeld auch ganz schmählich. Sie war immerhin Nazijägerin und ist schon einmal mit einem durchtriebenen Plan zu Weltruhm gelangt. Wenn Sie nur ganz kurz nachdenken, meine Damen und Herren: Gäbe es eine geeignetere Gelegenheit als eine Bundespräsidentenwahl, um Oskar Lafontaine eine zu knallen? Und dann müssen Sie sich die Linken tatsächlich als glückliche Menschen vorstellen.

 

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