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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 27. Mai 2017 | 04:20

    Kennzeichen T - 22.02.2012

    22.02.2012

    Von Bundesprunk und Bundesstunk

    Heute ist der erste Tag der Fastenzeit, aber der Faschingsprinz ist schon letzten Freitag zurückgetreten. Christian, der Erste – seit neuestem auch bekannt als »der Mietnomade von Bellevue.« Die Asche, die er sich als Ministerpräsident eingesteckt hat, musste er sich schließlich aufs Haupt streuen. Und nun spricht der Staatsanwalt den Aschermittwochssegen: »Memento homo, quia Wulffis es, et in Wulfferem reverteris.« Bedenke Mensch, dass du ein Abstauber bist, und zum Abstauben zurückkehrst.

     

    Eine Kolumne von MATHIAS TRETTER

     

    Vierzig Tage Läuterung liegen vor uns, liebe Brüder und Schwestern, aber nur dreißig Tage bleiben, um den neuen Bundes-Gauck zu wählen. Und ich hatte so auf Abstinenz gehofft! Ich war kurz sogar geneigt zu glauben, die Kanzlerin gehe in die Wüste, um mal ein bisschen in sich zu merkeln. Aber nichts da! Wir werden binnen Monatsfrist die nächste Prunksitzung erleben: »Bundesversammlung«, so heißt die lustige Zusammenkunft, und wenn Sie im Verfassungsrecht jetzt nicht so firm sind – es ist so was Ähnliches wie die Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst.

     

    Jetzt Bundespräsident zu werden – mehr Humor kann man nicht beweisen. Aber wir wissen natürlich: Bei echten Clowns steht immer Verzweiflung dahinter. Joachim Gauck ist Pastor, Mecklenburger, nennt sich selber einen liberalen Konservativen. Das sind gleich vier Minderheiten, die in dieser Gesellschaft keine Chance mehr haben.

     

    Er möge so schnell wie möglich gewählt werden, damit uns zumindest noch ein bisschen von der Fastenzeit bleibt. Wir brauchen spirituelle Aufrichtung. Schon Weihnachten hat uns Wulff verhunzt, an Dreikönig ist im Saarland die Koalition zerbrochen, dieser Aschermittwoch steht ganz im Schatten des Präsidialdebakels; ich kann nur sagen, Herr Gauck, wenn Sie auf die Idee kommen, am Palmsonntag eine frühere IM-Tätigkeit einzugestehen, dann konvertier’ ich zum Talibanismus.

     

    Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, liebe Hörer, ich will bis Ostern Ruhe. Einkehr. Und vor allem Abstinenz. Kein Fleisch, kein Alkohol, keine Süßigkeiten – geschenkt! Das tragen wir dem Herrn seit 2000 Jahren an; irgendwann hat der auch mal genug. Es braucht ein echtes Opfer, um den neuen Bund zu erneuern: Keine Talkshows, keine Pressekonferenzen, keine Euro-Rettung! Bis Ostersonntag. Ich will Angela Merkel erst im Hasenkostüm wieder sehen. Rösler als Lamm, den Erzengel Gabriel und Guido Westerwelle beim Eiersuchen. Ich möchte sogar die Karwoche verkürzen – wenn ich das Wort »Gründonnerstag« höre, denk’ ich ja auch wieder an Politik: Das klingt, als hätte Renate Künast ihre Tage.

     

    Selbstverständlich mach’ ich mir keine Illusionen: Verzicht kann nur ich selber üben, auch wenn jetzt ein Pastor Staatsoberhaupt wird. Ich schneide die Kabel von Radio, Glotze und Computer durch, versenk’ das Handy und vernagel’ den Briefkasten. Und dann 40 Tage Stille. So wie die Politik momentan läuft, sind das mindestens zwei Epochen. Wenn ich am 8. April wieder reinzappe, stimmt grade eine schwarz-grüne Minderheitsregierung unter Kanzlerin Roth über die Einführung des Yuan als Gemeinschaftswährung ab, Gauck hat schon zwei Weihnachtsansprachen gehalten, und Wulff ist Korruptionsbeauftragter in Brüssel. Und auf dem Petersplatz erklingt der Weltsegen: »Rama rama hare hare, Manituh’u akbar!«

     

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