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1982: Mein Job als Kaspar (der ganz rechts...) 1982: Mein Job als Kaspar (der ganz rechts...)

Der FUTTERblog - streng verdaulich!

17.01.2012

Das letzte Plätzchen - Gott sei Dank!

Gestern habe ich das letzte Plätzchen gegessen. Es war eine prähistorische Echse mit knallpinker Zuckerlasur. Die hat mir mein Neffe Toni geschenkt. Das Gebäck hat er selbst gemacht, beziehungsweise selbst aus dem Teig gestochen. Toni ist fünf Jahre alt, und da er eben auf Sterne, Engel, Weihnachtsbäume und den ganzen Advents-Kokolores nicht so steht, haben seine Eltern zur Wahrung des Familienfriedens neben Ochs und Esel auch noch einem Brontosaurier und einem Tyrannosaurus eine zentrale Rolle in der Weihnachtsgeschichte eingeräumt. Von meinem Freund Jürgen habe ich sogar einen Satz Penisse aus Mürbeteig bekommen.

 

Eine Kolumne von PHILIPP WEBER

 

Kein Witz! Die Ausstechformen heißen »Cookie Cutter Penis« und kosten bei Amazon 12,99. Jetzt brauche ich eine zusätzliche Dose, damit meine Mutter keinen Herzinfarkt bekommt, wenn Sie statt einem Vanillekipferl plötzlich einen zuckerbestreuten Riesendödel in den Händen hält. Es ist unglaublich, was es mittlerweile für Ausstechformen gibt: Totenköpfe für den besinnlich gestimmten Linksautonomen, Simleys für SMS-Junkies, Buddhas, Fußballer, Zahnbürsten ... Schauen Sie ins Netz! Es gibt nichts, was man heutzutage nicht zum Plätzchen stechen könnte. Man findet sogar »Reichtstags-Förmchen«. Als ginge mir die Regierung nicht schon genug auf dem Keks. Arbeitsplätzchen! Darum sollte sich Frau Merkel kümmern.

 

Aber Plätzchen backen scheint wieder tierisch im Trend zu sein. Denn ich bekomme jedes Jahr mehr und mehr davon geschenkt, tonnenweise ... Das ist ja auch nett. Mein Problem ist nur: Ich hasse Plätzchen. Wenn ich die Kombination von Vanille und Zimt nur rieche, würde ich am liebsten sofort zum Islam übertreten, nur um diesem Weihnachtsterror zu entgehen. Ich esse das Zeug bloß, weil ich es noch mehr verabscheue Lebensmittel wegzuschmeißen. Wobei ich mir oft denke, wenn die Kokosmakronen von meiner Mutter eh in der Toilette landen, warum spare ich mir eigentlich nicht den kurzen Umweg über den Magen.

 

Dieser Widerwillen liegt wohl an der Überdosis, die ich in meiner Kindheit genossen habe. Ich war nämlich Sternsinger: drei Jahre Kaspar, zwei Jahre Melchior und ein Jahr Balthasar. Melchior war der härteste Job. Das ist der Mohr. Und die Schuhcreme im Gesicht hat gejuckt als hätte man seinen Kopf in einen Christbaum gesteckt. So pilgerten wir durch die eisige Kälte von Haus zu Haus, sangen unsere Lieder, malten mit steif gefrorenen Fingern unsere Initialen über die Türe. Und was gab es zum Dank? Plätzchen. Immer nur Plätzchen! Und falls Sie jetzt glauben, das Gebäck war frisch und warm und duftete nach Vanille und Zimt, um das Kommen des Herren zu preisen ... Pustekuchen! Die Dinger waren steinhart, staubtrocken und muffelten nach der alten Dose, in der sie wahrscheinlich schon vor Christi Geburt verstaut worden waren. Und je länger der Tag, desto mehr Plätzchen wurden es. Tragen Sie mal als 9-Jähriger 20 kg Mürbteig durch die Pampa. Als hätten wir an Sammelbüchse und Weihrauchfass nicht schon genug zu schleppen gehabt. Wir waren keine Sternsinger, nein, wir waren die Müllabfuhr für ausrangiertes Weihnachtsgebäck!

 

Deswegen an alle blindwütigen Hobby-Bäcker da draußen: Wer Plätzchen produziert, muss auch dafür sorgen, dass diese fach- und kindgerecht entsorgt werden. Und wenn die Heiligen Drei Könige das nächste Mal vor Ihrer Haustür stehen, denken Sie bitte daran: Die Weisen aus dem Morgenland sind einen weiten Weg gekommen und wollen das, was alle Monarchen in diesem Alter wollen: SCHOKOLADE!

 

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